Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1912)
- Date
- 1912-04-26
- Page
- Seite 197 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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ffc schönen Augen, schön geformtem Munde, schöner Nase, zarten, weißen Händen, das runde kleine Käppchen oder den großen dreieckigen breiten Hut aus dem Kopse,- immer fein gekleidet, beim Sstaziergange das spanische Rohr mit großem Goldknopfe in der Hand, schon durch die äußere Erscheinung Ehrfurcht einflößend. ' Der Spazierstock, den die spätere Witwe dem befreundeten Medizinalrat Dr. Metternich in Mainz geschenkt, vererbte/ sich laut 2 einer testamentarischen Bestimmung auf den ältesten Sohn in der Familie; ein Rückkauf für die Familie Levi wurde kurzerhand abgelehnt. . Levi gehörte zu den wenigen Rabbinern damaliger Zeit, die mit großem rabbinischen Wissen humanistische Bildung und feinste gesellschaftliche Formen verbanden. In sehr jugendlichem Alter als Rabbiner nach Worms berufen, heiratete er, kaum 20 Jahre alt, Pessel Hall, eine-junge Witwe, , die nach 10 jähriger Ehe starb; auch seine zweite. Frau, die Tochter des sehr angesehenen Hirsch Worms von Saarlouis, dessen Bruder der Stammvater der hervorragenden Familie Worms in Frankreich war, starb bald; er heiratete dann deren Schwester Brendelchen, später Sara genannt, eine junge, schöne', geistreiche, brave und wohltätige Frau. Beim Ausbruche der französischen Revolution war Levi Rabbiner in Worms. Da er zu den Notablen der Stadt zählte und fürchten mußte, von den Franzosen bei Ueberwältigung des linken Rheinusers als Geisel mitgenommen zu werden, flüchtete er mit Frau und Kind nach Frankfurt. Dort hielt er sich 11 Monate lang auf, bis der Sturm vorüber und Ordnung zurückgekehrr war. Im Grunde seines Herzens' war er der französischen Freiheits- und Gleichheitsidee sehr gewogen, wie er später auch von hoher Bewunderung für Napoleon erfüllt war, wovon mehrere hebräische Oden und Gebete sowie Predigten zur Ehre desselben Zeugnis gaben. Weil durch die Revolution und Einverleibung von Worms samt dem linken Rheinuser die jüdische Gemeinde sich ausgelöst hatte, erklärte eine Versammlung sämtlicher Juden der Stadt die Notwendigkeit der Wiedererrichtung der Gemeinde. Nahezu hundert Unterschriften enthält das Aktenstück/ das sich im Archiv der hiesigen jüdischen Gemeinde befindet, in welchem die Unterzeichner sich verpflichten, einen Rabbiner, einen Vorbeter und einen Schächter anzustellen, und alle Institutionen zu schaffen, die zu einem jüdischen Gemeindewesen gehören. In damaliger Zeit waren in Worms sehr wenige Leute, - die der französischen Sprache mächtig waren, Rabbiner Levi vielleicht der einzige, der sie geläufig sprach und kursorisch las. Da man das in der Stadt wußte, versammelten sich eine Zeitlang allabendlich Bürgermeister und Gemeinderat und andere vor dem Hause des Rabbiners in der Judengasse, der ihnen dann den Inhalt der angekommenen Pariser Zeitung sogleich deutsch vorlas, was sein Ansehen in der Stadt nicht wenig vermehrte. Im Jahre 1789 wurde die Erinnerung an die vor hundert Jahren zerstörte Stadt Worms durch die Franzosen durch gottesdienstliche Feiern begangen. Es ist interessant, das Programm zu erfahren, welches dieser Feier in der hiesigen jüdischen Gemeinde zugrunde tag. Laut einer Mitteilung des „Wormsischen Leitungs- und' Intelligenz-Manual" vom 30. Mai 1789 hatte die jüdische Gemeinde folgende' Bekanntmachung erlaßen: „Auf Befehl E. Hochedlen Magistrats wird dieses Dankfest von der hiesigen Judenschast auf den Psingstdienstag ebenfalls gefeiert. Dieselbe haben 10 Reichsthaler Straf darausgesetzt, wenn sich ein hiesiger Schutzjude auf diesen Tag entfernen wollte. Gleich nach der Frühschule wird mit; Absingung des 18., 22., 27., 30., 31., 35., 40., 46.^54., 56.^ 64., 66., 71., 85., 86., 113., 118. und 124. Psalms die Feier eröffnet. Hiernächst um 9 Uhr-erscheint sämtliche Judenschast in ihren Sabbathskleidern vor des Rabbiners Samuel Levi Behausung und um ¥A0 Uhr ziehen dieselbe Paarweiß in folgender Ordnung zur Schule: 1. kommen die Bruderschaften und Schulmeister mit ihren Schülern, hieraus folgt der Oberrabbiner, die Vorsteher und Kastenmeister samt ihren Beamten, endlich aber die ganze Judengemeinde. In der Schule ’nrirb' alles mit Lichtern illuminiert und mit Ehrenpforten von grünen Maien mit anhängenden Blumen und Zitronen geschmückt, der Altar aber mit reichen Decken geziert. Hieraus wird der. Oberrabbiner eine dieser Feier. angemessene Rede halten, nach welcher noch viele Psalmen abgesungen werden. Vor bemeldetem feierlichen Zuge tragen die ledigen Juden eine große, mit Sr. Kaiserlichen Majestät und der Reichsstadt Worms Wappen gezierte Tafel mit der Unterschrift: Es lebe Ihre Kaiserliche Majestät und unsere gnädige Herrschaft, wie auch sämtliche Bürger und Judenschast!" — Interessant ist folgende Tatsache, die nicht nur von der Rednergabe Levis, sondern auch von seiner Macht und seinem Einflüsse aus die Gemüter der Gemeinde Zeugnis gibt, Das Schriftstück befindet sich im Archiv der hiesigen israelitischen Gemeinde. Es waren aus der Gemeindestube mehrere tausend Gulden Pupillen- und andere Gelder in eiserner Kiste verwahrt und über Nacht daraus .gestohlen worden, worüber dann natürlich Jammer und Klage in der Gemeinde erfolgte. Das kleine Eigentum und . die Ersparnis vieler geringer Leute, insbesondere vieler Witwen und Waisen, war plötzlich verschwunden, und der Täter konnte nicht ermittelt werden. Da ordnete Rabbiner Levi einen Fasttag an, an dem alle Gemeindeangehörige bis zum dreizehnten Jahre herab, mit Ausnahme schwächlicher Frauen, in der Synagoge, erscheinen sollten. Als . dies geschehen und die Synagoge dicht , gefüllt war, kam Levi im Sargenes, begleitet vom Vertreter und Schosarbläser, gleichfalls im Sargenes, und stellte sich mit ihnen vor die heilige Lade, die Thorarolle aus derselben holend und hoch im Arme haltend. Darauf ließ er, wie am Roschhaschonoh, Schofar blasen und hielt dann eine eindringliche ergreifende Rede an die Versammelten, das Unglück schildernd, welches der Diebstahl über so viele arme und geringe Leute gebracht habe. „Jch glaube den Täter zu kennen oder vermute ihn. doch," sagte er, „und.bitte ihn fußfällig, das Geld wieder zurückzubringen (zu welchem Ende er drei Häuser Gezeichnete, in welchen es geschehen konnte, ohne bemerkt zu werden, wie er dann auch jedermann befahl, an den nächsten drei-Abenden zu. Hause zu bleiben, seine Tür aber offen zu lassen,, damit kein. Nachbar % Samuel Levi, Mitglied des Pariser Sanhedrin.