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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-04-26 · Heft 17 (26.4.1912) · p. Seite 196

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 17 (26.4.1912)
Date
1912-04-26
Page
Seite 196 (sequence 4)
Language
German
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dem Gericht übergeben wurde. Anderseits, ist zu bemerken, daß die Untersuchungsbehörde von einer Anklage .gegen Beilis nicht viel wissen wollte und seine Unschuld für ziemlich erwiesen ansah. Der Schuldverdacht, richtete sich schließlich mehr und - mehr auf eine gewisse Wera Tscheberjak, eine Frauensperson Von sehr dunkler Vergangenheit, in deren Wohnung sich — wie festgestellt würde — regelmäßig eine Diebesbande zu versammeln pflegte. Wie man annirnrnt, ist der Mord unter ihrer Leitung von einem gewissen Latyschew und Mari- . sylewski ausgesührt -worden, die beide zu der genannten Diebesbande gehörten.. Außerdem wird der Stiefvater des Ermordeten, Luka Prichodka, wie auch der Onkel Juschtschinskis, Fedor Neschin, verdächtigt. Beide haben eine sehr reiche kriminelle Vergangenheit, und es ist /anzunehmen, daß der ermordete Juschtschinskis sehr viel über die Tätigkeit der Diebesbande, zu welcher auch sein. Stiefvater gehörte, gewußt hat. - Selbstverständlich war' es unter diesen Umständen der Wunsch dieser Bande, sich von einem solchen unbequemen Zeugen zu ' befreien. Bald nach dem Tode Juschtschinskis starben übrigens unter geheimnisvollen Umständen die beiden nächsten Spielgefährten des ermordeten Knaben: Schenja Tscheberjak und dessen Schwester. Man geht wohl nicht fehl mit der Annahme, daß auch diese beiden Kinder ihren Tod fanden, weil sie zuviel von'dem verbrecherischen Treiben ihrer Mutter und deren „dunklen Freunden" wußten. Soweit der dem Prozeß in Wahrheit zugrunde liegende Tatbestand. 'Es bedarf wohl keines Hinweises, daß die Art; wie die. russischen Behörden daraus eine Anklage wegen Nitualmordes gegen Beilis zu konstruieren versuchen, zum mindesten ungewöhnlich ist. Von anderer, scheinbar gut unterrichteter Seite wird geschrieben: Ob der mit solcher . Spannung erwartete Ritual-/ mordprozeß, den die russische Justiz arrangiert, noch im Lause dieses. Frühlings stattfinden wird, wird immer fraglicher. Es scheint, daß die „echtrussischen" Fanatiker jetzt entgegen ihrer früheren Taktik selber den Prozeßtermin möglichst verschoben sehen möchten, um einerseits das Handwerk der Pogromagitation.in der Zwischenzeit um so gründlicher ausüben -zu können, anderseits aber um für den entscheidenden Moment besser gerüstet zu sein. Denn es ist kein Geheimnis, daß die Anklageschrift gegen den angeblichen Ritualmörder Beilis ein klägliches Machwerk ist. Nichts belastet darin den Mann, dem der Knabe Juschtschinski zum Opfer gefallen sein soll, und mit ebensolchem Recht könnte jeder andere Jude — wie Nichtjude — hinter Schloß und Riegel gesperrt und der Tötung Juschtschinskis bezichtigt werden. * Vor einigen Tagen wurde in Rom im Instituto Po ntisicio die neue Lehrkanzel für das Studium der hebräischen Bibel un d der r ab b inisch e n Lit er atür feierlich eröffnet. Diesem Lehrstuhl ist eine Musterbibliothek und ein Museum angegliedert, welche wertvolle Werke und Antiquitäten betreffend die ältere Geschichte und Literatur der Juden enthält. Die Lehrkanzel für die hebräische Bibel und die räbbinische Literatur ist dem. deutschen Jefuitenpater Fo nck, dem Verfasser einer vielbeachteten Studie über die Flora in der Bibel, anvertraut. Den Jnaugurationsvortrag hielt Professor Pater Kamen s, ein französischer Jesuit, über den Islam, mit besonderer Berücksichtigung der hebräischen, biblischen und rabbinischen Elemente im Islam. Professor Lamens zeigte sich in feinem Vortrage außerordentlich vertraut, mit der einschlägigen hebräischen Literatur. Besonders viel bemerkt wurde es, daß er in seinem Vortrage nicht nur christliche, sondern auch die bedeutenden jüdischen Autoren auf diesem Gebiete zitierte. Das Rektorat des Jnstituto Pontificio beabsichtigt, die Vorlesungen dieser Anstalt, sowie ihr Museum und ihre Bibliothek auch Studierenden nichtchristlicher Konfession zugänglich zu machen. * Die in den letzten Tagen in. Marokko ausgebrochenen Unruhen sind leider nicht ohne Raub und Mord im Judenviertel der Hauptstadt verlaufen. Es wird darüber telegraphisch berichtet: Paris, 2 2. April. (W. T. B.) Nach einer Havasmeldu ng aus Tangersind bei der P l ü n d e r u ng des Iudenviertels in Fez etwa 100 0 Jude'n getötet worden. Die Zahl der verwundeten Juden sei sehr b etr äch tlich und d äs Elend unter diesen seh r gro ß. Nähere Nachrichten dürften bald folgen. ■ ' Samur! Levi. (Ein Wormser Rabbiner und Mitglied des Pariser Sanhedrin.) Von S. R o 1H s ch i l d » Worms. 3 n der Mitte des vorfgen Jahrhunderts wurde ein Kapellmeister öfters und in Ehren genannt, weil er ein hervorragender Interpret Wagnerischer Musik gewesen und deshalb mit dem „Meister" und durch diesen mit König Ludwig II. von Bayern in lebhaftem persönlichen Verkehr gestanden. Dieser Generaldirektor, welcher Titel ihm später verliehen wurde, HermannLevi, war der Enkel des Mannes, dessen Lebensbild die folgenden Zeilen geben sollen. Ich folge dabei vorhandenen Akten, ganz besonders aber den Aufzeichnungen des Sohnes, des verstorbenen Rabbiners Benedikt Levi in Gießen, die mir von den Hinterbliebenen freundlichst zur Verfügung gestellt wurden. . SamuelLevi war der Sohn des Rabbiners Wolf Levi,.der das große Landrabbinat Pfersee bei Augsburg verwaltete. Auch er war der Sohn und Enkel von Rabbinern, welche ihre Abstammung auf den berühmten Rabbiner Elia Wilma zurückführten. In der Tat hatten alle drei Brüder Söhne, die Elias hießen. Die Bedeutung und das hohe Alter dieser- Gemeinde ist daraus ersichtlich, daß das in der Münchener Staatsbibliothek befindliche, aus dem Jahre. 1343 stammende Talmudmanuskript, welches einen sehr hohen Wert hat, einst dieser Gemeinde gehörte und das Pserseer „Schaß" (Talmud) heißt. Neben seinem großen talmudischen Wissen scheint er auch Sinn für weltliche Bildung gehabt zu haben, denn er ließ seine Söhne, selbst die beiden, die sich dem Rabbinerberufe widmeten, täglich die Schulen zu Augsburg besuchen, um Deutsch und Französisch zu lernen, was in damaliger Zeit eine große Seltenheit war. Wolf Levi hatte drei Söhne: Samuel, Salomon und Hirsch. Samuel wurde Rabbiner in Worms, Salomon in Gailingen und Hirsch widmete sich dem Kaufmannsstande. Er wurde später Bankier in Augsburg und hinterließ seinen Kindern ein bedeutendes Vermögen. Ein Sohn desselben, der das Bankgeschäft übernahm, . gab dieses später auf, weil die Börse ihn als Judenchon der Gilde ausschloß. Daß er neben seiner kaufmännischen und sonstigen Bildung auch des Hebräischen und Talmudischen sehr kundig gewesen sein muß, beweist der Umstand, daß er mit der Grabsteininschrift für seinen in Mainz verstorbenen Bruder Samuel nicht zufrieden war und verlangte/daß man ihn mit einer von ihm selbst verfaßten beauftragen möge, was aber das Rabbinat ablehnte. Die Anhänglichkeit des Vaters an seinen Bruder hat sich auch aus dessen in Mainz wohnenden Sohn vererbt, der testamentarisch bestimmte, einst neben seinem Onkel, dem Rabbiner Samuel Levi beerdigt zu werden, was auch geschah, trotzdem diese Stelle nur für Rabbiner und keine Laien bestimmt war. Der Rabbiner Ellinger soll damals geantwortet haben: „Der Verstorbene hat mit diesem Wunsche nicht bloß seine Liebe zum Onkel, sondern auch zum Rabbiner und Talmudgelehrten bekundet, somit die Torah geehrt,, erfüllen wir also seinen Wunsch." S amu e l Levi - war im Jahre 1751 geboren. Sein Sohn, der schon genannte frühere Rabbiner Benedikt Levi zu Gießen, beschreibt , ihn nach seiner Erinnerung als einen schönen, großen, starken und stattlichen Mann mit rundem, vollem, etwas gerötetem Gesichte, weißem, dünnen. Barte,

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