Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1912)
- Date
- 1912-04-26
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
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„Komitee Mm Schutze der Klein- und Mittelgemeinden" tritt sie an die Oessetttlichkeit, um sich als Protektorin der kleinen und Mittelgemeinden auszuspielen, für die ganz allein doch nur : der „Deutsch-Israelitische. Gemeindebund" seit vierzig Jahren wirkt, ohne daß es den orthodoxen Agitatoren früher je eingefallen wäre, sich um den Gemeindebund überhaupt au bekümmern. Obwohl die Kleingemeinden über eine vier fünftel Majorität auch nach dem neuen Statut verfügen, wird munter weiter behauptet, es handele sich um eine „Vergewaltigung und Entrechtung der Mittel- und Kleingemeinden". Obwohl kaum eine andere Organisation allen Richtungen des Judentums gleich objektiv gegenübersteht, wie der „D.J.G.B.", der seine Subventionen eher und in weitestem Umfange den Gemeinden des traditionellen Judentums zuwendet, wird den von der Sachlage meist wenig, unterrichteten Kleingemeinden, ganz nach der Art ultramontaner Agitatoren, vorge-. redet, das Judentum sei in Gefahr, wenn der Ausschuß seine Absicht durchführt, daß die Kleingemeinden sich selbst aus dein Gemöindetag vertreten müssen und nicht durch agitatorisch-demagogische Elemente oder Gemeindefremde vertreten werden dürfen. Die ganze Geschichte des seit vierzig Jahren bestehenden Gemeindebundes wird durchstöbert, um Agitationsmaterial gegen ihn zu finden. Natürlich Mit geradezu kläglichem Erfolge. Die Großgemeinden, die die Gelder zu den Unterstützungen und zur Förderung der großen Sozialinstitutionen des Gemeindebundes hergeben, die meist nur zum Nutzen der Kleingemeinden arbeiten, werden verhöhnt und verleumdet und dem Ausschuß des Gemeindebundes sogar zugemutet, die Großgemeinden zu verklagen, wenn sie etwa in gerechter Entrüstung über den maßlosen Fanatismus, mit dem die Opposition arbeitet, einfach aus dem Gemeindebund ausscheiden und jede weitere Unterstützung verweigern. - Alle unternommenen Versöhnungsversuche mit diesen prinzipiell separatistischen Elementen sind gescheitert. Ein Antrag Dr. Apfel-Köln, der den Kreis der zur Vertretung Befugten auf die Bündesgemeindemitglieder der ganzen Provinz resp. Bundesstaates, in der die zu vertretende Gemeinde liegt, ausdehnen will, ist von der Opposition abgelehnt, obwohl ein Flugblatt es so darstellte, als ob der Antrag Apfel'von ihr allsginge und nur von dem „bösen" Ausschuß darum abgelehnt sei. Als dann der Ausschuß, der von vornherein für den Antrag Apfel zu haben gewesen war, wenn ihm nur die Opposition zugestimmt hätte, ihn nachträglich angenommen hat, wird er trotzdem als „unzureichend" abgelehnt. Die Pflichtgemäße Mitteilung an die Unterstützungsgemeinden, daß bei etwaigem Austritt der Großgemeinden die Subventionen nicht gezahlt werden könnten, wird von diesen Elementen als Pression, von dem Zionistenmoniteur sogar als „Erpressungs- Versuch" bezeichnet. — Soll solchen Elementen der „Deutsch- Israelitische Gemeindebund" jetzt ausgeliefert werden? Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund", der doch auch der großen Oesfentlichkeit gegenüber als eine Art der Repräsentation der deutschen Judenheit betrachtet und ästimiert worden ist? Unsere F r e u n d e auf diese Sachlage a u f m e r k -! a m z u m a ch e n u n d s i e au szusordern, ihren ganzen Einfluß einzusetzen, und mitzuwir- - e n , daß man endlich dieser unruhigen und die deutsche Judenheit w a h r l i ch w e n i g fördernden Elemente Herr werde, erscheint uns die P f l i ch t d e r S t u n d e. Nur durch Aufklärung und i n t e n s i v st e Arbeit kann es gelingen, uns die so segensreich wirkende Institution .des „Deutsch-Israelitischen Ge^ meindebundes" zu erhalten Und sie vor der nagenden Maulwurssarbeit der allen großen jüdischen Gemeinschaftssragen abholden Separatistengesellschaft zu bewahren. Das Schicksal einer anderen großen jüdischen Organisation, die diesen Elementen in die Hände fiel, sollte uns eine Warnung sein. — Wir bitten unsere Freunde, hier helfend e i n z uig r e i s e n u n d xi i ch t l ä s s ig z u s e t n! #• lieber die ablehnende Haltung der Oberschulbehörde in Hamburg gegen die Anstellung jüdischer Lehrer wird der „Voss., Zeitung" aus der Hansastadt unter dem 18. d. Mb folgendes gemeldet: In unserer Bürgerschaft wurde gestern von dem liberalen Abgeordneten Munzel zur Sprache gebracht, daß sich unter den Oberlehrern der höheren Schulen in der „freien" Stadt Hamburg'kein einziger Anhänger jüdischen Glaubens befindet. Man forschte nach, ob überhaupt keine Meldungen jüdischer Aspiranten erfolgt seren, und da ergab sich denn die überraschende Tatsache, daß nicht nur alle jüdischen Bewerber vom Schulrat abgewiesen worden waren, sondern daß der letztere in einem Falle sich auch offen dahin ausgesprochen hatte, daß dies aus „prinzipiellen Gründen" geschehe, da die jüdischen Lehrer keine Disziplin zu halten verständen. Der Reichstagsabgeordnete Dr. Blunck unterstützte das Vorgehen gegen die Oberschulbehörde und erklärte, es sei stadtbekannt, daß die hamburgische Oberschulbehörde keine jüdischen Oberlehrer anstelle. Der Vertreter der Oberschul- Lehörde erklärte zwar, daß niemand aus konfessionellen Gründen Zurückgewiesen werden solle. Er konnte aber die Tatsache, daß kein jüdischer Oberlehrer in Hamburg angestellt ist, ebensowenig bestreiten wie die. Behauptung, daß der Schulrat für das höhere Schulwesen prinzipiell alle jüdischen Bewerber zurückweise. Von liberaler Seite wurde noch hervorgehoben, daß es ein eigen Ding um eine Universität sei, welche eine derartig antisemitisch gefärbte Oberschulbehörde ins Leben rufen wolle. Aus Darmstadt wird der N. I. K. gemeldet: Bei der letzten Volkszählung am 3. Dezember 1910 wurden im Großherzogtum Hessen 2502 ausländische Juden, 715 mehr als im Jahre 1905, gezählt, die fast ausschließlich in den größeren Städten lebten, so in O s s e n b ach 1131, in Dar m st a d t 512 und in Mainz. 380. Der Staatsangehörigkeit nach sind die ausländischen Juden hauptsächlich Russen (1606) und Oesterreicher (689). Bemerkenswert ist, daß seit der letzten Volkszählung im Jahre 1905 besonders viele russische Juden in die Stadt Offenbach eingewandert sind, so daß deren Zahl von 330 auf 874 gestiegen ist. Dies rührt daher, daß die Polizei im benachbarten Frankfurt a. M. in den letzten Jahren viele russische Juden — nach dem Muster anderer preußischen Städte — ausgewiesen hat, während ihnen in Offenbach die Aufenthaltsbewilligung anstandslos gewährt wird. Dem Beruf nach sind die meisten russischen Juden in Osfenbach Portefeuiller und Zigarettenarbeiter. * lieber den Sachverhalt im Kiewer Ritualmordprozeß wird dem „Berliner Tageblatt" unter dem 17. d. M. aus Kiew geschrieben: Wie aus dein resolutiven Teil der Anklageschrift im Juschtschinskiprozeß zu ersehen ist, wird der Arbeiter Beilis formell des gewöhnlichen' Mordes an einem Knaben beschuldigt; dagegen zeigen die Begleitumstände der Voruntersuchung und der Prozeßvorbereitung deutlich, daß man dem Mord rituellen Charakter beilegt oder beilegen möchte. Unter denen, die einer Anklage das Wort reden, herrscht dabei unverkennbar das Bestreben, irgendwie diese Seite der Sache zu vertuschen, da sie mit einem Fiasko für dieselben enden könnte. Die Agitation dafür wurde die ganze Zeit hindurch betrieben und wird jetzt mit erneuter Kraft fortgesetzt. Die ganze Anklage im Prozeß Beilis basiert auf den Aussagen der Frau eines Lampenanzünders Schachowskaja, die in Feindschaft mit Beilis lebte. Diese Frau bezeugte, daß nach den Angaben, die ihr eine Straßendirne namens Wolshwna gemacht haben soll, letztere gesehen habe, wie Kinder aus dem Fabrikhose, wo Beilis gearbeitet hat, spielten, und wie der Angeklagte Beilis plötzlich auf sie stürzte und aus ihrer Mitte den Knaben Juschtschinski herausholte und-zum Fabrikosen schleppte. Zwar erklärte beim Verhör die genannte Wolshwna auf das. bestimmteste, daß sie nichts derartiges oder ähnliches zu der Schachowskaja gesagt hat. Dennoch scheint der Wunsch, einen Prozeß aus dieser Sache zu machen, so stark gewesen zu sein, daß Beilis trotz der Unglaubwürpigkeit der Aussagen der Schachowskaja verhaftet und