Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1912)
- Date
- 1912-04-26
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
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Der § 1 spricht freilich von jüdischen Emigranten im allgemeinen, tatsächlich aber scheint der Initiator oder die portugiesische Regierung, für deren Agenten wir den Herrn Terlo oder.Tarlo halten, unter diesen Emigranten, russische Juden zu meinenunsere geplagten und unterdrückten Stammesgenossen des Zarenreiches, die, wie man glaubt, auf das scheinbar humane Anerbieten freudig eingehen und dem verlockenden Ruf der Portugiesischen Regierung, die so Plötzlich ihr judenfreundliches Herz entdeckt hat, selbst bis nach Angola folgen würden. Das geht zur Evidenz aus einem Artikel des „O Soculo" hervor. Dieses weitverbreitete, der portugiesischen Regierung nahestehende Blatt schreibt nämlich:. „Die erste europäische Kolonie in St. Thome wurde von Juden gegründet, welche aus Portugal Vertrieben wurden. Bald daraus wurde die Insel ein wahres Paradies. Heute zweifelt niemand mehr daran, daß die wirtschaftliche und kulturelle Dekadenz Portugals mit dem Jahre beginnt, in welchem die Juden von dort Vertrieben wurden. Holland ist durch die Einwanderung von aus Portugal vertriebenen Juden reich geworden und rühmt sich heute mit Stolz, daß es damals den jüdischen Flüchtlingen ein Asyl gewährt habe und dadurch der Kultur jüdische Größen, denen die Welt so viel zu danken hat, gerettet habe. Was könnten wir nun jetzt Besseres tun als die r u s s i s ch - j üd i s ch en Em i gr an t e n, die in ihrer Heimat rechtlos sind und deren fruchtbare Arbeit in ihren neuen Heimatländern, wie in Palästina, Nordamerika und Brasilien weltbekannt ist, zu uns zu rufen." Jetzt, nachdem mehr als vier Jahrhunderte seit der Vertreibung der Juden aus Portugal verstrichen sind, gesteht die Regierung dieses in der Geschichte unseres Stammes mit Tränen und Blut verzeichneten Landes den einst begangenen Fehler reuevoll ein und weiß, um dem immer mehr fortschreitenden kulturellen und wirtschaftlichen Niedergang endlich einen Damm entgegenzusetzen, nichts Rationelleres zu tun, als die Juden zurückzurufen, in der Erwartung, daß mit ihrer Rückkehr, vermöge ihres Fleißes, ihrer Intelligenz und Regsamkeit auch für das Mutterland eine neue, glücklichere Epoche beginnen werde. Indessen, wie genugtuend und schmeichelhaft dieses Eingeständnis für uns Juden im allgemeinen auch ist, so dringend erweist sich die Notwendigkeit, unsere russischen Glaubensgenossen vor der werbenden Stimme Portugals rechtzeitig zu warnen und ihnen ans Herz zu legen, ihre Schritte weder nach dem Mutterlande selbst noch nach einer seiner Kolonien und am allerwenigsten nach dem in Betracht kommenden Angola zu lenken, das nicht einmal ein vorübergehendes „Nachtasyl" bieten kann. Abgesehen von den keineswegs akzeptabeln Bedingungen, die der oben wiedergegebene Gesetzentwurf den russischen Emigranten stellt, von denen, wie wir doch wissen, der überwiegende Teil von der Landwirtschaft keine blasse Ahnung hat, so sind für eine gedeihliche Kolonisation am allerwenigsten Benguella und Mossamedes geeignet, an deren Küste die kümmerlich gewachsenen furchtbaren Bakuando und Bakuisse, ähnlich den Buschmännern am Kap, in Höhlen und Grotten sich bergen und ausschließlich von der Jagd sich ernähren. Wer sich der Mühe unterziehen will, die Literatur über Angola, über seine Landwirtschaft, Industrie — wenn von einer solchen überhaupt die Rede sein kann —, Handel und Wehrwesen nachzulesen, der wird unserem Urteil zustimmen und die an unsere russischen Glaübensbrüder gerichtete Warnung begreiflich finden. Der Portugiesischen Regierung aber möchten wir ein Faktum aus ihrer und unserer Geschichte ins Gedächtnis rufen: „Achtzig Jahre nach der Vertreibung der Juden aus Portugal durch Manoel führte dessen Urenkel, der abenteuerliche König Sebastion, die Blüte des portugiesischen Volkes nach Afrika zu neuen Eroberungen hinüber. In einer einzigen- Schlacht wurde die Kraft Portugals ge¬ 194 brachen, die Adligen getötet oder zu Gefangenen gemacht. Die ' Gefangenen wurden nach Fez gebracht und dort den Enkeln der so unsäglich mißhandelten portugiesischen Juden zum Kaufangeboten. Die gebeugten portugiesischen Adligen und Ritter waren schon getröstet, wenn sie von Juden als Sklaven erworben wurden, weil sie deren mildes, menschliches- Herz kannten." (Grätz, G. d. I., Band 8, Ende.) Nun,, wir möchten die portugiesischen Machthaber in Angola, die durch langjährige Kontrakte und durch das eingeführte Abdienen von Schulden ein der Sklaverei sehr ähnliches Verhältnis, zwischen Weißen und Eingeborenen aufrecht zu halten verstehen, nicht in Verlegenheit bringen, sich unseren unglücklichen russischen Glaubensgenossen gegenüber mild und menschlich zeigen zu müssen. Zur Verrichtung von Sklavenarbeitin denZucker Planta gen Angolas sind die Neger nach wie vor viel besser als Juden, und seien es auch nur die entrechteten, gehetzten und gejagten russischen, geeignet. Die Woche. Berlin, 23. April. . ie erschütternde Nachricht von dem U nter g a n g der Titanic, bei dem 1600 Menschen, darunter auch eine Anzahl Glaubensgenossen, den Tod in den Fluten des Ozeans gefunden haben, hat in allen Weltteilen tiefes Mitleid und aufrichtige Teilnahme geweckt, die ganze zivilisierte Menschheit zu einer großen Trauergemeinde vereinigt. Bei der Kunde einer so entsetzlichen Katastrophe, die uns unsere Schwäche und Machtlosigkeit den Urgewalten gegenüber so recht zum Bewußtsein bringt, schwinden alle Unterschiede der Abstammung und der religiösen Bekenntnisse, da sind es auch, nicht besondere Klassen und Stände, sondern nur im Ebenbilde Gottes geschaffene Menschen, um deren grausiges Ende die gesamte Menschheit wie eine Familie trauert. Zugleich aber entsteigt allen mitfühlenden Herzen zu dem Lenker der menschlichen Geschicke ein inniges Dankgebet für die Geretteten, verbunden mit dem heißen Wunsche, daß sie in der allgemeinen Anteilnahme an ihren überstandenen Schrecken und aufregenden Erlebnissen auch Trost und Aufrichtung in ihrem Schmerz über die durch das Unglück erlittenen blutigen Verluste finden mögen. * Am 16. Mai wird der „Deutsch-Israelitische G e m e i n d e b u n d " wieder eine außerordentliche Tagung abhalten, auf der die Frage der Aenderung der Statuten zur Erledigung gelangen soll. Die orthodox-zionistische Koalition, die sich auch auf den früheren Gemeindetagen bereits zusammengesunden und wohl das meiste zu dem turbulenten Verlauf der Versammlungen beigetragen hatte, will natürlich keiner Maßnahme zustimmen, die geeignet sein könnte, dem rein agitatorisch-demagogischen Element den Zutritt zu den Gemeindetagen zu verwehren. Diese Koalition der Zionisten und Hyperorthodoxen bekämpft mit allen möglichen und unmöglichen Gründen die durchaus berechtigte Forderung des Ausschusses des Gemeindebundes, daß jede Gemeinde möglichst durch einen ihr auch wirklich Angehörenden auf den Gemeindetagen vertreten sein solle. Die Opposition kämpft für das Recht der Gemeinde fr em d e n, Vertreter aus dem Gemeindetag zu sein. Man will daran festhalten, daß Me Versammlungen des Gemeindebundes beherrscht bleiben sollen von den meist jugendlichen Agitatoren und Heißspornen, wie sie den Zionisten ja in so reichem Maße zur Verfügung stehen, zumal in Berlin. Diesen von ihr inaugurierten Kampf für die „Rechte" der fanatischen Agitatoren in den großstädtischen Gemeinden nennt die.Opposition einen „Kampf um die Rechte der Klein- und Mittelgemeinden." Unter der Flagge