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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-04-19 · Heft 16 (19.4.1912) · p. Seite 192

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 16 (19.4.1912)
Date
1912-04-19
Page
Seite 192 (sequence 12)
Language
German
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192 —- „Stille! Nicht, so laut um Gottes. Willen! Eilen Sie nach Haus,.so schnell als IhrePferde lausen können. Feuer kann alles rasch, verzehren, alarmieren Sie nicht zu früh die Feuerwehr; lassen Sie eine Weile die Flammen Hausern Später erscheint , erst, die Polizei zu einer Haussuchung, zu der sie die Anzeige zwingt." Und damit eilte der Beamte fort, und Holdheim stürzte in seinen, vordem Portale haltenden Wagen. Ans dem Hause seines Vaters , eilte Karl, das Herz voll und den Kops sorgenschwer zur Gräfin Pittborn, um ihr die rätselhafte Berufung seines, sonst der Politik fernstehenden Vaters mitzuteilen und sich an ihrem Mute auszurichten. . Die Tür war verschlossen. Getäuscht und mißmutig trat er den Rückzug an. Er fühlte sich unbehaglich, der Kops brannte ihm, die Pulse fieberten, gewitterschwer schien der Himmel über ihm zu hängen ' und eine Krisis im raschen und. verderblichen Anzuge zu sein. Er pendelte hin und her und kehrte auf halben Wege um, klopfte wieder an Hedwigs Wohnung, abermals vergebens, und mit gesteigertem Mißmut kehrte er heim. Die Gräfin aber war zu Hause, hörte und erkannte das Klopsen ihres treuen Untertans, aber sie gab kein Lebenszeichen. Still und behende setzte sie die Arbeit sort, bei der ihr ein äl- . terer Herr von sehr unliebenswürdigem Aussehen - behilflich war. Sein wettergebräuntes hartes Gesicht, mit tiefen Furchen und einer Schramme über der Stirn, die stechenden Augen und der struppige Bart dienten zur Warnung gegen jede Annäherung, die auch die-meisten mieden, der sich die junge Dame jedoch nicht entziehen konnte,, weil dieser Herr Graf Kronowski war, der Präsident des Nevolutionskomitees in Warschau. Beide Personen, die Spitzen und die Motoren der Bewegung, waren beschäftigt, geheime Fächer und Behälter zu leeren, ihren kostbaren . Inhalt an Geld, Papieren, Waffen, Plänen in Schatullen, kleinen Koffern und Handtaschen zu verpacken. und dann jede Spur von Unordnung zu verwischen. Eine Arbeit, von der sogar Karl Holdheim ausgeschlossen war, den Graf Kronowski nicht leiden mochte, und zwar aus purem Antisemitismus, den er übrigens offen bekannte. Zuweilen unterbrach Hedwig ihre Arbeit, eilte an die Fenster, die nach drei Richtungen Aussicht boten, und vergewisserte sich, ob keine Störung zu besorgen sei; dann nahm, sie die Räumungsarbeit wieder auf. Einmal trat sie wieder an das Fenster, von dem sie mit dem Ausrufe zurückprallte: „Holdheim!" „Er kommt?" fragte ärgerlich der Graf. „Er tritt eben ins Haus'." Der Präsident des Exekutivkomitees machte den Eindruck eines gereizten kampflustigen Tieres, bereit sich auf jemand zu stürzen. Mit einem kräftigen, von einem Schimpfwort begleiteten Fluche ließ er die-Arbeit Mieren, und es herrschte in der Wohnung die größte Stille. Kein Laut war zu hören. Die Glocke an der Tür ertönte, aber nichts regte sich, man hörtebloß Schritte, die sich zögernd entfernten, dann beginnt. die .Tätigkeit in den inneren Räumen wieder, nach deren Beendigung die Gräfin eine Klingelschnur zieht, welche einen alten Diener, das Inventarstückeiner vornehmen Familie, herbeiruft. „Wir sind fertig, Eustach." „Ich auch, Frau Gräfin." „Die Leute sind doch verläßlich?" ' „Verläßlich und verschwiegen wie der Tod." „Fphre sie herein." Zwei Männer treten dann auf einen Ruf Eustachs ins Zimmer, sie tragen eine Krankenbahre, die sie niederstellen und an der Türe warten, während der alte Diener die am Boden-zerstreut liegenden Packete in die schwarze Truhe legte, sorgfältig verpackte und 'mit der schwarzen Decke verhüllte. Als die beiden Träger die Bahre hoben, erhielten sie ein reichliches Trinkgeld in Gold..und der Diener folgende leise gegebene Weisung: „Du folgst in einiger Entfernung und beobachtest scharf. Auf dem Wege ins Lazarett, in der Nähe des Lyzeums,- läßt du sie abschwenken, und ihren Kranken ernst und schweigend in das dir bezeichnete Kloster tragen. Bis du zu Fuß hinkommst, bin ich bereits dort und nehme die Sachen in Empfang." Die drei Männer entfernten sich. „Hedwig", sagte der alte Herr, „binnen einer Stunde werden unsere Leute hier sein. Die Gefahr ist, hoffe ich, beseitigt, und das Gericht wird tagen. Lasse die Spiel- und- Teetische richten, um dem Ganzen den Charakter einer gesellschaftlichen Zusammenkunft im Falle einer polizeilichen Ueberrumpelung zu geben. Man kann nicht wissen, wo der Verrat lauert." Eine Stunde später fanden sich alle beisammen im Salon der Gräfin, die Häupter der Revolution, die Männer, welche die Geschicke Polens in Händen hielten, die Träger einer genial angelegten, .mit aller Hingebung und Zähigkeit durchge- Mhrten Bewegung, der die Bewunderung und die Sympathie einer halben Welt zuteil wurden, und die alle Energie und die blutigsten Repressalien einer gewaltigen und gewalttätigen Regierung herausforderte. Anscheinend schlichte Männer in einfacher polnischer Tschemera mit Gürtel, zumeist in der Blüte des Lebens stehend, voll Intelligenz und Kraft. Eine Assemblee geistigen Adels, die Verkörperung von Patriotismus und Heroismus. IForlsehui'g folgt.) SyreHssgl. Verehrlichc Redaktion der Allgemeinen Zeitung des Judentums, ^n meiner von Ihnen in Nr. 14 auf Seite 160 Ihres geschätzten Blattes veröffentlichten Erklärung befindet sich leider ein sinnentstellender Druckfehler, den ich Sie zu berichtigen bitte. /Es fehlt vor „aus Gründen des Rechts" das Wörtchen „nur". Der Satz muß heißen: „Das deutsche Judentum darf nicht nur aus Gründen des Rechts und der Gerechtigkeit, sondern auf Grund seiner wertvollen wirtschaftlichen Leistungen die endliche Durchführung der Gleichberechtigung in der Praxis verlangen." Mit vorzüglicher Hochachtung Karlsruhe, 13. April 1912. Dr. Ludwig Haas. An die Redaktion der.Allg. Ztg. d. Judentums. >jrn Ihrem Bericht über die Sitzung der Repräsentanten- AJ versammlung vom 2 4. v. M. — Nr. 13 vom 29. März — ist das, was ich in der Debatte über die Verteilung der Plätze in der Synagoge Fasanenstraße gesagt habe, wo ich allerdings auf dem Standpunkt stand, daß der Vorstand der Gemeinde nach der Reihenfolge der Anmeldungen die Zuerteilung hätte vornehmen sollen, nicht richtig wiedergegeben. , Ich bin — entgegen Ihrem Berichte — durchaus damit einverstanden, daß auch die in Charlottenburg wohnenden besoldeten Gemeindebeamten berücksichtigt worden sind, aber auch nur diese, und nicht etw a auch solche,.die außerh alb der Weichbildgrenze CH a r l o t t en b u r g s wohnep. Lediglich dies habe ich dem Sinne nach gesagt mit Rücksicht auf die vielfach unberücksichtigt gebliebenen Gesuche um Plätze. Wer mich kennt, weiß, daß ich stets gern für den besoldeten Gemeindebeamten, der es verdient, eintrete. Um Mißverständnissen vorzubeugen, bitte ich um Aufnahme dieser Berichtigung. Hochachtungsvoll Emil Pincus.

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