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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-04-19 · Heft 16 (19.4.1912) · p. Seite 191

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 16 (19.4.1912)
Date
1912-04-19
Page
Seite 191 (sequence 11)
Language
German
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weit hinter uns leigt. Von Autos, elektrischem Licht, elektrischen Bahnen und ähnlichem ist noch nicht die Rede, aber die Sitten, von denen hier gesprochen wird, das Milieu, das hier vorgeführk wird, ist uns nicht fremd; es sind die.Anfänge einer Bewegung, in. deren Mitte wir stehen. Der. Roman gibt, eine - höchst lebendige, nervenerregende Schilderung der Proletarier, der Bewohner eines Hinterhauses, hoch oben im Norden Berlins, in dem Schicksale mancher Arbeiterfamilien sich abspielen. Budiker, Arbeiter, ein Winkeladvokat, ein heruntergekommener Schauspieler, ein ehemaliger Gelehrter, der zum Zeilenschmierer niedriger Sensationsromane heruntergesunken ist und ähnliche, oft. sehr dunkle Existenzen sind die eigentlichen Träger der Geschichte. Die Hauptpersonen sind die Mitglieder zweier Arbeiterfamilien Merk und Schwarz. Die Frauen dieser Familien sind tüchtige Arbeitstiere, wackere- Frauen, die unerprüdlich gegen die Not des Lebens kämpfen und ihre Kinder zu erhalten suchen. Beide haben kein Glück. Namentlich die Familie Merk wird vom Unglück verfolgt Der Mann, ehemals ein ordentlicher, nüchterner Arbeiter, sinkt von Stufe zu Stufe. Wegen fahrlässiger Tötung eines Kindes erleidet er eine Gefängnisstrafe; durch die gemeinen Anspielungen eines trunkenen Genossen wird er selbst zum Trünke verführt und.erschlägt im Jähzorn seinen Beleidiger; endlich, in der alleräußersten Not der Seinen, die geradezu vor dem Hungertode stehen, läßt er sich zu einem Diebstahl. verleiten, bei dem er wiederum ertappt wird. Seine lunge, hübsche, Tochter fällt, fast noch im Kindesalter stehend, einem alten Wüstling zum Opfer und sinkt von Stufe , zu Stufe. Endlich tötet sie sich in Gemeinschaft mit ihrem Jugendfreunde Oskar Schwarz, der, ein dichterisch begabter Jüngling, von einem gewissenlosen Beschützer um die Ehren einer dichterischen Arbeit gebracht wird, sein Leben mühsam mit der Abfassung von Schauerromanen fristet, dem Trünke verfällt und schließlich im freiwilligen Tode sein Leben endet. Es ist ein Buch, das dem gefühlvollen Leser wahres Entsetzen bereitet. Kein hervorragendes Kunstwerk, aber immerhin eine Arbeit, Per gute Beobachtung, scharfe Charakteristik, inniges Mitgefühl für die Leidenden nicht abzusprechen ist, wenn auch die etwas grobe Mache gar zu stark hervortritt und eine starke Sensationslust nicht zu verkennen ist. Wenn wir an dieser Stelle das Werk besprechen, so geschieht es durchaus nicht allem, um aus eine immerhin beachtenswerte literarische Erscheinung hinzuweisen, die trotz ihres für einen Roman 'fast ehrwürdigen Alters noch heute unser Interesse in Anspruch nimmt, sondern wegen der Zeichnung vieler Juden, die in diesem Roman Vorkommen. Zwar, die bisher erwähnten Persönlichkeiten,' die als die eigentlichen Helden der Erzählung zu bezeichnen sind, gehören dem Judentum nicht an. Auch der Verlagsbuchhändler, der in. gewissenlosester Art talentvolle Menschen ausbeutet und durch die Vergiftung der breiten Volksmasfen seine Kasse füllt, ist Christ; aber eine ganze Anzahl Personen gehört dem Judentum an, und es ist leider zu konstatieren, daß der Verfasser sie alle mit einem gewissen Wohlbehagen von ihrer erbärmlichen Seite aufsaßt. Da ist zunächst ein Pfandleiher Laib mit seiner Frau Serena, die durch Wuchergeschäfte aller Art verschuldete Adlige immer -tiefer ins Elend bringen, und die vor allen Dingen ein von ihnen gehaltenes Leihhaus dazu benutzen, um den Aermsten der Armen ihre sämtlichen Habseligkeiten nach und nach abzunehmen, die niedrigsten Preise dafür zahlen und so schwere Bedingungen für Zinsen und Rückkauf erheben, daß alle diese . Besitztümer, die an und für sich keinen besonderen Wert darstellen, aber oft die einzige Habe der Armen bilden, den grausamen Darleihern verfallen. Ferner zwei Verwandte dieses würdigen Paares: ein Revolverjournalist, .der von den Machinationen der genannten Händler genügende Kunde hat, um durch die Androhung des Preisgebens seiner Geheimnisse von seinen-Verwandten Geld zu entlocken. Er ist vielleicht.der widrigste Geselle deA ganzen. Romans: ein Mensch, der nur an Wohlleben Freude hat, aber zu faul ist, um durch eine geordnete Tätigkeit feinen Lebensamterhalt zu verdienen, und der außer den erwähnten Machinationen das Geld-, das er braucht dadurch erlangt, daß er in schamlosester Art sich von dem Liebhaber seiner üppigen Frau ernähren läßt Ferner ein anderer Verwandter der Händlerin, ein junger Bursche, Felix Rosenstiel, der, nachdem er in einem Bankiergeschäst eine sehr elementare Vorbildung genossen hat, mit dem Gelde seiner Verwandten ein Bankiergeschäft eröffnet und das leicht verdiente Geld in toller Ueppigkeit vergeudet. Er nimmt zuerst eine ganz verderbte Person jenes Hinterhauses, Rosa Jakob zu seiner Geliebten, verläßt sie schmählich, lebt eine Zeitlang mit der schon erwähnten Martha Merk zusammen und geht elend zugrunde' dadurch, daß die Verlassene einen ihrer ehemaligen Anbeter dazu ausreizt, dem. schmählichen Kumpan Vitriol ins Gesicht zu gießen. Nur eine einzige Lichtgestalt findet sich unter den jüdischen Persönlichkeiten des Romans. Das ist eine wackere Frau Sirach, die Witwe eines jüdischen Händlers, die selbst lange Zeit ein ehrsames Geschäft betreibt, ihren einzigen Sohn gut erzieht und sich zur Ruhe setzen kann, nachdem dieser Sohn, dem eine große musikalische Bildung eignet, es zu einem anerkannten Virtuosen gebracht hat. Die Unterredung, die dieser Jüngling mit seinem Jugendgenossen, dem vorhin erwähnten jungen Schwarz, hat, eine Unterredung, in der Sirach nach schweren Beleidigungen, die ihm der Jugendgenosse zugefügt, tapfer und nicht ohne Geist für das Judentum und die Verfolgten eintritt, ist ein Prachtstück des Büches. Man mag aus ihr schließen, daß der Verfasser durchaus nicht zu den Antisemiten zu zählen Ist, sondern,- daß er bei der Vorführung der Personen jüdischen Glaubens ebenso wie bei der der Christen und Christinnen nur seinem realistischem Hange folgen wollte. So wenig Kretzer die Tendenz verfolgt, zu sagen: so roh, gemein, verbrecherisch sind alle Christen, so wenig wollte er alle Juden als Halsabschneider, wenig wählerisch in ihren Mitteln,' als tierische Genußmenschen bezeichnen. Vielmehr lebt in ihm eine stark sozialistische Tendenz: er will dartun, daß viele Arbeiter durch die Grausamkeit und die Not des Lebens aus den Weg des Lasters gedrängt werden, und vielleicht hat er auch das Bestreben, zu zeigen, daß manche Juden infolge der verfehlten Erziehung und der Unmöglichkeit, sich in allen Berufen zubetätigen, zu einem traurigen Mißbrauch ihrer Kräfte und zu schändlicher Ausbeutung ihrer Landesgenossen gelangen. Man kann daher nicht ohne Interesse die neue Auflage eines älteren Buches begrüßend Es ist kein großes Kunstwerk, aber jedenfalls einer der ersten interessanten Versuche eines Berliner sozialen Romans, ein Werk, in dem eine stärke Kraft und ein lobenswerter Versuch anzuerkennen ist, der traurigen Wirklichkeit mutig ins Antlitz zu schauen. heimatlos. Von Leo Herzb erg. Frankel. , V . . , ' VII. .. JfVm alten Manne kam es vor, als ob der Boden zu seinen Füßen sich spalten und er in den Abgrund versinken würde. Er war fast ganz fassungslos und staunte den Polizeibeamten ungläubig am „In meinem Hause? Mein Sohn? Meine Tochter?"

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