Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1912)
- Date
- 1912-04-19
- Page
- Seite 190 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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sind- Von demselben äbzufallen, den Weg zur Rückkehr bahnen- 'Das Buch enthält vier Kapitel. - 1. Die Geistesreligion. 2.: Das jüdische Religionsgesetz innerhalb der 'jüdischen Religion. 3. Der Zweck des Religionsgesetzes. 4. Das Recht des Religionsge.setzes in der Geistesreligion. Wir wenden unsere .Aufmerksamkeit zunächst dem ersten grundlegenden. Kapitel „Die Geistesreligion" zu: In diesem wird das Euckensche System formvollendet dargestellt. Es werden die Resultate der modernen Naturwissenschaft mit ihren Konsequenzen für die biblischen ^R e li g i o n e n ohne Vorbehalt angegeben.' Das-Fazit ist, daß wir vor dem Bankerott dieser R e l i g i o n e n stehen. „Die Wissenschaft kann sich .weder .mit der Erschaffung der .Welt, ..noch mit .der .Erschaffung des Menschen, noch mit-dem Wunder in irgendeiner Form befreunden. ^Ebenso unhaltbar sind vor ihrem Forum die Lehren vom Jenseits und von d.er körperlichen Auferstehung.". „Und schließlich ist dem denkenden Menschen auch die Verbindung der Geistigkeit der Gottesidee mit dem Anthropomorphismus', der nun - einmal von dem Vorsehungs- und Richtamte der Gottheit nicht zu trennen ist, eine Verschmelzung, deren Unvereinbarkeit er täglich schmerzlicher empfindet und die ihm die mosaistische Gottesaufassung zu unhaltbarem Atavismus stempelt. Alle diese wissenschaftlich unerschütterlichen .Erkenntnisse und Erwägungen haben den modernen Menschen die Idee einer über uns herrschenden allweisen, allgütigen,' allwissenden, lohnenden und strafenden, verzeihenden und liebenden Gottheit, in deren Hand das Schicksal aller Menschen und aller Völker ruht, unannehmbar gemacht. Es ist nur eine Frage der Zeit und eine Frage der Bildung, wann, der alte Gottesglaube von der gesamten Külturmenschhsit der Religionsgeschichte überwiesen wird." •' Der Leser vergesse es ja nicht, daß wir es mit Eucken zu tun haben. Daß dieser die „mosaistische Gottesauffassung" nicht kennt, geht aus diesem Zitat schon zur Genüge hervor. Es kommt aber noch besser. - Freilich sieht der Denkende auch auf dieser'Stufe der Erkenntnis ein, daß sein Wissen Stückwerk ist. Aber ein Grund liegt dennoch nicht vor, das unbekannte Land mit Phantasien und Hirngespinsten auszufüllen und zur alten, überwundenen Religion zurückzukehren. „Und so stellt, der Mann sein ganzes Sinnen und Trachten in den Dienst der-Arbeit.. „Herrschaft , über die Umwelt" ist seine Parole." Allein diese unermüdliche Arbeit, dieses ewige Jagen und Gejagtwerden bringt den Menschen um das köstlichste Gut: um seine Seelenharmonie. DieFvlge ist, daß er sich innerlich auflehnt gegen -die Sklaverei, in die ihn die Kultur gestürzt hat. Was aber solider tun, um sein.' Gleichgewicht wiederzuerhalten? Was kann ihm in seiner Seelennot helfen? Die Wissenschaft kann nicht die Religion der'Menschheit werden. Und „die Religion, die wir einst liebten, ist nicht mehr Irrtum, sie ist zur o f f e n k u n d i g e n Unwahrheit geworden;-wir zweifeln nicht mehr, ob die alte kosmische Gottesauffassung noch haltbar sei, der moderne Mensch mag über diesen Punkt gar nicht mehr sprechen, wie soll doch seine Sehnsucht nach einem Zusammenhang mit höheren Ordnungen,, nach Religion befriedigt werden?" 'Da gibt es-nur ein Mittel, das helfen kann: der Mensch muß sich auf seine Innenwelt, auf seine Seele besinnen.. „Der Verstand sucht nicht- Gott, die Seele lechzt nach ihm, das Gemüt ist es, das sich von ihm nicht lossagen will. Und hier muß eben das neue religiöse Leben mit verjüngter Triebkraft ansetzen. Dem denkenden Beobachter zeigt die Seele ein ganz eigenartiges Leben. Es ist, als ob alles Moralische und Geistige wie von unsichtbarer Hand in die Seele geschoben würde, um sich von da aus an-das Tageslicht emporzuarbeiten. Das Suchen nach Schönem, Reinem, nach Gerechtigkeit, Güte, Liebe ist nicht da, weil wir wollen, sondern weil wir müssen."' Und wie gelangen diese geistigen und ethischen Triebe inuns? Es -kann nicht anders sein, als daß eine Kraft in uns und doch jenseits aller Erscheinungswelt uns" mit diesem sittlichen Seelenleben begnadet. „Und diese Urkraft, die" unsichtbar und unfaßbar im Innenleben jedes Menschen ruht, - zugleich den Kern aller Wirklichkeit bildetist die G o t t h eit, ist G o t t." Freilich kann man auch 'die Existenz ■ dieses Gottes nicht mit mathematischer Sicherheit, mit zwingendem logischen- Schluß beweisen. Gewiß häufen sich auch hier Fragen auf Fragen. Allein dem außerweltlichen Gott gegenüber ist dieser vorzuziehen, weil er in keinerlei Gegensatz zur Wissenschaft steht. Und'wer an die Gottheit seiner Innenwelt glaubt, „ist durchaus positiver Gottgläubiger." „Für ihn ist die Urkraft in ihm und doch jenseits der Erscheinungswelt . . . . die denkbar Positivste- Gottheitihre Transzendenz ist ihm die denkbar lebendigste Realität. Er betet sie an und verehrt sie, seine , Dankbarkeit gehört ihr, die er preist und bejubelt mit allen Hymnen, die seinen Lippen nur entströmen; sie ist sein Herr und Gebieter, fein Vater und König." „Und aus diesem Glauben an diese einig-einzige, reingeistige, im Menschen ewig fortwirkende Urkraft entsteht die Religion von selbst." „Und diese Religion ist nicht nur eine Religion, sie ist die Religion, die Religion der Kulturmenschheit, die u niv ersale Religion, die. G elftes r e l i g i o n. Denn nun endlich ist die Gottheit eine rein geistige, von jedem Anthropomorphismus vollständig losgelöste und befreite. Was den mosaistischen Religionen bislang trotz alles Mühens ihrer Philosophen nicht gelungen ist, Gott wahrhaft geistig zu lehren, gelingt dieser Religion vollständig mühelos, sie hat nur darauf zu achten, nicht in bas Fahrwasser der Anthropomorphie zu geraten. Nun ist endlich der Alp des Lohn- und Strasprinzips von der Menschheit genommen, dieser gefährlichste Ueberrest der .ältesten religiösen Regungen, und'Lohn und Strafe kennt die Seele endlich, nur. in sich. Nun ist endlich der Kampf um ein Jenseits beseitigt, die Menschen haben Arbeit genug, das Gottesreich hier auf Erden aufzurichten. Nun ist schließlich das schwerste Problem der alten Religionen, das Problem der . Willensfreiheit, gelöst und mit Glauben und Religion aufs beste vereinbar, denn der Sieg der Gotteswelt im Kämpfe mit der sinnlichen Welt ist zur Gänze dem Willen des Menschen anheimgegeben *). . „Um. nun die Menschheit zu dieser Umwälzung zu 5erziehen,Mß sie ohne übergroße Erschütterungen .7vor sich.Tgehe,'müssen die histor isch en Religionen herangezogen werden. Sie sind auch dazu prädestiniert. Die Mission der mosaistischen Religionen, die scheinbar ihrem Ende entgegensah, hebt nunmehr gerade durch die Lehre der geistigsittlichen Gotteswelt von neuem an, kann einen ungeahnten Aufschwung nehmen." - Dies sind in Kürze die Gedanken E u ck e n s , die Ziegler im ersten Kapitel vorträgt, von denen er aber sagt: „inwieweit ich mich diesen Ideen anschließe nder ablehnend zu ihnen verhalte, bitte ich den Leser nicht zu fragen." (Schluß folgt.) sm. MgL Kretzer: Die Verkommenen" besprochen von Lndw i a G e i ger. reißig Jahre sind für einen Roman eine lange Zeit. Das Werk, dem diese Zeilen gelten, ist 1882 erschienen und gilt als einer der ersten Romane der realistischen Schule, einer der ersten, wenn nicht der erste, der das Berliner Proletariat darzustellen versuchte. Er führt uns in eine Zeit, die 1) Es -wird wohl cm mir liegen, daß ich den Sinn dieses Satzes nicht verstehe. Dagegen wird mir das Problem klar durch das Wort Ben Akibas: Alles ist vorausgesehen, die Freiheit ist dennoch gegeben. Oder durch das andere Wort:' Alles wird von Gott bestimmt, nur nicht die Gottesfurcht. ,-t~ 2) Berliner Sittenroman. 7. Auslage. Leipzig, Verlag - von B..' Elischer Nachs. 1912.