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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-04-19 · Heft 16 (19.4.1912) · p. Seite 189

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 16 (19.4.1912)
Date
1912-04-19
Page
Seite 189 (sequence 9)
Language
German
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189 Drucke, w i e er d res er N a t i o n z u t ei l g e w or d e n, f e st h a l t e n w ü r d e an den i h m von den Vorfahren h i nt e rla s s e n e n U e b e r l i e s e r u n g e n? Ich versäumte deshalb auch nicht, in diesem Stadtteile eine uralte Synagoge, die sogenannte Altneuschule, die sich gleichsam hinter den übrigen nichts weniger als freundlichen Gebäuden zu verstecken scheint, in Augenschein zu nehmen. Das Innere des Gebäudes trug in unverkennbaren Zügen.das hohe Alter zur Schau. Seit tausend Jahren stiegen in diesem engen, von massiven Pfeilern durchbrochenen Raume die brünstigsten Gebete zum Herrn der Heerscharen empor. In solchen engen und abgelegenen Orten mußten sich auch die ersten Christen verbergen, um ungestört ihrem Gottesdienst nachgehen zu können. Ich besuchte auch den in der Nähe liegenden israelitischen Friedhof, auf welchem sich Grabsteine befinden, deren Alter man auf 1200 Jahre schätzt. Die gelehrtesten Rabbinen sollen es nie versäumen, diesen Friedhof zu besuchen, und diese Schlummerstätte der Toten sah sie aus allen Teilen der Welt. Auf vielen verwitterten, mit Moos -und Flechten bedeckten Grabmälern, auf welchen sich alte Holunderstämme wie trauernd niedersenkten, bemerkte ich kleine Sternchen, und als ich meinen Führer fragte, was diese zu bedeuten hätten, so antwortete er mir, daß der an einem solchen Grabe Betende früher eine kleine Münze, jetzt aber einen Stein hinlege; daß ersteres in gegenwärtiger Zeit unterbleibt, hat sicherlich seinen guten Grund." Zeise ist stets seiner vorurteilslosen Gesinnung treu geblieben. Mögen uns viele Männer seines Wesens erstehen! Sie Geiltrsreiigion und das jödilche Keligionsgrletz. '•Hort G >' t t > i e b N 1 e i ti. ir haben es hier mit einem ganz eigenartigen BuchZ zu tun. Schon daß kein Geringerer als ein Gucken demselben - ein Geleitwort mit auf den Weg gegeben, zwingt uns, Stellung zu diesem Buch zu nehmen. Ich bekenne aber ^gleich von vornherein, daß Dr. Ziegler den Kritiker vor eine sehr schwere Aufgabe gestellt hat. Er selbst hat das empfunden. In dem Vorwort sagt er es ausdrücklich: „Ich habe lange geschwankt mit der Veröffentlichung des Buches. Ungezählte Male habe ich mich gefragt; ob denn nicht der innere Wert des Werkes zu gering sei, gegen das Aufsehen und vielleicht Z Ein Beitrag zur Erneuerung des Judentums von Dr. Ignaz Ziegler, Rabbiner in Karlsbad. Mit einem Geleitwort von Rudolf Eucken. Berlin, Druck und Verlag von Georg Reimers, 1912. Das Buch Zieglers ist geeignet, großes Aufsehen zu machen; G. Kleins Besprechung erhebt sich durch Umfang und Inhalt so sehr über eine gewöhnliche Rezension, daß ich der Zustimmung meiner Leser gewiß zu sein glaube, wenn ich dem Artikel an dieser Stelle veröffentliche. ' L. G. auch die Entrüstung, die es an manchen Stellen Hervorrufen wird. Schließlich hat das Verlangen, dem Judentum in meiner Weise zu dienen, die Furcht vor persönlichem Leid unterdrückt." Bei einer Besprechung seines Buches muß diese Intention des Verfassers festgehalten werden. Mit diesem Gesichtspunkt vor Augen können wir ihn selbst da, wo er zum schärfsten Widerspruch lockt, verstehen und gerecht beurteilen. Die Leser dieser Zeitung kennen Dr. Ziegler nicht allein als einen gelehrten, sondern auch als einen temperamentvollen Schriftsteller. Seit vielen Jahren verteidigt er in Wort und Schrift die Lehre des Judentums. Man muß ihn aus seiner Kanzel gesehen und gehört haben, um sein Wollen ganz zu begreifen und zu würdigen. Jahraus, jahrein sammeln sich Hunderte um ihn, um sich an seiner begeisterten und begeisternden Rede zu erquicken, um sich an dem heiligen Feuer, das von ihm nusströmt, zu erwärmen. Alle sind zufrieden, nur er nicht. Es ist ein Stück vom Propheten Jeremias in ihm. Er begnügt sich nicht mit dem Rufe: „Tempel Gottes, Tempel Gottes!" Er will eine religiöse Wiedergeburt von Gesamtisrael. Und diese Wiedergeburt soll bei den „Großen", den „Intellektuellen" beginnen. Denn augenblicklich bilden diese unsere größte Gefahr. Man kann mit Engelzungen reden. Zu diesen redet man vergebens. Ihre Ohren sind taub, ihre Herzen verstockt. Und ihr böses Beispiel ist es, das verheerend und zerstörend wirkt. Es gilt nun in erster Linie, diese zu gewinnen. Die große Masse folgt dann von selbst nach. Denn so war es. immer. Wer die Großen hat, hat auch die Kleinen. Der Nachahmungstrieb ist der stärkste aller Triebe. Wie aber sollen diese dem Unglauben Verfallenengewonnen werden? Hier gibt's nur ein Mittel. Versetzt euch auf ihren Standpunkt. Werdet — natürlich dem Scheine nach — ungläubig wie diese. Befreit euch von dem Gott der Bibel. Rufet wie Kain nach dem Midrasch in die Welt hinausgerufen hat: „Es gibt kein Gericht und keinen Richter. Die Lehre vom exmundanen Gott ist abgetan" ufw. Und das sollt ihr den Intellektuellen als einer der ihrigen philosophisch beweisen. Denn wenn sie den Respekt vor der Thora verloren, vor der Philosophie haben, sie ihn. Ihr erreicht damit zunächst, daß sie in euch Gesinnungsgenossen erkennen und infolgedessen euch nähertreten, euch ernster nehmen und auf eure Worte hören werden. Seid ihr aber soweit gekommen, dann gehet einen Schritt weiter und wendet euren Scharfsinn und eure Gelehrsamkeit an und zeiget es ihnen haarklein, daß sie durch ihren Unglauben durchaus nicht in die Reihen der Ketzer gehören. Gerade das philosophische System, zu dem sie sich bekennen, verpflichte sie, Juden zu bleiben und durch Beobachtung des „Gesetzes" — freilich mit Auswahl — sich als solche öffentlich zu bekennen. r Dieser hier in Kürze skizzierte Gedankengang hat den Verfasser veranlaßt, fein Buch zu schreiben. Er will allen denjenigen, die vom Judentum abgefallen sind oder im Begriff Heinrich Zeise geb.'am 19. April 1822.

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