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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-04-19 · Heft 16 (19.4.1912) · p. Seite 188

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 16 (19.4.1912)
Date
1912-04-19
Page
Seite 188 (sequence 8)
Language
German
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Diese Philosemitische Gesinnung des Dichters' Heinrich Zeise war nicht zum wenigsten auf den-Umstand zurückzuführen, daß er schon frühzeitig mit namhaften Israeliten bekannt und befreundet wurde und auf diese Weise sich ein klares Bild von dem Charakter, den Vorzügen, Tugenden und der Lebens- und Weltanschauung seiner israelitischen Mitbürger machen konnte. Er hat vor etwa einem Vierteljahrhundert seine Memoiren unter dem Titel „Aus dem Leben und den Erinnerungen eines norddeutschen Poeten" (Altona 1888) herausgegeben. Dort erzählt er so manches interessante und bezeichnende von seinen Berührungen mit jüdischen Dichtern, Schriftstellern, Künstlern uftv. und ich folge hier dieser durchaus zuverlässigen Quelle. Ursprünglich Pharmazeut wie sein Vater, der Jahrzehnte hindurch die „Elephanten-Apotheke" in Altona besaß, lernte er schon als Lehrling in Landsberg a. W. die guten Charaktereigenschaften der einst so viel gelästerten Israeliten kennen. Er hatte nämlich in der Nacht in der betreffenden Apotheke für einen Kunden ein Medikament herzustellen, verwechselte jedoch die Arznei, indem er statt der vorgeschriebenen halben Unze (Gramme waren damals noch nicht gebräuchlich) Saleppulver ein Jalappenpulver verabreichte. Am nächsten Nachmittage kam der Arzt, der das Rezept verschrieben hatte, in die Apotheke, wo der Lehrling konditionierte, und dieser konnte an der Aufregung des Sohnes Aesculaps bemerken, daß etwas besonderes vorgefallen sein müsse. Der Arzt sprach mit dem Gehilfen, der Lehrling wurde herbeigerufen und ihm gesagt, daß er unrichtig dispensiert habe. Der Arzt war jedoch keineswegs wütend, sondern räumte ein, daß er den Namen des betreffenden Medikamentes so undeutlich geschrieben, daß eine Verwechslung durchaus möglich gewesen sei. Wörtlich sagt Zeise: „Der Arzt, ein Israelit, ein ruhiger, besonnener Mann, schlug keinen Lärm, wie dies so manche seiner Kollegen getan haben würden, die gleichfalls nicht unfehlbar sind,, der Prinzipal erfuhr nichts und die Gewitterwolke zog an meinem Haupte ohne einzuschlagen ruhig vorüber." In Hamburg und Altona, und anderen Städten, wo der junge Zeise als Apotheker und Chemiker lebte und nebenbei fleißig journalistisch und schriftstellerisch tätig war, zählte er so manche israelitischen Kollegen und Freunde, von denen er ebenso sympathische wie anziehende Genrebilder entwirft. Besonders eng war er mit den Publizisten Gottfried Cohen und Eduard Cohn liiert. Mit beiden traf er sehr häufig im „Alsterpavillon" zu Hamburg zusammen, und war namentlich der letztere ein höchst liebenswürdiger, zu jedem Freundschaftsdienst bereiter Mann. Das Gesicht von Eduard Cohn erinnerte unseren Zeise stets an Sokrates. Ein tüchtiger Redner, fehlte er selten bei den Festen, die vor dem Jahre 1848 im Bürgerverein zu Altona abgehalten wurden. Für die Interessen seiner Glaubensgenossen trat er stets entschieden ein und veröffentlichte mehrere Broschüren, die Judenfrage betreffend. Auch gab er 1846 ein Blatt heraus, betitelt „Der Jude in Deutschlands Gegenwart". Eduard Cohn las die Korrekturen der ersten Abdrucksachen seines Freundes Zeise, und kam mit ihm in den Jahren 1845—1848 fast täglich zusammen. In den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als Cohn keine Stellung hatte, faß die Sorge oft an seinem Tisch. Ihm zu Ehren verfaßte Zeise ein sehr hübsches Gedicht, worin er die Misere des Freundes ergreifend schilderte. Mögen hier nur die ersten drei Strophen des Liedes mitgeteilt werden: „Er steht vor mir, ein Mann, der Wissenschaft Ein Freund des Guten, Edlen und des Schönen; In ernster Rede zeigt sich seine Kraft, Doch , nicht im Spiel mit Grazien und Kamönen. So steht er vor mir, trotz der Armut reich, * ' Und trotz des Reichtums elend doch und. arm; An Wissen und . Verstand Sökraten gleich, Antisthenes in seiner Brüder Schwarm. Ein. wahrer Freund und allezeit bereit, Für. seine Freunde alles hinzugeben, Mit ihnen scherzend trägt er tiefes. Leid Und keiner schmückt mit Blumen ihm das Leben . . ." Mit H einrich Heine und dessen Vetter, H erman n Schiff, war er bekannt und befreundet, lieber den letzteren, dessen Charakterbild, durch der- Parteien Haß und Gunst entstellt, noch immer schwankt in der Nationalliteratur, äußert er sich sehr sympathisch. Besonders rühmt er ihn als Novellisten. Seine Märchennovelle „Gevatter Tod" hebt er als Perle der Erzählungskunst hervor. Gegen die scharfen Kritiken, denen Schiff seitens der Literaturhistoriker ausgesetzt war, nimmt er ihn in Schutz. Er sei keineswegs so verkommen gewesen, wie er dargestellt werde.. Allerdings habe er sich zuletzt dem Trünke ergeben, aber inan müsse berücksichtigen, in welch traurigen Verhältnissen dieser Mann fortwährend gelebt habe. Wer sich in geordneten bürgerlichen Zuständen bewegender mache sich eben selten eine Vorstellung von der Lage, in die Männer .seiner Art nur zu leicht geraten. Es gereicht Zeise zur, großen Anerkennung, daß er, soweit es in seinen Kräften stand, alles tat, um die materielle Lage dös unglücklichen Poeten zu verbessern. Sehr anziehend waren die Berührungen Zeises mit dem praktischen Arzt, und Dichter Dr. S. L. S t e i n h e i m, den er schon als Jüngling kennen lernte. Voll Liebe und Verehrung spricht er von diesem als Mensch wie als Mann der Wissenschaft und Praxis gleich hervorragenden Israeliten. Stöinheim, der in der Familie Zeises Hausarzt war, erwies dem Pharmazeuten und Poeten stets ein freundliches Wohlwollen und lud ihn . im Winter von 1841 auf 42, als in seiner Wohnung literarische Tees stattfanden, mehrfach zu denselben ein. Dort lernte er unter anderen Carl Gutzkow kennen und hörte die ersten dramatischen Arbeiten dieses berühmten Dichters von ihm vorlesen. Aber auch verschiedene andere bekannte und bedeutende Persönlichkeiten, wie Dr. Assing und dessen geistreiche Tochter Ludmilla, gehörten bald zu seinem Bekannten- und Freundeskreise. Dr. Steinheim verließ um die Mitte der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts Altona und reiste nach Rom. Als er im Jahre 1855 aus Italien zurückkehrte, hatte Zeise wieder Gelegenheit, mit ihm zu verkehren und erhielt manches Buch von ihm geschenkt. 1865 sah er ihn zum letzten Mal. Die Verehrung für Steinheim brachte Zeise in Verbindung mit manchen jüdischen Schriftstellern, die dem eigenartigen Philosophen geistig oder verwandtschaftlich nahestanden. Es sei noch bemerkt, daß Heinrich Zeise, auch in seinen Reiseskizzen, die im Jahre 1856 in den Altonaer „Illustrierten Hausblättern" erschienen sind, sich sehr sympathisch über die Juden geäußert hat. Der Autor beschreibt dort eine Reise, die er im genannten Jahre nach Oesterreich unternahm. Er hielt sich auch in Prag auf und betrat bei seiner dortigen Anwesenheit das Ghetto in der Hauptstadt Böhmens. Nun schreibt er wörtlich: „Die Juden wohnen noch größtenteils eng zusammengepreßt in der sogenannten Judenstadt, die früher von den übrigen Stadtteilen streng abgesondert wurde; dort hausten, den Parias der menschlichen Gesellschaft gleich, die aus mittelalterlichem Fanatismus in den Staub Getretenen, denen man nur das starre Festhalten an dem Glauben ihrer Väter zum Vorwurf machen konnte. Die neuere Zeit mit ihren milderen Sitten und vorurteilsfreieren Anschauungen löste die Riegel des Kerkers. Sie. sieht im Menschen den Menschen und trägt die Fackel der Aufklärung und des Erbarmens selbst in die dunkelsten Winkel des Elends. Mich haben die Juden, die so vielfach geschmähten und verfolgten, st e t s^i n t er essi ert. Gibt es wohl noch ein Volk auf der weiten Erde, das unter solchem

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