Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1912)
- Date
- 1912-04-19
- Page
- Seite 186 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229015-3229032--68383-3280639- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
wmmf.m. .186' -Häusern und die Gründung einer Leihkaffe dauernde Besserung der Verhältnisse der Juden bringen soll, sind eventuell noch Mittel nötig. Die Schulen des Hilfsvereins in K o n st an ti n o p e l wie in S a loniki gedeihen bestens. Das ausgedehnte. Schulwerk des Vereins im O ri ent, insbesondere in Palästin a, hat eine bedeutungsvolle Ausgestaltung durch Einführung des Handsertig.keitsu nk e r r ich t s erhalten. Gerade für den Orient ist die Heranbildung von tüchtigen Handwerkern, an denen es fehlt, und die gut bezahlt werden, von besonderem Werte. Der Hilfsverein Unterhält und subventioniert zurzeit an 50 Bildungs- und Erziehungsanstalten aller Art, die von etwa 6500 Schülern besucht werden. Der Redner spricht unter dem Beifall der Versammlung dem Leiter des palästinensischen Schulwerks, der jetzt aus eine 25jährige Wirksamkeit zurück- - blickt, Herrn Direktor Ephraim Cohn, seine besondere Anerkennung aus. Schlimmer und schlimmer gestalten sich die Verhältnisse für die Juden in Rnßland. Es ist das System der russischen Regierung, sie in jeder Weise niederzuhalten und niederzudrücken. Der Gesetzentwurf zur Abschaffung des Ansiedlungsrayons, der eine Besserung der traurigen Lage der russischen Juden inaugurieren würde, ist nicht, zur Verabschiedung gelangt und. wird.wohl kaum noch wiederkehren. Eine Anzahl Städte ist zu Dörfern erklärt' worden,, in denen der Aufenthalt den Juden untersagt ist,, nur um die Ausweisung der Juden zu ermöglichen. In allen Teilen Rußlanos werden Ausweisungen in größtem Maßstabe und in rigorosester Form vollzogen. Die Zahl derjenigen, deren Leiden zur Kenntnis der Oeffentlichkeit kam, beträgt allein mehr als' 10 000. In Wirklichkeit wird diese Zahl noch weit überschritten. Ebenso wie man. sie im. Wohn- . rechtbeschränkt, sucht man ihnen die Bildung s mo g li chk ei - k e n zu verschließen. . Auch für die jüdischen Externen, die bisher Schulen frei besuchen konnten, ist jetzt'die berüchtigte Prozentnorm eingesührt, die nur ganz geringen Teilen des Judentums den Besuch der Bildungsanstalten gestattet. .War bisher schon die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft einer Prozentnorm von 10 pCt. unterworfen, so sollen jetzt auch die Rechtsanwaltsgehilsen, als welche die Juden bisher eine beschränkte juristische Tätigkeit ausüben konnten, gleichfalls derselben Prozentnorm unterliegen. Die wirtschaftliche Lag e hat sich verschlechtert. Insbesondere auch durch immer weitere Ausbildung des Genossenschaftswesens in Rußland und der hetzerischen Boykottbestrebungen, die ihre Spitze direkt gegen die Juden richteten. Es beweist, wie grausam die russische Regierung verfährt, daß sie bei diesen, Verfolgungen und dem infolgedessen herrschenden großen Elend der russischen Juden sogar das Funktionieren der Mischen Wohltätigkeitsanstalten zu beeinträchtigen oder zu verhindern sucht. Der Hilssverein leiht seine Unterstützungen namentlich den vielen Lausenden russischer Juden, die sich eine neue Heimat suchen müssen. 1911 betrug die gesamte jüdische Auswander u n g mehr als 100 000 Personen, 70 pCt. davon aus Rußland. 41 000 überseeische jüdische Auswanderer nahmen ihren Weg durch Deutschland und erhielten von den Schutzkomiteees und Grenz- und Hasenkomitees des Hilssvereins Rat und Hilfe. Sie wurden beherbergt, verpflegt, bekleidet,' in Krankheitsfällen ausgeheilt- und, wo es nottat, wurde ihnen der Weg in die neue Heimat geebnet. — Herr Dr. Paul Rath an gab hierauf einen kurzen Rückblick über die Gesamttätigkeit .des Hilfsvereins der deutschen Juden in den zehn Jahren seines Bestehens. Es ist dem Hilssverein nicht leicht geworden, führte er aus, die Stellung zu erkänrpsen, die er jetzt inne hat. Es ist eine Gründung der deutschen Juden mit dem Ziel, vom Standpunkt Deutschlands aus mit weiten Gesichtspunkten und sestgelegtem Plane eine humanitäre Politik zu treiben. Trotz mannigfacher Anfechtungen und Vorurteile ist die Entwicklung des Hilfsvereins eine stetig aussteigende gewesen. Es war etwas Neues für Deutschland, daß eine dauernde Institution gegründet wurde, daß nicht mehr wie früher im Augenblick der Not erst Hilfskomitees gegründet und Gelder gesammelt wurden, sondern daß eine ständige Organisation in Funktion lst, die die Verhältnisse der Juden verfolgt, der ungünstigen: Entwicklung vorzubeugen und sich für den Fall von Katastrophen finanziell beizeiten zu rüsten sucht. Der Hilssverein der Deutschen Juden gewährt seine-Unterstützung durch Geld und durch die Darbietung von'Bildung. Der Hilssverein verfährt dabei rein im Interesse der in Frage kommenden ausländischen Juden. Er tut nichts, was deutschen. Interessen widerspricht, aber er sucht, das Deutsche , nicht in den'Vordergrund zu stellen, ,wo kein Anlaß dazu vorhanden und wo er unzweckmäßig wäre. Er geht, nur von den Bedürfnissen. der Bevölkerung der einzelnen. Länder aus und wird, nur von humanitären Ideen geleitet. Daher oktroyiert er nirgends eine Bildung aus irgendeiner Tendenz heraus: Redner geht alsdann aus die Organisation: der Auswanderung Näher ein, die durch den Hilssverein ins Werk gesetzt ist. Vor Begründung des Hilssvereins waren die - Verhältnisse auf diesem Gebiete die allertraurigsten. Scharen russischer und galizischer Juden überfluteten die deutschen .Grenzen ohne genaue Kenntnis, der Routen, der Landessprache. Sie würden daher ausgebeutet, erlitten eine Fülle von Qualen. Die Grenzgemeinden suchten den Auswanderern, so gut es ging, zu Helsen, besaßen aber keine genügende Organisation und keine genügenden Mittel. Wenn aber, durch Verfolgungen und Pogrome. Hunderte 'und Tausende die Grenze überschritten, eine Art Völkerwanderung entstand, blieb, da der Ansturm zu groß war, Nur die Sperrung der deutschen- Grenzen übrig. Die an Leib und Leben bedrängten russischen jüdischen. Auswanderer wurden in ihr furchtbares Elend zurückgetrieben, die-deutschen Grenzgemeinden waren trotz bestens Willens den Lasten, die ^durch die Ueberslutung mit jüdischen Auswanderern entstanden, nicht gewachsen. Infolge der Konferenz der jüdischen Organisationen in Frankfurt a. M. vom Jahre 1904 fand, eine rationelle Organisation für die Zwecke der Auswanderung in ganz Deutschland statt. In allen Grenz- und Haseuplätzen wie an allen Knotenpunkten des Eisenbahnverkehrs in Deutschland wurden Schutzkomitees für die Auswanderer errichtet. Die bisher planlose Auswanderung über die Grenzen Deutschlands wurde durch den Hilfsverein in enge und zweckentsprechende Kanäle geleitet, so daß keine Ueberslutung in Deutschland jetzt mehr vorkommt, und die Dürchwanderer soweit wie .möglich vor den Miseren, die sie sonst in einem fremden Lande zu erdulden haben, geschützt werden. Der Hilssverein hat dabei die aufopfernde Mithilfe weiter Kreise Deutschlands, gesunden, und . seine Tätigkeit wird überall, auch von der Regierung, gewürdigt. Durch die Regulierung .der Auswanderung ist die Judensrage in Rußland, wo 6 bis 7 Millionen Juden leben, nicht zu lösen. Aber die Auswanderung aus Rußland hat nichtsdestoweniger eine außerordentliche Bedeutung. Sie erlöst die Auswandernden von den Quälen und der Willkür ihrer alten Heimat, erleichtert die Lage der Zurückgebliebenen und gibt ihnen mehr Raum und Licht. Sie ist das einzige Ventil, das in Rußland für die unglücklichen und verfolgten Juden, vorhanden ist.. Redner erwähnt, daß bei Gesprächen, die er seinerzeit mit den Premierministern S t o l y p i n und Wittein Rußland hatte, aus seine Fragen bezüglich der Lösung des russischen JudenProbleNs. beide bemerkt hätten, man möge Rußland nur Zeit zu dieser Frage lassen, auch sie werde einmal gelöst werden. Das sei leicht gesagt, aber Leute, die am Verhungern sind, haben nicht soviel Zeit wie die russische Bureaukratie. Es bleibt daher nichts anderes übrig, als den armen Auswanderern zur Erlangung einer neuen Heimat soweit tunlich dienlich zu sein. Im Hinbick aus die Möglichkeit, daß auch einmal die Vereinigten Staaten durch Politische und wirtschaftliche Konstellationen vorübergehend der Einwanderung, nicht .mehr sim bisherigen Maße offen stehen, kommt als Osteuropa Nächstliegendes Einwanderungsland das osmänische Reich in Betracht, das noch riesige unbevölkerte Ländermassen hat, und langsam, namentlich auch unter Beteiligung deutscher Arbeit und deutschen Kapitals, wieder zu neuer Blüte aussteigt. Die Bedingungen dazu sind in der konstitutionellen Aera weit besser als bisher. In Rücksicht auf die Gesamtlage der russischen Juden-und die Verhältnisse der Einwanderungs- und Auswanderungsländer hat der Hilfsverein von Anfang an die ungeheure Bedeutung des Orients erkannt, und die Notwendigkeit, die einheimische Bevölkerung daselbst, soweit möglich, kulturell zu heben, damit sie geordnete Gemeinwesen bilden kann, und er hat seine Fürsorge insbesondere der Jugenderziehung zugewyndt. Das türkische Reich hat niemals eine Politik der Gewalttätigkeit gegen seine jüdischen Untertanen.geübt, wie. dies,in Rußland und Rumänien der Fall gewesen,, und es ist zuversichtlich zu. erwarten, daß die Türkei dieser glorreichen Tradition treubleiben wird. Zurzeit' steht die türkische Regierung einer Konzentration der Juden in der Türkei, namentlich in Palästina, noch mit Mißtrauen gegenüber. Die Befürchtungen, die die Türkei in. dieser Beziehung hegt, sind aber, wie der Redner näher begründet, unberechtigt. Herr Dr. Nathan gibt alsdann noch in großen Zügen einen Ueberblick über .das Schulwerk des Hilssvereins im Orient-, das von Anfang .an systematisch aufgebaut wurde, die beste Entwicklung ge-, nommen hat. und den vorhandenen Bedürfnissen in weitgehendem Maße Rechnung trägt. Ein breites Fundament bilden die Kindergärten, auf dem dann Volksschulen aller Art.weiterführen, an die sich Fortbildungs- und Erziehungsanstalten — es - seien nur die Handelsrealschule, der Krndergärtnerinnenkursus und das Lehrerseminar