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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-04-19 · Heft 16 (19.4.1912) · p. Seite 182

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 16 (19.4.1912)
Date
1912-04-19
Page
Seite 182 (sequence 2)
Language
German
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sprachen die hellenistischen Juden und Christen genau wie die Griechen, und in vielen Beziehungen dachten sie auch wie sie. Mit der griechischen Sprache eigneten sich die Juden außerhalb Palästinas auch die griechische Kultur an. Mit Unrecht glaubt man noch vielfach, daß mit dem Tode Alexander des Großen auch die Sterbestunde des Griechentumes geschlagen und ein Zeitalter des Verfalls begonnen Habe. In Wirklichkeit feierte gerade damals das Griechentum feine größten Triumphe unter den Völkern des'Orients und schuf eine nur mit der modernen Zeit vergleichbare, staunenerregende Kultur.. Auch die Inden der Diaspora gaben sich willig dem Hellenismus hin. Selbst in ihren religiösen Anschauungen wurden sie abhängig von den philosophischen Systemen der großen griechischen Denker und von dem Glauben der Masse. In den unteren Kreisen wurden Dämonen beschworen und Zaubersprüche versaßt, und ein Philo schob zwischen Gott 'und den Menschen Mittelwesen eilt und faßte nach stoischem Muster die Personen der Bibel als Allegorien. Das war nicht unbedenklich. Nur zu leicht konnte die reine Lehre der Propheten durch die fremden Einflüsse getrübt und entstellt werden. Damals war es das nationale Gesetz, das das Judentum rettete. So mächtig auch die universalistischen Tendenzen unter den Juden waren und darauf hindrängten, alle trennenden Schranken restlos fallen zu lassen — die Führer der Judenheit sahen mit klarem Blick, daß es nicht an der Zeit war, diesem Verlangen zu folgen. Der Jude sollte offen seine Lehren verkünden, aber dann mußte der Heide zum Juden kommen und nicht umgekehrt. Der Proselyt mußte jüdische Art und Sitte annehmen, um sich hineinzugewöhnen in die jüdische Denkweise, um den neuerworbenen Glauben zu festigen und zu stählen. Auch Philo hielt das Gesetz und zog zum Opfern nach Jerusalem. War das ein Fehler des Judentums, ein Mangel und eine Schwäche, wie die christliche Theologie es behauptet? Die Folgezeit hat es gelehrt. Paulus war anderer Ansicht. Das Gesetz schasste er ab, er proklamierte den Grundsatz: Es gibt keinen Unterschied zwischen Juden und Griechen. Es war, wie wenn die Sturmflut die Deiche durchbricht und die schäumenden Wogen das Land überfluten.. Ueberall drang der Hellenismus siegreich vor und bemächtigte sich der jüdischen Sekte. Mystische und lebensverneinende Gedanken, die zum Teil aus orientalischen Kulten stammten und in den hellenistischen Regionen sortlebten, drangen hinein in die Botschaft Jesu von Nazareth. Der historische Jesus wurde das fleisch gewordene Wort, der Sohn Gottes, der nach seinem Tode selbst zu Gott emporsteigt, der Heiland der Welt, vergleichbar manchen Gestalten hellenistischer Sagen, Göttern und Göttersöhnen, die auch Erlöser der Welt waren. Das Dogma der Dreieinigkeit entstand, der Dienst der Göttermutter fand im Atarienkult seine Fortsetzung, die Bilderverehrung der Heiligen schloß sich deutlich an den griechisch-römischen Kultus an, die Lehre von der Erbsünde, der Erlösung durch den Glauben, Askese und Fleischabtötung hielten ihren Einzug in das Christentum. Mag einzelnes von allen diesen Gedanken , auch gelegentlich einmal von Juden . ausgesprochen sein — wie etwa die Mittlerstellung des Logos (des „Wortes") durch Philo — jüdisch waren sie nicht, und wer sie als das Wesen des Christentums aussaßt, der mag immerhin das Christentum eine hellenistische Religion nennen. Wir haben keine Veranlassung dazu, zu entscheiden, was wesentlich im Christentum ist. Mag die Neuzeit sehen, wie sie sich zu den hellenistischen Bestandteilen der christlichen Konfession stellt. Lehnt man sie ab, dann sreilich sollte man nicht nur in der Mission und in der Apologetik die jüdischen Seiten des Christentums hervorheben, sondern auch in. der wissenschaftlichen Forschung sagen, woher es diese Werte hat. Denn auch mit einer jüdischen Mitgift trat das Christentum seinen Weg durch die Weltgeschichte an. Jüdisch war sein Monotheismus und jüdisch waren seine sittlichen Postulate. ' Gewiß keine spärliche Mitgift. Auch griechische Philosophen hatten sich zum Monotheismus durchgearbeitet. Sie bekänrpften die Vorstellungen ihrer Stammesgenossen von den Göttern mit klugen Worten und einleuchtenden Gründen. Besser als der Skeptiker Karneädes konnte kein Prophet, kein Psalmist und kein. Rabbiner , dem Widersinn des Götzendienstes zu Leibe gehen. Und doch — vom Hellenismus hat das Christentum seinen Monotheismus nicht. Denn wenn es daraus ankam, die praktischen Konsequenzen zu ziehen, dann versagte die Philosophie jedesmal, und nachdem man glücklich bewiesen hatte, daß es keine Götter oder höchstens einen Gott gäbe, ließ man alles beim alten. Die Philosophen waren ja so tolerant und so weltkundig. Bald war es das Staatsinteresse, das die Beibehaltung des Götzendienstes erforderte, bald kehrte man die ästhetische'Seite hervor. Man deutete die Götter zu Naturkrästen um, die doch wohl Anbetung verdienten. Man war in allen Sätteln gerecht und konnte sich auch den Luxus einer doppelten Wahrheit leisten. — Das Judentum und mit ihm das. Christentum machte ernst; ein Paktieren mit dem Götzendienst gab es nicht. Mit eiserner Energie, die bis zum Märtyrertum'ging, versagten Juden wie Christen den Kaisern die göttlichen Ehren, die sie verlangten. Sie stellten sich dadurch zu der Anschauung des Hellenismus in einen Gegensatz, wie er schroffer nicht gedacht werden kann, und sie siegten — siegten über den Hellenismus. Nicht anders steht es mit der Ethik des Christentums. Daß die sittlichen Vorschriften des Neuen Testamentes auf jüdische Quellen zurückgehen, ist so oft bewiesen, so gründlich dargelegt, daß es nun wohl endlich jeder, der lesen und hören will, begriffen haben sollte. Allerdings macht auch hier der Hellenisurus dem Judentum den Vorrang streitig. Während man früher den Hellenismus als eine Zeit des Tiefstandes der Gesittung ansah, sucht man ihn heute zu retten. Man weist auf die Philosophen hin, die in Schulen und auf Märkten Moral und Ethik predigten, aus die schönen und guten Lehren, die sie verkündeten, man zeigt aus den Briefen schlichter, einfacher Leute, daß auch im Volke das Gefühl für alles Gute und Edle nicht erloschen war. Aber was will das besagen? Nie und nimmer wird man die hellenistische Zeit reinwaschen können von den Lastern, mit denen sie sich befleckte. Es ist nicht richtig, daß sich die Unsittlichkeit auf die höheren Schichten der Gesellschaft und auf die Großstadt beschränkte. Es sah anderwärts nicht besser aus. Neben dem vielleicht rührenden, vielleicht verlogenen Brief des verlorenen Sohnes an seine Mutter: Ich habe gesündigt — vergib — steht das klare Schreiben eines Mannes an sein Weib, das Kind, falls es eimMädchen, auszusetzen; neben der Akademie, in der die schönen Reden vorgetragen wurden, befand sich der Zirkus, in welchen die Massen strömten, um sich an dem Todeskampfe unglücklicher Menschen, an Tierhetzen und Gladiatorenkämpsen zu weiden. Die Philosophie vertrug sich auch hier nur allzu gern mit dem Leben, die Wirkungen ihrer Theorien muß man gering anschlagen. Das Beispiel wirkte anders als die bloße Lehre. Gerade aus dem Kontraste zwischen Judentum und Hellenismus in sittlicher Beziehung erklärt sich das ungeheure Anwachsen des Proselytentumes, gerade die ethisch denkenden Heiden — und selbstverständlich gab es solche zu allen Zeiten und in allen Völkern — suhlten sich nicht befriedigt von der Philosophie, sondern wurden Juden und Christen. — Aber selbst, wenn dem nicht so wäre, wenn wir den Hellenismus in einem zu schlechten Lichte sehen und ihn verkennen, dann bleibt immer noch die Ethik des Christentums ein jüdisches Werk. Jesus, auf den sie zurückgeht, hatte die Bibel seines Volkes, aber nicht die philisophischen Traktate der Griechen gelesen- und im

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