Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1912)
- Date
- 1912-04-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse 76. Jahrgang Nr. 16 Berlin, 19. April 1912 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luchhandel o er die Post (in Berlin und Vororten durch unsere, verlriebsstellen) bezogen. vielteljähr'.ich 3 NI. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig.Philipps-«. Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag : Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die. Adresse: Verlag der „Allgen,. Zeitung des Zud-ntums", Berlin SW:, Jerusalemer Straße zu rich en. Verlag von Rudolf. rNosse, Berlin. tfllhilit Tochterreligionen. Von Rudolf Leszynsky. — Die IjlUJuU« Woche. — Generalversammlung des HilfsvereinZ der deutschen Juden. — Heinrich Zeise als Philvsemit. Von Dr. Adolf Ko Hut. — Die Geistesreligion und das jüdische Religionsgesetz. Von Gottlieb Klein. — Max Kretzer: Die Verkommenen. Von Ludwig Geiger. — Feuilleton: Heimatlos. Von Leo Herzberg-Fränkel. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Hamburg, Frankfurt a. M., Petersburg. Jerusalem. — — Von Rah und Fern. Tochterrrligionrn. Von Rudolf Leszynsky. II. as Urchristentum war eine jüdische Sekte und. Jesus ein jüdischer Reformator. Daran wird der Fortschritt der Wissenschaft nichts ändern. Im Gegenteil. Je mehr wir das Sektenwesen des Judentums kennen lernen, desto deutlicher wird auch der Zusammenhang, in dem die judenchristliche Gemeinde mit der Mutterreligion steht, Gewiß, wir wußten schon immer, daß „der Neue Bund" (das Neue. Testament), den Jesus begründet, zurückgeht aus ein Prophetenwort des Jeremia: „Siehe Tage kommen, ist der Ausspruch des Ewigen, da schließe ich mit dem Hause Israel und dem Hause Juda einen neuen Bund, nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vätern schloß, als ich sie aüsstdem^ Lande Aegyptens führte . . ./ sondern dies ist mein Bund: ich lege meine Lehre in ihr Inneres und schreibe sie in ihr Herz, ich werde ihnen zum Gott und sie werden mir zuru Volke sein." Aber es wäre ja vielleicht möglich gewesen, daß dieser Ausspruch unter dem Wüste halachischer Diskussionen vergraben und vergessen war und erst vom Christentum wieder mit neuem Inhalt und Leben erfüllt wurde. Und nun Hören wir , in der hebräischen Schrift, einer jüdischen Sekte ebenfalls voneinem „neuen Bunde im Lande Damaskus", der von jüd isch en Priestern begründet war, und wer weiß, wieviel andere Sekten sich damals gleichfalls „der neue Bund" nannten, wieviel neue Testamente es. gab, von denen uns die Geschichte nichts überliefert hast Das Christentum hat diese seine verschollenen Schwestern überdauert und ist groß, und mächtig geworden. Es ver- -dankt das der Genialität eines. Mannes, der, selbst ein hellenistischer Jude, als erster den Gedanken faßte, das Christentum mit. dem Hellenismus zu verschmelzen, und dadurch die Weltstellung der neuen Lehre schuf. Es war der Zeltesabrikant Saulos, der als römischer Bürger auch den römischen Namen Paulus führte. Erst mit ihm beginnt der Einstuß des Hellenismus auf das Christentum und damit, der Bruch mit dem Judentum. Wenn man neuerdings beweisen will, wie wenig jüdisch und wie sehr griechisch das Christentum im Grunde doch fest däny spricht man lieber von Paulus und seinen Briefen und der von ihm beherrschten nachsolgenden christlichen Literatur als von Jesus und den drei ersten Evangelien. Auch auf dieses Gebiet müssen wir dem Gegner' folgen. Wek das Christentum eine Tochterreligion des. Judentums nennst der darf sich nicht mit dem Hinweis daraus begnügen, daß ein paar einzelne Männer, die zufällig von Geburt Juden waren, die Neue Religion ins Leben riefen, sondern er muß auch Nachweisen, daß die GeÜ a nken des Judentums weiterwirkten. Es muß zu dem Zwecke einmal klar unterschieden werden, was im Christentum griechisch und was jüdisch isst Dann ergibt sich ganz von selbst, ob das Judentum wirklich bei der Ent- , stehung des christlichen Glaubens jene unwesentliche, nebensächliche Rolle gespielt hat, die man ihm gern zuweisen möchte. Das Neue Testament ist griechisch geschrieben, nicht hebräisch. In früherer Zeit glaubte man zwar,, das sei nicht immer so gewesen, vielmehr seien uns durch einen beklagenswerten Zufall nur die Uebersetzungen eines hebräischen Urevangeliums erhalten. Später brach sich dann die Erkenntnis Bahn,- daß zur Zeit Jesu die Juden in Palästina allgemein Aramäischsteinen dem Hebräischen verwandten Dialekt, gesprochen haben: man nahm ein aramäisches Original der. Evangelien an und erklärte schwierige, ungriechische Formen und Wendungen als Semitismen. Auf diesen Einfluß konnte das Judentum nun allerdings nicht sehr stolz sein. Diejenigen zwar, die glaubten, daß nicht nur das neue Testament, son- .dern auch die griechische Bibelübersetzung, die Septuaginta, den' Verfassern vom heiligen Geiste wörtlich eingegeben seien, sprachen respektvoll von dem „biblischen Griechisch", dessen . viele sonst unbekannte Worte und Konstruktionen ja auch aus götllicher Quelle stammen mußten. Die weniger Gläubigen nannten das: Judengriechisch. Natürlich. Die Juden haben - von jeher gemauschelt, sie haben nicht wie die anderen Griechen gesprochen, sondern hatten ihren eigenen verdorbenen. Jargon, in dem nun unglücklicherweise die wertvollsten Bücher der Weltliteratur auf uns gekommen sind. Wie schade, daß dieser ein wenig antisemitische Traum so schnell zu schänden geworden .ist/. In den Inschriften aus Papyrus, Stein und Tom scherben, die die neueren Ausgrabungen zutage gefördert haben, findet-sich überall das angebliche Judengriechisch wieder, in Aegypten, in Kleinasien, auf den griechischen Inseln, man sprach und schrieb es in der Kanzlei so gut wie aus dem Felde oder im Lager, der Gebildete wie der Ungebildete, der . Grieche wie der Jude. Es war die allgemeine Sprache der hellenistischen Zeit, die natürlich anders aussah als das klassische Griechisch, das man ein paar Jahrhunderte'vorher in Athen gesprochen hatte. Auf den Ruhm, Grammatik und Lexikon der Griechen sonderlich bereichert zu haben, muß das Judentum verzichten. Selbstverständlichübernahm man .gewisse hebräische Worte, für die man kein passendes Aequivälent fand, wie Sabbat und Passah. Aber bas.-war -alles. Im.übrigen