Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-04-12 · Heft 15 (12.4.1912) · p. Seite 179

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 15 (12.4.1912)
Date
1912-04-12
Page
Seite 179 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3229015-3229031--68367-3280622
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

9 entity mentions

aus 6er maurisch-jüdischen Kulturära dar und führt mit sorgsamer Benützung der Maimonischen Schriftenin das Wollen und Wirken ' des Mannes ein, der Richter-Rabbiner, Arzt und Weltweiser in Einem zu sein vermochte. Der liebevollen Aufmerksamkeit der Zeitgenossen und der Pietätvollen Erinnerung der Späteren dankt die Wissenschaft manche' genaue Einzelheit aus des Meisters Leben, so das bis auf die Stunde fixierte Datum seiner Geburtszeit, die Kenntnis der geistigen Ahnenreihö des grandiosen Religionssystematikexs Älfasi, Jbn Migasch, Maimon, Maimonides wäre die gradlinige Reihe, sein Zusammentreffen mit Averroes zur Zeit der Almohadenwirren, wie sein Umgang mit anderen mohammedanischen Denkern, von denen er freudig Anregungen mancherlei Art empfing, seine Mühe, den Scheinmohammedanern jüdischer Abkunft zu dienen und sie dem Judentum zu erhalten und vieles andere. Nach langen Irrfahrten wird Aegypten des flüchtigen Maimunis Heimat. Hier vollendet er seine Misnaübersetzung, deren arabischer Stil vielfach'die Spuren des ägyptisch-arabischen Idioms aufweist und hier, wo der erste Mose gewirkt, bringt er das Judentum .in ein System (sein großes Gesetzeswerk) und sucht es philosophisch zu begründen in seinem „Führer der Verirrten". Der Verfasser gibt eine saubere Analyse dieser Werke. Der Religionslehrer wird gut tun, gerade diesen Teilen der Münzschen Arbeit besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Kulturhistorisch wertvoll ist, was Münz uns über seinen Helden als Arzt zu sagen weiß. Auch Maimonides Wirksamkeit ' als räbbinische Autorität wird getreu geschildert. Die Abschaffung der Piutim, für. die Maimuni Sorge trug, wie seine Anordnung, die Tephilla sofort laut durch den Chäsan rezitierey zu lassen, bezeugen, wie Maimuni sich bemüht hat, die klassische Einfachheit und Schlichtheit der Synagogenandacht vor der Ueberwucherung mit puritauistischem Schlinggewächs zu schützen. Ein Schlußkapitel gibt ein farbensattes, mit rührender Liebe 'gezeichnetes Bild von Maimonides Charakter, seinem Familienleben und seinem Heimgang, Wir können das bei aller Liebe mit anerkennenswerter Sachlichkeit geschriebene Buch würmstens empfehlen, es ist ein würdiges Denkmal für den unsterblichen Genius des größten Sohnes Kordovas. Dr.- B e e r m a n n - Insterburg. * — A u s j ü b i s ch e in Haus e. Erzählungen 'von Heinrich Einstädter, Frankfurt a. M., Verlag von I. Kaussmann. .Preis geb. l.20 M. Das Bestreben, unserer Jugend neben den Büchern, die sie aus ihrer Schulbibliothek erhalten, auch solche zu verschaffen, die ihr zeigen, daß auch aus jüdischen Kreiseirund von Juden alter wie neuer Zeit viel Schönes und Interessantes erzählt werden kann, ist recht löblich und hat schon manches Buch gezeitigt. Leider sind nur wenige von ihnen für diejenigen brauchbar, für die sie eigentlich geschrieben sind. Tenn diesen Büchern ist jede jüdische Tendenz so kraß aufgetragen, daß sie von vornherein abschreckend Und doch genügt es, wenn die Geschichte im jüdischen Kreise spielt und hier ideale Personen und Verhältnisse, schildert; aber jüdische Redensarten, als ob inan heute noch Jiddisch spräche, die überlasse man antisemitischen Skribenten: und leibhaftige hebräische, in Quadraschrist (!) gedruckte Wörter und altorthodoxe Minhagim —' glaubt man wirklich, daß das fesselt? Gerade das schreckt viele Eltern ab, entweder weil kein Verständnis dafür vorhanden ist, oder weil sie keinen Zwiespalt in ihr Haus bringen wollen. Ich habe deshalb Einstädters Buch „Aus jüdischem Hause" mit Mißtrauen zur Hand genommen; man denkt sofort an ein orthodoxes Haus und wittert andere als bloß künstlerische Tendenzen. Als ich aber die erste Geschichte (die Säbbatlampe) gelesen hakte, mußte ich mir gestehen, daß diese Packende Geschichte doch turmhoch alle jüdischen Geschichten für die Jugend überragte, die ich bislang gelesen habe. Ich las weiter, und der gute Eindruck blieb; die beiden letzten kleinen Geschichten sind allerdings recht unbedeutend, auch zu unwahrscheinlich. I Nun bedaure ich, daß auch dieses Buch hebräische und jüdische Kenntnisse voraussetzt,' die nicht .vorausgesetzt werden dürfen. Wiepiel Kinder kennen das Nachtgebet (nicht Abendgebet!) so genau, daß sie ■ Haschkiwenu, oder wchosser mimenna jogaun wa-anochoh, oder die Bedeutung von Lirkas bagauinel oder von. chamische ossor wissen? Damit beraubt sich doch der. Verfasser selbst der Wirkung. Auch braucht das Töchterchen nicht gerade Sara zu heißen. Wieviel Jüdinnen heißen denn heute so,? Abgesehen von diesen Ausstellungen \ aber kann ich diese flott und packend geschriebenen, gemütvollen Ge- \ schichten nicht nur der reiferen Jugend, sondern, auch den Er- . wachsenen bestens empfehlen. Die Ausstattung des Buches^ist vortrefflich. Frankfurt a.<.M. ' - Professor Luttner. ■ ' * '■ - — H e inrich Hei nes Werke in zehn Bänden, unter All twirkung von Jonas Frünkel, Ludwig Krähe, Albert Leitzmann und Julius Petersen herausgegeben vonOst ar Walz eh, zweiter und sechster Band, Leipzig, im Insel-Verlag 1912.. Zwei neue. Bände dieser schon mehrfach gerühmten Heine-Ausgabe, die unsere Leser, wie alles, was von Heine kommt und über Heine handelt, lebhaft interessiert. Zwar der Inhalt, des zweiten Bandes: „Neue Gedichte, Verschiedenes, Zur Ollea, Zeitgedichte, Romanzen, Atta Troll und Deutschland, ein Wintermärchen" enthält nichts Jüdisches. Man müßte denn die bekannten bösen Anspielungen aus einzelne Hamburger Juden in dem - letztgenannten Gedichte ausnehmen und die berühmten Endstrophen des 22. Kapitels: „Die Juden teilen sich, wieder ein In zwei verschiedene Parteien; Die Alten gehn in die Synngog' Und in den Tempel die Neuen. Die Neuen essen Schrveinefleisch. Zeigen sich widersetzlich. Sind Demokraten; die Alten sind Vielmehr aristokrätzig. ' Ich liebe die Alten, ich liebe die Neuen — Doch schwör' ich beim ewigen Gottes Ich liebe gewisse Fischchen noch mehr. Man heißt sie geräucherte Sprotte." Die Anmerkungen zu diesem Bande sind vortrefflich; eine spezielle Einleitung, in dem die Gedichte gewürdigt -werden, wird nicht voraugestellt. Der sechste Band hat einen etwas bunten Inhalt. Er setzt sich zusammen aus den Abhandlungen: „Französische Maler, Französische Zustände, Aus den Memoiren des Herrn w Schnabelewopski, Florentinische Nächte." Für den Kommentar hätte etwas mehr getan werden können. Ich habe die' Empfindung, daß in den Memoiren'des Herrn v: Schnabelewopski — die darin vorkommende Erzählung vom Fliegenden Holländer wurde die Unterlage für Wagners Oper — viel Autobiographisches steckt. Es wäre nicht uninteressant, Forschungen anzustellen, wen Heine mit dem kleinen Simson gemeint hat, mit dein Schnabelewopski über Gott diskutiert. Man ist versucht-, däbei an einen jüdischen Freund Heines aus der Berliner Zeit, etwa an M. Moser, zu denken (während man bisher Heines Freund Marcus als Urbild betrachtete). Sehr Merkwürdig und für uns besonders interessant ist das 14. Kapitel mit seiner Vorlesung aus dem Buche der Richter über Simson und mit dem Kommentar, den der kleine Simson, freilich in Fieberphantasten, aus seinen Erlebnissen und Reminiszenzen gibt. Mir ist bei der Lektüre die schon von Fürst vorgebrachte Bemerkung sehr wahrscheinlich geworden: mit dem kleinen Simson, der so häufig auf Frankfurt hinweist, einzelne Straßen der alten Reichsstadt nennt, ans Erlebnisse anspielt, die er dort gehabt hat, sei kein anderer als Ludwig Börne gemeint. Man sollte diesen Spuren etwas mehr nachgehcn, als bisher geschehen ist. Sonst verdient auch in diesein Bande die kritische Arbeit höchliches Lob, die ganze Ausgabeist musterhaft ausgestattet, loie die Publikationen des Insel-Verlags überhaupt. L. G. * Karl Philipp Moritz, Anton Reiser. Ein Psychologischer Roman, - Neu herausgegeben und eingeleitet. von Dr..-Fred B. Hardt, mit den vier Titelvignetten der Originalausgabe und zwei Porträtkupser. Erster und zweiter Band, München und-Leipzig 1911. Verlegt bei Georg Müller. Etwas speziell Jüdisches enthält diese Veröffentlichung zwar nicht, und doch ist es wohl angebracht, diese schöne Ausgabe nach dem Originaldruck aus dem dritten Viertel des 18. Jahrhunderts, die auch mit den Originalillust-ratiouen geschmückt ist, in diesen Blättern zu empfehlen. .; . Moritz, der - Theologe, : Psychologe, Aesthetiker, Pädagoge, ein Ringender und Suchender, ein vielseitiger Gelehrter und' unglückseliger Mensch, der mit Armut und Krankheit, Selbstüber- und-Unterschätzung -zu kämpfen hatte, hatte etwas von Salomon Maimons an sich und erinnert an, jene Stürmer und Dränger, wie sie gerade im Ansgange des IS. Jahrhunderts so häufig waren. Die in den vorliegenden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.