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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-04-12 · Heft 15 (12.4.1912) · p. Seite 178

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 15 (12.4.1912)
Date
1912-04-12
Page
Seite 178 (sequence 10)
Language
German
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Leichen gelynchter Juden,' die der verhetzte trunkene Mob zum Tode verurteilte und beförderte! Ihr scheint Mißhandlungen eher zu vergessen, als sich an Wohltaten zu erinnern." „Ich.wiederhole, Exzellenz, daß ich nur dem Befehle, offen zu sprechen, gehorche, wenn ich die Bemerkung wage, daß jene Juden, welche sich entschlossen haben, den Bestrebungen der Polen Gefolgschaft zu leisten, die. Versicherung erhielten, nicht bloß die Kärrner zu sein, welche die Steine zum Neubau herbeischaffen,' den sie nicht bewohnen sollen. Wenn die Juden Gut und Blut, wenn sie alles daran setzen, was ihnen heilig und teuer ist, so geschieht es aus Grund eines von einem polnischen Fürsten geleisteten und von hohen Personen bekräftigten Versprechens: ,Que ceux qui perissent de la meine mort, doivent vivre de la meine vie’.“ . . -?V „Wenn ihr aus diese Zusage euer Heil gründet, lieber Holdheim, dann bedauere ich euch! Zugegeben, daß sie euch eure Hingebung und Opfer lohnen, und euch bisher verschlossene Straßen und Städte, Gewerbe und Anstellungen, offnen werden, daß sie euch in der ersten Trunkenheit den Bruderkuß geben — glaubt ihr, daß je der Zahltag fällig werden, daß die Polen je ihre Zusage einlösen können, daß siedie Herren in diesem Lande, die . Besieger ihrer Herrscher * bleiben und dauernd ihre Banner dort aufpflanzen werden, wo'jetzt auf gewaltiger Höhe der mächtige russische Adler, vor dem sich ganz Europa beugt, horstet?" Der Gras richtete sich, rot aus Zorn, aus; seine Augen zeigten glühenden Haß und unversöhnliche Härte. Die bisherige milde Form war gefallen — grattez le Russe et vous trouverez le Tartare. Seine Stimme wurde lauter und drohender. „Mit einem eisernen Besen werde ich in diesem Lande fegen", ries er. „Ich werde jede Anmaßung, jeden Widerstand wie tönerne Figürchen zermalmen. Was je eine Waffe getragen haben wird für das polnische Vaterland, je ein Lied sang oder, ein Gebet flüsterte, einen bloßen Gedanken hegte von Freiheit und Unabhängigkeit, wird ausgerottet werden. Dorthin, wo das Leben tot liegt, wo die Natur zu Eis erstarrt, eine Leiche ist, werde ich jene betten, in deren Köpfen jetzt der Aufstandsgedanke fiebert. Ich werde die sreiheitsdürstenden polnischen Provinzen in finstere Gefängnisse verwandeln und ein Gericht über die Schuldigen halten, wie am jüngsten Tage!" * -Der General war sehr erregt und der Zeuge seiner Erregung eingeschüchtert. „Bitte, Exzellenz, zu bedenken",' sagte Holdheim kleinlaut, „daß ich vorhin nicht meine persönliche Anschauung zum Ausdruck brachte, sondern die der Jugend, der es noch an Erfahrung gebricht. - Gewiß werden diese Illusionen bald zerrinnen." „Ja, schon beim ersten Kanonenschuß, der in Warschau einschlägt. Ich weiß es. Aber späte Reue fruchtet nicht. Dann werden die Militärgerichte sprechen und die Henker arbeiten. Sie dürfen sich nicht verhehlen, daß die ersten Opfer der Wiedervergeltung, ohne mein Zutun,' die Juden sein werden, und um dies Blut zu sparen, viel Leben und Vermögen zu retten und der russischen Regierung und dem gütigen Zaren zu beweisen, daß sie an den Juden treue Untertanen besitzen, habe ich Sie herbestellt, damit Sie Ihre Glaubensgenossen warnen undKfie vor dem unfehlbaren Verderben retten. Sie haben Erfahrung, Verstand und Einfluß, handeln Sie danach." Damit war die langwierige Audienz zu Ende. Halb betäubt erreichte Holdheim, rückwärts schreitend, den Ausgang, In der Vorhalle machte sich gegen ihn abermals der Unwille der Wartenden, welche in ihm einen Zuträger sahen, laut, und er war froh, sich schon, an' der Stiege zu sehen. Hier aber trat ihm ein Herr entgegen, der die Uniform - eines Polizeibeamten trug und ihm den Weg versperrte. „Herr Holdheim", .redete er ihn an, „ich muß Sie sehr eilig und sehr dringend sprechen; doch nicht hier. - Folgen Sie mir in 'jenen Gang,; der selten betreten wird." Der alte Mann blieb gänz perplex stehen, sah schreckensbleich aus den Polizeikommissär, der ihm voranschritt. Es war eine nach rückwärts gelegene breite Galerie, eine Art Wintergarten mit . üppigem, exotischen. Blumenflor/ Springbrunnen, Vogelbauern, plaudernden und kreischenden. Papageien und kleinen Lauben aus Efeugewinden,. Eäuseuse und Tischchen. Kein Mensch im langgestreckten Raume, kein anderer Laut als Vogelgesang, und Gezwitscher. 'Sie kennen mich nicht mehr, Herr Holdheim?" redete der PolizeMamte den betroffenen'alten Mann an. „Nein, Herr," erwiderte dieser, das Gesicht seines Gegenüber sorgsam prüfend.- , „Ich habe eben erfahren, daß der Mann, der so lange;' im Kabinett des Herrn Generalgouverneurs weilte, Holdheim heiße. Ich erkundigte mich wegen der Identität: lebte früher! in Wilna, ein reicher, geachteter- Mann, Witwer, hat. Sohn! und Tochter, ein Haus in der Synagogengasse. Es stimmt.'/ alles. Ist es so?" > „Ja." „Sie erinnern sich vielleicht noch eines Beamten der Bank in Wilna," fuhr der Fremde leise und vorsichtig fort, „der Sie ' damals als Verwaltüngsrat Vorständen, welcher infolge;, leichtsinnigen Lebens eine nahmhaste Geldsumme unterschlug, und nun vor einer angesagten Kassenrevjsion stand. Seine j Verzweiflung war groß und wuchs mit jeder Minute. Alle^ Versuche scheiterten. Der junge, zum Selbstmord entschlossene Mann wagte noch einen letzten Versuch, er warf sich Ihnen ' zu Füßen, beichtete und erhielt Absolution nebst der erfordert lichen Summe, auf deren Rückzahlung Sie im vorausverzichteten. Der junge. Mann war durch Ihre Großmut ge-.,, rettet.";j: „Er hieß Stefan Kurilosß Ich entsinne mich." .jf! „Der bin ich und seit einigen Jahren im Staatsdienste. Ins' dieser Stellung bin ich heute in der glücklichen Läge Ihre da-'- malige Wohltat zu vergelten. Sie zu retten, wie Sie mW gerettet haben." H Herr Holdheim stutzte. - " - „Eine Entdeckung, die.ich eben, machte, legt Ihr unÄ Ihrer Familie Schicksal in meine Hand, die ich'Ihnen germ zur Stütze reiche." . - - -' „Eine mich betreffende Entdeckung?" srug Herr Holdheim aufs höchste erstaunt.; „Keine Verstellung! Sie sehen, daß ich es gut meine. Ich hätte ja sonst die Entdeckung, für mich ausnützen können, um mir eine Auszeichnung oder Beförderung zu holem Aber meine Dankbarkeit ist größer als mein Ehrgeiz." „Ich weiß in der Tat nicht, was,Sie andeuten wollen „Sie wissen nicht," sagte Kwilosf noch leiser, „daß im Bet/ lokale Ihres Hauses, mit den vergitterten Fenstern auf beit 1 Hofraum eine geheime revolutionäre Buchdruckerpresse der Herstellung von Plakaten arbeitet, von Ihrem Sohn, Jhrer^ Tochter und einem polnischen gelernten Buchdrucker namens Sawinski bedient?" ' - ' lFortsetzung folgt.) Litrrsrilche Mitteilungm. — M oses b en Mai m o n. Sein. Leben und seine Werke von Dr. I. Münz. Verlag von I. Kausfmann, Frankfurt 1912. / Das ist ein Buch, aus treuer und gewissenhafter Versenkung in das weitschichtige und umfangreiche Ouellenmaterial erwachsen, das hält, was es verspricht. Mt Berücksichtigung der neuesten Forschungsergebnisse stellt es die Persönlichkeit des großen Universalgenies

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