Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1912)
- Date
- 1912-04-12
- Page
- Seite 177 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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D e u t sch richtig vermutet, von den Griechen gelernt haben. Im europäischen Abendlande hat sich, soviel ich weiß, eine derartige Bedrückung der Juden nicht eingebürgert. Unvermeidlich hätte der Schmerz oder die Klage darüber einen Ausdruck gesunden in den zahlreichen Kino LH und Selichoth, die von Judenmetzeleien und Judenbedrückungen so viel zu erzählen wissen; empörend, wenn auch minder gefahrvoll, wäre auch die erzwungene Henkerrolle gewesen. ° Diese Rolle teilten die Juden wohl mit den Zigeunern, mit dem Unterschiede jedoch, daß, was jenen tödliche Angst verursachte, diesen nichts als Vergnügen war. Man kennt leider, die bedenkliche Nähe, in welche die Juden zu den Zigeunern gebracht werden. Diese beiden Parias der mittelalterlichen Gesellschaft, so verschieden unter sich, werden von den herrschenden Klassen mit gleichen Fußtritten behandelt. Es ist noch gar nicht so lange her, seit die Zusammenstellung der Juden und Zigeuner in den geographischen Lehrbüchern ein Ende gesunden hat. Was aber die Henkerrolle der Zigeuner anlangt, so ist sie ja auch heute nicht geschwunden. Alles Aas, aller Schmutz, aller -Kehricht und alle Fürsorge der Kloaken wird in manchen Ländern noch heute gern den Zigeunern aufgeladen. Gerade in unseren Tagen melden die Zeitungen, daß in Saloniki — auf ehemaligem griechischen Boden — die Menge der Eholeraleichen, da sich niemand mit ihnen beschäftigen mag, von Zigeunern hinausgeschafft wird. Die byzantinischen Griechen^ hatten nun unter allen europäischen Völkern zuerst die Ehre, mit den Zigeunern bekannt zu werden, soll ja selbst der Name „Aegyptier", mit welchem die Zigeuner von vielen Völkern Europas bezeichnet werden, von der Halbinsel Morea-Kleinäghpten herrühren. Konnten nun die Zigeuner zu Henkern gemacht werden, warum nicht auch die gleichverachteten, die gleichunterdrückten Juden? Dies ist, glaube ich, das geschichtliche Bild von der Henkerrolle der Juden; byzantinische Griechen sind es, die zuerst die teuflische Idee hatten, für Taten, die sie sebst für scheußlich hielten, die Werkzeuge anderswo zu suchen; bei Zigeunern fingen sie am bei Juden endeten sie. heimatlos. Aus der letzten polnischen Reolution. Von L e o H e r z b e r g. F r ä n k e l. . VI. etzen Sie sich, legen Sie jede Scheu, jede Unaufrichtigkeit, jede Phrase ab und feien Sie vor allem wahr und aufrichtig, was ich am meisten schätze und lohne. Sie finden mich besser unterrichtet, als Sie glauben. Ich weiß, was vorgeht; ich kenne Stimmung und Gesinnung, die Vorbereitungen, die in allen Teilen des Königreiches getroffen werden, die Herrschaft feiner Majestät abzuschütteln. Die Juden, in Polen folgen der irregeleiteten Masse auf die schiefe Bahn, auf Versprechungen hin, die nie in Erfüllung gehen können — reicht Ihr Einfluß so weit, die Juden zum Stillstand zu bringen und sie von. der verhängnisvollen Richtung zur Loyalität zurückzuführen? Eine Aufgabe, deren Realisierung wir Ihnen hoch anrechnen werden?' „Exzellenz mögen die Ueberzeugung haben —" „Keine Phrasen, wenn ich bitten darf! Phrasen sind Eingeständnisse der Unaufrichtigkeit und Unehrlichkeit. Ein Mann, besonders ein alter Mann, der nur noch eine Spanne Zeit zur ewigen Wahrheit hat, sollte den Mut haben. Ja oder Nein zu sagen. Eine offene Gegnerschaft ist mir lieber, als eine in Zucker eingemachte Unzuverlässigkeit. Antworten Sie mir wie ein ehrlicher Mann ohne Umschweife, ob Sie den Willen und die Macht haben, Ihre Stammesgenossen zu vermögen, einer Bewegung sernzubleiben, die sie nur ins Verderben führen kann und einer Regierung treu zu bleiben, bei der allein sie ihr Heil finden können. Daß Sie dies können, wenn Sie wollen, weiß ich ebenso bestimmt, als ich weiß, durch welche Mittel und Wege, durch welche lüg-, nerischen Vorspielungen man die jüdische Jugend Polens in eine Richtung lockte, in der sie dann von der Hand des Siegers Unfehlbar erdrückt und erstickt werden wird. Denken Sie, älter Mann, an das Jahr 1830; erwägen Sie die Chancen, die Konsequenzen; die ohnmächtige Dankbarkeit der revoltierten Polen und die unbeschränkte Macht des Zaren!" Nach einer kurzen Pause erwiderte Herr Holdheim, zuerst mit etwas zaghafter Stimme, dann mit mehr Sicherheit und Unbefangenheit, fast als stünde er dem mächtigen Manne, dem Statthalter des Kaisers gegenüber, auf dem Fuße der Gleichheit: „Eure Exzellenz geruhten mich aufzufordern, die ungeschminkte Wahrheit zu sprechen und mir für dieselbe die Absolution zuzusichern. Gestatten Sie mir denn, der ich keiner Partei untertänig bin und in dieser Welt wenig mehr zu hoffen und zu fürchten habe, jene Juden zu entschuldigen, welche der Sache der russischen Polen ihre Sympathie, zuweilen sogar ihre Unterstützung zuwenden. Trotz aller Treue an die Dynastie und die Regierung sind die Juden im Reiche des Zaren die Parias der Gesellschaft und der Gesetzgebung. Sie sind die Packesel, die die Lasten des Staates tragen, aber im Staate nichts zählen. Sie liefern Soldaten, sie liefern Steuern, sie vermitteln den Handel, sie fördern den Verkehr — tragen alle Pflichten, haben aber keine Rechte; find aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen und sogar das Wohn- und Erwerbsrecht im größten Teile Rußlands versagt —'" Der Generäl Berg fiel ihm ins Wort. „Und hier in Polen", unterbrach er, etwas leidenschaftlich geworden, „sind die Juden seitens der Gemeinden sogar aus den meisten Straßen der Städte, zu deren Erhaltung sie kontribuieren, ausgeschlossen. Wo steht Ihr Haus?" „Im Ghetto!" erwiderte Holdheim kleinlaut. „Na sehen Sie! Ist die Gemeinde besser gegen Sie? Dankt sie besser ihre Dienste? Wird Ihnen gestattet,- in jeder Ihnen beliebigen Straße eine Handlung zu etablieren, in den Dienst der Oeffentlichkeit zu treten, ein Schutzmann oder Kaminfeger zu werden?" „Exzellenz haben gewiß recht, doch glaubt man — es ist dies nicht meine persönliche Ansicht —, daß nunmehr bei einer etwaigen Wendung der Dinge die Juden doch einen Anteil an den freiheitlichen Errungenschaften erhalten und die Rechte der anderen Staatsbürger im freigewordenen Königreich teilen werden. Die Verbesserung unserer sozialen Verhältnisse ist der Köder, der unsere Jugend lockt." Der General lachte, streckte sich in eine bequemere Position wie jemand, der Zeit und Lust hat, eine längere Diskussion einzugehen und sagte: „Ihr seid schlechtere Rechner als ich dachte, oder Gott hat euch mit Blindheit gechlagen um euch, sein auserwählteZEVolk, zu strafen. .Sie sind alt genug, um die Erinnerung an das Jahr 1831 zu bewahren. Sie kennen die Behandlung, die euch damals geworden, die rasch vollzogenen Todesurteile auf einfache Verdächtigungen und Anfchwärzungen, die Mißhandlungen, die euch auf dem flachen Lande seitens der bäuerlichen Bevölkerung geworden, als dort die russische Herrschaft eine kurze Weile aufhörte. Und selbst hier in Warschau, am Sitze der Intelligenz, wie viele Laternenpsähle trugen da die