Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1912)
- Date
- 1912-04-12
- Page
- Seite 176 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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sondern ih n unter dem Titel,, Wied er ein Gehe i m e r l a ß " in Nr. 10 mit Behagen veröffentlicht!— So sieht die Gerechtigkeitsliebe der „Jüdischen Presse" aus, die gegen „Geheimerlasse" wettert, so rein sachlich und nicht persönlich kämpft die Orthodoxie gegen den D. I. G. B. — Und dabei weist der Herr Einsender mit Entrüstung den Vorwurf zurück, welcher der Orthodoxie von ihren Gegnern gemacht wird, als ob. sie die Macht im Ausschüsse an sich reißen wolle. J^r, weshalb bemühen sich denn die Herren Orthodoxen um die Mandate der kleinen Gemeinden, weshalb betonen sie in ihrdn Bewerbungen um die Mandate vor allem, daß die Vertretung kostenlos geschieht? Weshalb opponieren sie mit aller Macht gegen jede, auch noch so geringfügige Verstärkung der Befugnisse der Delegierten? — Das ist der Unterschied zwischen der Kampsmethode des D. I. G. B. und der orthodoxen Gegner! Der D. I. G. B. macht kein Hehl aus seinen Absichten, er will eine liberale Gemeindeverfassung, eine Vernunft- .und. naturgemäße Entwicklung fördern, die Ortho- ' doxie aber betont immer, sie wolle nur das Judentum erhalten, seinen Gesamtinteressen dienen, statt offen zuzugeben: Wir wollen nur die Interessen der geistlichen Führer fördern, wir wollen uns die Macht rn allen Vertretungskörpern des Judentums sichern. Freilich, wenn sich unter den Verbandsmitgliedern noch Nothelser finden, die der Orthodoxie eine Mitteilung des Vorstandes, die gar nicht einmal die Bezeichnung führte „Vertrauliches Rundschreiben" mit großer Wichtigtuerei als „Geheimerlaß" denunzieren, wenn sich Lehrer finden, die Angelegenheiten ihres eigenen Standes in Zeitungen kritisieren, die als Widersacher ihres Standes bekannt sind, wenn ein Kollege — wie das neulich erst geschehen ist — der sogar Vorsitzender einer vom Verbandsvorstande eingesetzten Kommission ist — die Provinzialverbände nach ihrer orthodoxen oder liberalen Leitung aus Herz und Nieren prüft und dann, ohne daß seine . Zensur durch Sachkunde getrübt ist, in mehreren Zeitungen verkündet: Der Verband A ist noch orthodox, B ist liberal usw., wenn er gewissermaßen gegen die Leiter der Provinzialverbände Steckbriefe erläßt, dann ist die Orthodoxie berechtigt, uns einen so väterlichen Rat zu geben, dann kann sie uns aber auch nicht als freie und unabhängige Neuerer, wie unsere christlichen Kollegen gelten lassen, sondern als die alten Schulmeister, die am liebsten unter dem Krummstab ruhen oder auf unsere Verhältnisse übertragen, als die alten „Melamdim", die gehorsame Diener des Rabbiners waren. — Me Juden als tzmker. Von Professor Dr. Samuel Krauß in Wien. m ein hochverehrter Freund, Professor Dr. Gotthard Deutsch in Cincinnati, hat in einer der früheren Nummerw) der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" ein Thema angeschnitten, das weiterverfolgt zu werden verdient. Nicht, als ob dieses Thema erhebend oder auch nur belehrend wäre, nein, es ist abscheulich und nur für die Größe der menschlichen Niedertracht bezeichnend, aber zur Geschichte gehört es, und die Geschichte ist unser aller Lehrmeisterin. Die Juden als Henker — sollte man es für möglich halten? Die armen, verfolgten, jeden Augenblick am Leben bedrohten Juden, für die es nur Richter, aber kein Recht gegeben, sollten den Scharfrichter machen und das Recht verwirklichen? Sie, die'friedliebenden Menschen, denen jedes Menschenleben teuer, sollten Todesstreiche versetzen? Der Waffen ungewohnt, sollten sie den Mordstahl schwingen? Siehe „Allgemeine Zeitung des Judentums" 1911, S. 437. Doch auch diese Schmach blieb den Juden nicht erspart. Dieselben feindlichen Mächte, die sie in Ghetti einpserchten, die ihnen jeden anständigen Lebensunterhalt versagten, die sie mit lächerlichen Abzeichen brandmarkten, die feindlichen Mächte, die sie durch häßliche Haar- und Barttrachten dem Gespött und dem Hohne, der Straßenjungen Preisgaben — sie zwangen die Juden auch zu der verwerflichsten Beschäftigung) welche die gesellschaftliche Ordnung zu ihrer eigenen Schmach erfunden hat. Für die „Meisterschaft", mit der sich die Juden dieses Geschäftes entledigten, diene folgende Probe?) Theodoros l. Laskaris, Kaiser eines Teiles des byzantinischen Reiches (1204—1222), lag im Kampfe mit . dem Bulgarenkönig, der für ihn unglücklich endete. Besiegt und gefangen genommen, sollte er über Geheiß des Bulgaren eines schmählichen Todes sterben. Zwei Juden wurden herbeikommandiert, die ihn, so meinte der Tyrann, schon aus Rache für die Verfolgungen ihres Volkes, gern töten würden. Schon ergriffen sie ihn und warfen ihn nieder; aber gerührt von dem Flehen des Purpurbekleideten zögerten sie, den Unglücklichen zu blenden, und da war es um sie geschehen. Wutentbrannt ließ sie der Bulgare auf einen hohen Berg -schleppen, von dem sie mit zerschmetterten Gliedern ins Meer geworfen wurden. Der jüdische Autor, der uns diese Szene erzählt, gebraucht hierbei, gewiß unbewußt, Worte, die an die Prozedur des Sündenbockes des Versöhnungstages erinnern: Noch waren sie zur Hälfte des Berges nicht gekommen, als sie schon mit zerschmetterten Gliedern tot darniederlagen. Ergreifende Worte! Denn war es nicht das Schicksal. Israels, den Sündenbock der 'Völker zu spielen? Ein Jahrhundert später, aber halbwegs noch immer auf griechischem Boden, finden wir dieselbe schmähliche Behandlung der Juden. Ein Privilegienbrief. Philipps I. von Tarent aus dem Jahre 1317, eines Mannes, der damals auch über Korfu herrschte, machte' es den dortigen Machthabern zum Vorwurf, daß sie die Galgen noch immer auf jüdischen Friedhöfen ausrichteten, die Juden noch immer zu Henkersdiensten und zu anderen Strafvollziehungen zwängen, obzwar sie durch frühere Dekrete davon befreit wären?) Diese „Privilegien" mußten die Juden gewiß um teures-Geld erkaufen, aber wer versichert uns, daß sie nun von der schmählichen Behandlung befreit blieben?. Wieder vergeht mehr als ein Jahrhundert, und die Juden hörten noch immer nicht auf, Henker zu sein. Der bestbekannte Obadja Bertinore berichtet im Jahre 1448 aus Palermo auf Sizilien, daß dort die Todesstrafen, Prügel oder sonstige Züchtigungen an Verbrechern von Juden exekutiert wurden?) Derselbe Obadja weiß auch sonst von dem Haß der Griechen gegen die Juden viele Züge zu erzählen. Denn >auch in Palermo befinden wir uns noch weiter auf griechischem Boden oder doch-auf ehemals griechischem Boden. Demnach dürfen wir annehmen, daß die Verwendung der Juden als Henker eme Spezialität des griechischen Judenhasses darstellt. Wenn sich ein Aehnliches noch im vorigen Jahrhundert bei den Türken findet, so mögen sie, wie Professor Gotthard *) Aus einem Briefe des R. Jakob aus Venedig an Fra Pablo Christiani, kurz nach 1269, ediert von- K o b a k in Ginze Nistaroth, Heft 1—2, Bamberg 1869. Siehe darüber Lew in, Eine Notiz zur Geschichte der Juden im byzantinischen Reiche. Monatsschrift 1870, S. 117—122. Auch Jireoek, Geschichte der Bulgaren, Prag 1876, S. 380. 2) Nach italienischen Quellen mitgeteilt in „Utzvuv des Etudes Juives", Bd. 23, S. 65. Es ist dasselbe Faktum, für welches G. Deutsch auf. „Jewish Chronicle" vom 19. September 1902, S. 24, hinweist. h Jahrbuch für die Geschichte der Juden, Leipzig 1863, IH. Band, Seite 196. . .