Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1912)
- Date
- 1912-04-12
- Page
- Seite 175 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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"175 bedeutenden Gespräche sich zu erfreuen, der hat einen' Eindruck gewonnen, der unverlöschlich ist. Während die meisten Werke des tiefgründigen Fachmannes, soglänzend sie auch geschrieben sind, sich in erster Linie an Fachleute wenden, sind die „Essays und Erinnerungen" (1905) in die Hände weiter Leserkreise gekommen. Sie geben Zeugnis von einer vielseitigen Lektüre und führen in das Leben des Denkers und Forschers. Sie geben auch schlichten und anmutigen Bericht über seine Lebensereignisse. Sie deuten auch seine Stellung zum Judentume an in Ausführungen, die seine jüdischen Verehrer peinlich berührt haben. Aber der ernste Denker läßt sich in gebahnte Gleise nicht lenken, in enge Bande nicht schmiegen; wir dürfen es bedauern, daß die innere Stellung des hochverehrten Mannes zum Judentum nicht d e r entspricht, die wir wünschten, aber wir maßen uns nicht das Recht an, ihn deshalb zu schelten. Ein nachträglicher Glückwunsch sei ihm, der eine Zierde des deutschen Gelehrtenstandes ist, auch an dieser Stelle dargebracht. L. G. dJK Wiener Lriek. h' mächtigen Wallungen Pulsiert das' jüdische Leben % und jüdische Empfinden in Oesterreich, besonders aber im Brennpunkte des Landes in Wien, und es dürfte gegenwärtig kein zweites Reich genannt werden können, in welchem die Judenschaft nicht nur gegen die äußeren Gegner gewappnet sein muß, sondern auch in einzelnen - -inneren Schattierungen kämpfend gegeneinander steht! Der ruhigen, jeden öffentlichen Lärm ängstlich meidenden Altherrenpartei Postiert-sich eine junge, fehdelustige Koalition gegenüber, der diese wohlweise Langmut eine Sünde, der diese wohlbedachte Friedensliebe ein Verbrechen deucht, ünd der es sehr an der. Zeit scheint, endlich einmal gegen die Mauern, die den Lebenspfad jedes einzelnen Juden im Oesterreich hemmen, mit aller Wucht anzustürmen! Diese junge, furchtlose Impulsivität kann wohl nur derjenige ganz verstehen, der die spezifisch österreichischen Verhältnisse kennt, die den Juden auf all en Gebieten nichts als Zurücksetzung und Verachtung bieten. . . Trotz der Staatsgrundgesetze, die den Anhängern des mosaischen Glaubens alles Recht gewährleisten, sind diese .in öffentlichen Aemtern nahezu ausnahmslos kaltgestellt oder überhaupt ausgeschlossen, und wer etwa dennoch auf diesen Gebieten eine soziale Position erringen will, der weiß, daß nur über, die Taufe der Weg zum Ziele führt, welches er durch Begabung allein nicht erreicht. Unzählig sind die Fälle von P r ä t e r i e r um gen, von denen selbst in Privatbanken rc. die pflichteifrigsten Glaubensgenossen betroffen werden, und hierzu gesellen sich in jüngster Zeit auch direkte Ausweisungen von seit Ja h.rzehnten ansässigen Juden, was namentlich in Ungarn zur Gepflogenheit zu werden droht. So mußte Manasse Freilich, ein Sechzigjähriger, der als zweijähriges Kind in das Marmoroser Komitat kam, auf Befehl des Oberstuhlrichters Emil Zomborh binnen 24 Stunden mit Frau und 10 Kindern sein Heim verlassen, ohne daß hierfür der geringste. Grund vorlag! Unter solchen Umständen ist es wohl nicht überraschend, daß in den letzten 40 Jahren mehr als 200 000 Juden ausgewandert sind, wovon mehr als 120 000 aus.Galizien entfallen! - Die Opposition in d^r Wiener Judenschast, die sogenannten „Nationalen" behaupten, daß die Kultusgemeinde der Residenz zu all diesen Vorgängen Stellung nehmen und ihre in allen Gauen bedrängten- Landsleute-schützen müßte; sie fordern nationale Betätigung, Errichtung. jüdischer Mittelschulen, jüdischer Organisationen, jüdischer Volksheime usw- Die Leitung der Kultusgemeinde scheint aber einer solchen Kampfeslust entschieden abgeneigt, was vielleicht in' der Erkenntnis der Uebermächtigkeit des Gegners begründet ist, dem tausend Köpfe wachsen, ehe einer abgeschlagen werden kann. So stehen denn in Wien Friedensliebe und Kampfeslust, stille Entsagung und helle Begeisterung in der Judenschaft einander gegenüber, und es wäre zu wünschen, daß sich auf fruchtbarem Boden die Erfahrung 'mit der junKn Tatkraft vereinigen würde! rex. Vertrsuensbruch — ein gesnerilches Lsmpkmittel. Von Hermann Becke r.?>er Orthodoxie, dieser Vorkümpserin für jüdische T'keue, war. es Vorbehalten, in dem Kampf um die neuen Satzungen. des D. I. G. B. und über den Organisationsgesetzentwurf für die jüdischen Gemeinden die Methode der Sozialdemokratie bis a u f d e n N ä m e n sich anzueignen, indem sie Mitteilungen, die nur für die Angehörigen einer bestimmten Organisation ergangen sind, als „Geheimerlaß" bezeichnen. Wenn die Orthodoxie diese aus den Ministerien oder von hohen Behörden stammende Bezeichnung für die „vertraulichen" Mitteilungen wählt, will sie gleichzeitig ihren Anhängern die Vorstellungen, mit denen sonst die. sozialdemokratische Presse und ihre Leser solche „Geheimerlasse" verbindet, imputieren: Knechtung, Ungerechtigkeit, Verelendung u. dgl. m. Ist denn aber die Mitteilung des Verbandsvorstandes vom 1. Februar, welche der „Jüdischen Presse" Nr. . 10 vom 8. März Anlaß zu dem fulminanten Artikel „Wieder ein Geheimerlaß" gibt, wirklich so gehalten, daß-die Gegner all das zu befürchten haben, was ein politischer Geheimerlaß befürchten läßt? Ist-denn überhaupt die in. Rede stehende Mitteilung des Verbandsvorstandes als „Geheim" -oder nur „Vertraulich" bezeichnet worden? Die Leser der „Jüdischen Presse" haben ja den Text, den ihnen der Einsender, also ein Verbandsmitglied, zur Verfügung gestellt hat, gelesen.. Finden sie darin eine „Irreführung der Verbandsmitglieder.", wie die „Jüdische Presse." behauptet? Und ast diese.Abwehr der Angriffe von orthodoxer Seite — denn das ist der Hauptinhalt des „vertraulichen Rundschreibens" — nicht ein gutes Recht der Angegriffenen? Oder dürfen nur die Orthodoxen sich wehren, die Liberalen aber „Gewehr bei Fuß" stehen? Das wäre der Orthodoxie natürlich am liebsten, nach dem weisen Rate, den ihnen der Artikelschreiber der „Jüdischen Presse" am Schlüsse seiner Ausführungen gibt, wenn er sie väterlich ermahnt: „Meines Eracht e n s-d ü r ft e es für die Lehrer am richtigste n s e i n , sich in dieser Frage neutral zu halten und nicht als Retter und Helfer des Auss ch u s s e s de s D. I. G. B. aufzutrete n." Natürlich rät der Herr Artikelschreiber nur den „liberalen" Lehrern, sich neutral zu halten. Denn wenn ein orthodoxer Lehrer der „Jüdischen Presse" seine Zustimmung zu dem Komitee für die Wahrung der Interessen der kleinen Gemeinden, d. i. dem orthodoxen Klüngel, in einem Artikel .aussprechen würde, würde die „Jüdische Presse" wohl diesen Artikel unter Hinweis auf den väterlichen Rat, sich neutral zu verhalten, dem Einsender dankend zurücksenden? . . ' : Und s i eh e da!. Es ist ein solcher Artikel von einem o r t h o d o xen Leh r er der Redaktion eingesandt worden. Und diesen Artikel hat die R ed akti o n dem Einsender n i cht m i t dem Rat e., sich neutral zu verhalten, zurück ge schickt.