Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1912)
- Date
- 1912-04-12
- Page
- Seite 174 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229015-3229031--68362-3280617- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
hergehen sollten, ohne Zwang, ohne daß der natürlichen Entwicklung zugunsten der einen oder der anderen Richtung Einhalt getan werde, ohne — vor allem -^daß beide durch ein Kompromiß zu einem dritten verbunden würden. In diesem Sinne muß das, was zu meines Vaters Stellung im Streite zwischen Liberalismus und Orthodoxie im Judentum etwa zu sagen , wäre, gehalten sein. Es ist ein verhängnisvoller Irrtum, wenn jetzt zuweilen orthodoxe Blätter meinen Vater für ihre Richtung in Anspruch nehmen." L. G. Theodor Gomper?. Geboren 29. März 1832. . ^8^ er Senior der österreichischen Philologen,. Hosrat Professor Dr. Theodor Gomperz in Wien, vollendete am 29. März 1912 sein achtzigstes Lebensjahr.. Gomperz zählt seit Jahrzehnten zu den angesehensten Vertretern der Altertumskunde überhaupt, alle bedeutenderen Akademien und gelehrten Gesellschaften nahmen ihn unter ihre Mitglieder auf, .so auch die Berliner- Akademie der Wissenschaften. Aus Brünn gebürtig, machte er seine Studien in Wien, wo er namentlich von Hermann Bonitz, dessen wissenschaftliche Persönlichkeit er später in einem meisterhaften Lebensbild gezeichnet hat, tiefe und nachhaltige Anregungeü empfing. Auch mit seiner ganzen weiteren akademischen Laufbahn .gehört Gomperz der österreichischen Kaiserstadt an. 1867 habilitierte er sich dort als Privatdozent, sechs Jahre später wurde er Ordinarius,. seitdem gehörte er drei Jahrzehnte lang zu den' Zierden der Universität, und noch heute blicken die Deutschen Oesterreichs mit Stolz auf Gomperz, in dem sie den tiesdringenden, strengste philologische Schulung mit umfassender philosophischer Bildung vereinigenden Gelehrten und zu- 'i Hofrat Professor Theodor Gomperz. gleich einen Mann von aufrecht charaktervoller Gesinnung verehren. Als G. 1901 nach Erreichung der gesetzlichen Altersgrenze in den Ruhestand trat, wurde er zugleich mit Ernst Mach und dem inzwischen verstorbenen Romanisten Mussasfia in das österreichische Herrenhaus berufen, dessen Versassungspartei er angehört. Die.wissenschaftliche Lebensarbeit des greisen Gelehrten kann hier nur in ihren Hauptzügen gekennzeichnet werden. Gomperz ist ein Polyhistor im edleren Sinne des Wortes, der sich nicht nur die Geisteswissenschaften sondern auch die Naturwissenschaften,bis zu einem erstaunlichen Grade zu . eigen gemacht hat und der als Kenner der alten und neuen Literatur seines Gleichen sucht.. Seinen Ruf als Gelehrten begründeten zuerst seine erfolgreichen Untersuchungen über die Entzifferung und Deutung der herkulanischen Rollen, jener in Herkulanum gefundenen.halbverkohlten Papyri, die dem Spürsinn der Philologen damals, schon - ein Jahrhundert, beharrlich widerstanden. In seinen „Herkulanische Studien" und in mannigfachen anderen Arbeiten hat Gomperz die Ergebnisse seiner'Forschungen, die namentlich für unsere Kenntnis Her griechischen Religionsphilosophie, besonders der epi- . kureischen,- und. der antiken Musik von Bedeutung wurden, niedergelegt. Hieran schlossen sich scharfsinnige Beiträge, zur Kritik und Erklärung griechischer Schriftsteller, Untersuchungen 7 über Demosthenes als Staatsmann, über Herödot, Heraklit, Plato, Theophrast, über griechische Schrift- . Meine und Kurzschristmethoden, über Aristoteles Schrift Vom Staate der Athener (eine Kritik des Wilamowitz-' schen Standpunktes) und zahlreiche andere, die den Beweis liefern, daß G. in dem ganzen Gebiet der griechischen Alter- „ tumswissenschast gleich vortrefflich bewandert ist. Nach allen diesen Vorarbeiten erschien dann von G. 1893 als reise Frucht seiner Spätjahre, als sein eigentliches Lebens- und Hauptwerk, das bedeutende Buch über die „Griechischen Denker", eine Geschichte der griechischen Philosophie auf breitester kultur- und geistesgeschichtlicher Grundlage, ausgezeichnet durch Beherrschung des Stoffes, umfassendste Kenntnis der antiken und modernen Literatur und fesselnde, wahrhaft geistvolle Darstellung. An Reichtum der Gesichtspunkte und Weite des Blicks ist das Werk selbst dem in mancher Beziehung unübertrefflichen Meisterwerke Ed. Zellers überlegen: Staat und Recht, Sitte und Glaube, Sprach- und Naturphilosophie, Sage und Mythos, Moral und Volkswirtschaft, -lyrische, epische und dramatische Poesie zieht der Verfasser mit gleichem Sachverständnis und gleicher Urteilsschärse in den Kreis seiner Betrachtungen. Diese Vielseitigkeit des geistigen Interesses, die ihn vor vielen seiner Fachgenossen auszeichnet, verdankt Gomperz wohl nicht zuletzt seinem eifrigen Studium der modern en englischen Literatur, namentlich der Werke George Grotes und John Stuart Mills, denen er auch persönlich naheftänd und deren geistige Eigenart er ebenso wie die anderer hervorragender ' Zeitgenossen, . z. S3.v Mommsens, Eduard Sueßl, Bauernselds, Lord Byttons d. I., — in anziehenden Charakteristiken feinsinnig geschildert hat. Für sein eigenes philosophisches Denken hat er besonders von Mile entscheidende Anregungen" erfahren, dessen „deduktive und induktive. Logik", 'er für die unter seiner Leitung erschienenen Gesamtausgabe von Mills Werken ins Deutsche übersetzt hat. Wie weit über die Grenzen seiner engeren Heimat hinaus hat Gomperz' hervorragendes wissenschaftliches. Wirken die gebührende Anerkennung gesunden; er istnicht nur, wie erwähnt, Mitglied fast aller größeren gelehrten Körperschaften des In- und Auslandes, sondern auch Ehrendoktor deutscher und außerdeutscher Universitäten, darunter Königsberg i. Pr., Dublin und Cambridge. Dem vorstehenden. Artikel, den. ich der „Voss. Ztg." entnehme, soll nur eine kurze Bemerkung hinzugefügt werden. - Th. Gomperz stammt von Juden, hat als Jude seinen wissenschaftlichem Weltruf erlangt und die hohen Aemter und Ehrenstellen, die er so lange bekleidete. Wer> wie der Unterzeichnete, das Glück hatte, in dem. vornehm ausgestatteten, künstlerisch geschmückten Gelehrtenheim des bedeutenden Mannes als Gast ausgenommen zu werden, an feiner Ehrfurcht einflößenden 'Erscheinung, an seinem