Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1912)
- Date
- 1912-04-12
- Page
- Seite 173 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229015-3229031--68361-3280616- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Beziehungen zu ihm gehabt. Einmal suchte er mich in einer llmversitätsvorlesung aus, die zufällig stark besucht war, und ich erinnere mich mit Rührung seiner wehmütigen Bemerkung, daß er froh wäre, wenn er in einer öffentlichen Vorlesung so viele Zuhörer hätte, als ich damals in der Privatvorlesung zu haben mich rühmen durste. Julius Pagel, geboren am 29.. Mai 1851 zu Pollnow in Pommern, Sohn eines israelitischen Kantors, war ein sehr geschätzter Arzt und ein hervorragender Gelehrter. Als praktischer Arzt war er im Norden Berlins tätig, hatte unter den kleinen Leuten seines Bezirks eine sehr ausgedehnte Praxis und erfreute sich der Verehrung einer starken Klientel, die in ihm nicht bloß den sorglichen Arzt, sondern zugleich den liebenswürdigen Ratgeber und. den tröstenden Menschen erblickten und verehrten. Seine sehr ausgedehnte Praxis ließ ihm Zeit für eine außerordentlich reiche literarische Tätigkeit. Aus sie ist in dem kurzen Nekrologe, der bald nach dem Tode des verehrten Mannes in der Beilage dieser Zeitung veröffentlicht worden, hingewiesen worden. Pagel veröffentlichte grundlegende Arbeiten über die Krebskrankheit, widmete sich aber hauptsächlich dem von den Medizinern sonst wenig gepflegten Felde der Geschichte der Heilkunde. Seine äußerst zahlreichen Artikel in medizinischen Handbüchern, in der „Allgemeinen deutschen Biographie" und ähnlichen Handbüchern bezeugten seine große Genauigkeit, sein ruhiges, mildes Urteil und waren von der Art, daß sie ihn nach dem Tode von A. Hirsch zu dem bedeutendsten Spezialisten aus diesem Felde machten. lieber diese seine Tätigkeit entnehme ich dem Nachrufe des Wiener Ordinarius Professor Max Neuburger („Deutsche Med. Wochenschrift", 29. Februar 1912) folgendes: „Als erste Frucht emsig betriebener, früh begonnener Forschungen aus medikohistorischem Gebiete erschien die Doktordissertation Pagels, welche die Geschichte der Göttinger Medizinischen Schule im achtzehnten Jahrhundert behandelte. Der echte, weit über dem Dilettantismus erhabene Forscher, den wir zeitlebens in Pagel bewunderten, tritt erst 1889 hervor mit der aus dem Staube der Handschrift ans Licht gezogenen Anatomie des Henry de Mondeville, an die drei Jahre darauf sich das Meisterwerk anschloß: Die Editio princeps der Chirurgie des H. v. Mondeville. Damit hatte sich Pagel selbst ein unzerstörbares Denkmal gesetzt. Welch imponierende Summe von philologischen, paleographischen, historischen, literarischen Kenntnissen in einer solchen mühevollen Arbeit verborgen liegt, vermag freilich nur der Kenner ganz zu würdigen. In gleicher Richtung bewegten sich in.der Folge mehrere Publikationen, die Pagel unstreitig als höchste Autorität auf dem Gebiete der Medizin des Mittelalters dokumentierten, der einschlägigen Forschung eine neue Basis gaben und weithin anregend wirkten. „Pagel, der sich 1891 für Geschichte der Medizin habilitiert und 1898 für seine hervorragenden Arbeiten die verdiente Anerkennung durch die Ernennung zum außerordentlichen Professor gesunden hatte, durfte sich aber seiner enthusiastischen Vorliebe für die medizinischen Handschriften des Mittelalters nicht ausschließlich hingeben. Er mußte als Hochschulprofessor zur allgemeinen Gefchichtsdarstellung übergehen, mußte in den Frondienst der, Biographik, Bibliographie und des Rezensionswesens treten. Auch in dieser Beziehung veröffentlichte er eine große Reihe wertvoller Arbeiten. Erwägt man dies alles, fo gewinnt man eine Vorstellung von der enormen Arbeitsleistung des Mannes, dem an Fleiß nicht allzu viele gleichkamen, keiner übertraf. „Pagel aber war nicht bloß ein ausgezeichneter Forscher und Schriftsteller, sondern auch ein guter Lehrer, wie schon aus seiner wert verbreiteten, in Form von Vorlesungen abgefaßten „Einführung in die Geschichte der Medizin" yervörgeht. Dieses frisch geschriebene, wirklich anziehende Buch, welches nebenbei bemerkt, zum ersten Male eine erschöpfende Darstellung der Heilkunde des neunzehnten Jahrhunderts enthält, warb der Geschichte der Medizin mehr Jünger und Freunde, als die gesamte übrige medikohistorische Literatur der letzten Dezennien. „Pagel stand bei den Fachgenossen der ganzen Welt in höchstem Ansehen und büßte von demselben nur bei den wenigen ein, welche mehr auf die Hülle, aus die äußere Form, als auf den Inhalt, den Kern, Wert legen. Wenn er einen Fehler hatte, so war es seine allzu große Bescheidenheit, sein Unvermögen, sich in Pose zu setzen. Niemand ließ er seine Ueberlegenheit fühlen, er war eine schlichte offene Natur, grundgütig in seinem innersten Wesen, er hielt Freunden Treue bis ans Ende, beurteilte gelegentlich vorkommende Feindseligkeiten nur als verzeihliche menschliche Schwächen. „Vielleicht wird der Tod Pagels manchem erst klar machen, was die Wissenschaft an ihm besessen, jetzt unwiederbringlich an ihm verloren hat; seine Freunde und Verehrer wußten es stets." Pagel hat sich Zeit seines Lebens treu zum Judentum bekannt, war Mitglied mancher unserer großen Organisationen, ohne doch irgendwie, so gern er seinen Rat erteilte, sich hervorzustellen oder Ehrenstellen zu begehren. Eine Zeitlang gehörte er auch dem Kuratorium der Lehranstalt der Wissenschaft des Judeütums an.. Was seine Stellung zum Judentum betrisst, so verdanke ich einem der Söhne des Heimgegangenen folgende Ausführung, die ich mit besonderem Vergnügen an dieser Stelle zum Abdruck bringe: „Ich brauche es wohl nicht besonders zu betonen — und mein Vater hat dies selbst auch des öfteren ausgesprochen: rvahrhast genetisch-historische Erfassung mußte ihn aus den Boden des liberalen Judentums führen, wiewohl die ihm liebgewordenen alten katholisierenden Kultusformen, wie sie die mittelalterliche Entwickelung aus Grund der rabbinischen Interpretation allmählich gezeitigt hatte, mit seinem Gemütsleben verwachsen waren, ihm einen Erinnerungs und Pietätswert bedeuteten,, den er für seine Person — privatissime — nicht gern äusgeben mochte. So wollte er, daß im Kultus beide Richtungen, die moderne und die alte, Nebeneinander Professor Dr. Pagel.