Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1912)
- Date
- 1912-04-12
- Page
- Seite 172 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Die zionistische Aktion würde daher einen verhängnisvollen Schritt zu Ausnahmemaßregeln bedeuten. Geht dies Gesetz wirklich durch, so würde es das Vorspiel für den Ruin unserer Gemeinden bedeuten, da sie nicht mehr in der Lage sein würden, andere Bedürfnisse zu befriedigen, sobald die Steuerzahler dem Fiskus die Taxen zu bezahlen haben, welche sie bisher schon der Gemeinde entrichten müssen. . Am 21. März fand in der Kammer die Debatte über das Amendement zu dem Artikel 371 statt. Es wurde von Büros, dem Vizepräsidenten der Kammer, und Tavef, ehemaligem Minister des Innern, als antikonstitutionell und antipolitisch bekämpft. Nur ein einziger muselmännischer Abgeordneter unterstützte den Vorschlag des Gesetzes, und die Kammer beschloß fast einstimmig, den Artikel 371 des Schulgesetzes nicht zu ändern. Am folgenden Tage fand die dritte Lesung statt, und auch sie hatte zur Folge, daß dieses erste von den Zionisten verlangte Ausnahmegesetz trotz des Eintretens des Unterrichtsministeriums zu Fall gebracht wurde. -# Herr Leon A. Trachtenberg sendet uns folgenden Bericht über Dr. Mandelstämms Leichenbegängnis: Am 21. März fand in Kiew unter einer außergewöhnlichen Beteiligung seitens des Volkes die Beerdigung des unvergeßlichen Dr. Max Mandelstamm statt. Die Stadt, in der der Verewigte den größten Teil seines Lebens verbrachte, und in der er die Liebe und die Hochachtung der verschiedenartigsten Schichten der Bevölkerung sich erwarb, durchlebte in Wahrheit einen Trauertag. Nicht weniger als vierzigtausend Menschen nahmen an der Leichenfeier teil, an der Spitze die Vertreter der jüdischen Gemeinde, der Stadt, der Universität, der verschiedenen Gemeindeanstalten, der Schulen und noch viele andere. Die sämtliche jüdische Bevölkerung war da. Zwei, drei Stunden vor der Bestattung begann das Volk sich vor dem Sterbehause zu versammeln. Und je näher die Stunde des „letzten Abschieds" herannahte, desto mehr und mehr vergrößerte sich die Zahl der Ankommenden. Gegen 11 Uhr waren die dem Trauerhause anliegenden Straßen von einer ungemein'großen Menschenmenge eingedänunt. Der Platz vor dem städtischen Museum war vom Volke besät, alle freien Teile des Stadtgartens waren überfüllt; eine große Menge hatte die Straßen und die Trottoire eingenommen. Nach 11 Uhr ist es fast unmöglich, die Alexanderstraße zu passieren. Die ganze Straße ist von einem Meere von Köpfen bedeckt. Das Gedränge zwi.ngt einen neuen Strom des Volkes,- den Kreschatik (Kiews Hauptstraße) zu besetzen. Längst den Trottoiren, — bis zur Munizipalität — stellt sich die Masse in Reih und Glied. Aus vielen Städten, wie z. B. aus Odessa, Warschau und vielen großen Orten des Ansiedlungsrayons kamen spezielle Deputationen. Die Trauerprozession bringt durch das Imposante einen erdrückenden Eindruck hervor. Auf einer ungeheuren Länge dehnte sich ein lebhaftes Band des Volkes, von kolossalen Dimensionen, aus. Der Sarg mit der sterblichen Hülle des Verblichenen wird auf den Händen getragen. Aus dem Wege des Konduktes sind die jüdischen Geschäfte als Zeichen der Trauer geschlossen. In vielen Fenstern brennen Lichter. In einigen christliche n Magazinen sind die Rollenvorhänge heruntergelassen. Die Trauerprozession lenkt sich dem jüdischen Krankenhause zu, in welchem der Verewigte eine unzählige Reihe von Jahren arbeitete. Hierauf folgt die ungeheuere Menge von Menschen lautlos nach dem Friedhose. Ein schwerer, fühlbarer Moment! In die Gruft ist die sterbliche Hülle des von allen hochverehrten Greises gesenkt! — Keine Rede, dem Wunsche des Verewigten zufolge. Seinem Wunsche gemäß würden auch keine Blumen niedergelegt. Mandelftamms Grab befindet sich auf der Hauptallee des Friedhofs. — Die Familie des Heimgegangenen sowohl als seine nächsten Mitarbeiter in der „Emigrationsgesellschaft" empfingen Kondolenztelegramme der verschienden Ortschaften Rußlands und des Auslandes.' — Zur Verewigung des Gedächtnisses des Verblichenen ist ein Fonds gestiftet worden, um in Amerika eine jüdische landwirtschaftliche Kolonie, die den ' Namen „M ax M a n d e l st a m m " tragen soll, zu errichten. Von überall laufen Gaben ein. u. a. von mehreren statt Kränzen.— In der Verwaltung des Kiewer jüdischen Krankenhauses fand eine außerordentliche Sitzung statt. um über die Frage der Verewigung des Andenkens des Heimgegangenen zu beraten, der in diesem Hospitale im Laufe von 4 4 Jahren segensreich wirkte. Es wurde folgendes beschlossen: Im Namen der Aerzte dieser Heilanstalt der Witwe Mandelstamms eine Kondolenzadresse zu übereichen, in allen Baracken sein Porträt, in der Augenklinik — die Büste des unvergeßlichen Okulisten auszustellen, in jeder Baracke ein Bett namens „Max Mandelstamm" zu stiften, und-ein Stipendium seines Namens zu errichten, ein . Grundkapital bildend, aus dessen Zinsen junge Aerzte ins Ausland zu Spezialstudien gesandt werden sollen. Dies letztere war stets der Gedanke des Verklärten. Die Beratung sprach ebenfalls den Wunsch aus, die bestehende Privataugenheilanstalt Mandelstamms, die demselben 34 Jahre gehörte, zu erhalten. Aus Kiew wird der „N. I. K." geschrieben: Soeben wird hier bekannt, daß auch eine Anzahl der angesehensten französischen Gelehrten, Politiker, Künstler und Schriftsteller eine ähnliche Protesterklärung gegen den Ritualmo rdw ahn veröffentlicht haben, wie sie die Männer des öffentlichen Lebens in Deutschland erlassen hatten. Auch in Oesterreich und Dänemark veröffentlicht die dortige Presse Kundgebungen gleicher, Inhalts. Die. „echtrussischen" Zeitungen scheuen sich natürlich nicht, über die Unterzeichner der Proteste in der unflätigsten Weise herzusallen und die Wirkung der Kundgebungen dadurch abzuschwächen, daß sie behaupten, die protestierenden Intellektuellen des Auslandes seien samt und sonders Juden und Freimaurer. Trotzdem haben diese Kundgebungen, die hon sämtlichen großen Tageszeitungen wörtlich oder im Auszug abgedruckt werden, ihre Wirkung nicht verfehlt. * Weniger zuversichtlich lautet folgende Meldung, die der „Rufs. Korr." aus Kiew zugeht: Eine schlimme Prognose für den bevorstehenden Ritualmordprozeß geben die neuen bezeichnenden Details, die über das vorläufige Verhalten der Kiewer Berichtsbehörden bekannt werden. Als neuerdings die wichtige administrative Gerichtssitzung stattfand, die über das Verteidigungsgesuch um Zulassung von Zeugen und' Experten seitens der Verteidigung zu entscheiden hatte, eine Gerichtssitzung, der weder ein Verteidiger noch der Angeklagte beiwohnen dürfen, erschienen zur Sitzung, entgegen aller sonstigen Praxis, d re i ho he und hoch st e Vertreter der Staatsgewalt, nämlich die Staatsanwälte des Kreisgerichts und des Appellationsgerichts sowie ein Unterstaatsanwalt. Es gab also ebensoviel Beschuldiger wie Richter. Mit ungewöhnlichem Hochdruck beeinflußten dann die Staatsanwälte das Gericht und setzten jenen unerhörten Beschluß durch, laut welchem" sämtliche von. den Verteidigern als Sachverständige vorgeschlagenen Theologen und Psychiater grundsätzlich abgelehnt wurden, obwohl die Anklage fast ausschließlich auf den tendenziösen Gutachten des Psychiaters Sirkvrski, eines notorischen Antisemiten, und eines sogenannten Theologen, des erzreaktionären Archimandriten Ambrosius, basiert. Krokelkor Julius Ksgrl. ir bringen heute das Bild dieses ausgezeichneten Forschers, der am 31. Januar dieses Jahres in d.en besten Mannesjahren einer fruchtbaren und gesegneten Tätigkeit entrissen worden ist. Pagel gehörte zu den heute sehr seltenen Männern, die trotz ihrer allgemein anerkannten Verdienste sich tiefe Bescheidenheit zü bewahren wußten, und im Gegensatz zu den vielen, die eine offene Schaustellung begehren, eine förmliche Flucht vor der Oesfentlichkeit^ befaßen. Als ich im vergangenen Jahre bei Gelegenheit des sechzigsten Geburtstages dieses hochverdienten Mannes mich an ihn mit der Bitte wandte, mir fein Bild und eine autobiographische Notiz zu schicken, lehnte er es ab, weil er meinte, daß eine solche Verherrlichung das große Publikum.nicht interessieren könnte. Ich habe selbst nur sehr geringe persönliche