Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1912)
- Date
- 1912-04-12
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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dem Judentume verbleibt, ist nicht viel. Alles, was wir an Mohammed bewundern können: die echt prophetische Begeisterung, mit der er im Anfang seine Lehre vertrat, die innere Ergriffenheit, die in seinen/wildbewegten Versen zum Ausdruck kommt, die quälende Angst um das Heil seiner Seele, die sich in jenen glühenden Schilderungen von Himmel und Hölle spiegelt, das alles hat er nicht von den „assekurierten Kindern Abrahams", von. der trocknen Religion der Pharisäer, von der er erst hinterher ein paar Formeln und Formen und vielleicht auch ein paar Märchen und Erzählungen übernahm. Ist es so, wie Wellhausen — und nicht er allein — meint, dann kann das Judentum seinen Einfluß aus den Islam von der Gewinnseite seiner Bilanz entfernen. Gewiß, Mohammed und der Koran ist nicht der Islam,' so wenig wie Mose und der Pentateuch das Judentum sind. Aber Stifter und Bibel sind das Wichtigste in der Geschichte einer Religion, genau so wie der Entdecker und sein Werk ganz anders dastehen als alle die kleinen, wenn auch wertvollen Veränderungen und Verbesserungen, die spätere Geschlechter zu der ursprünglichen Erfindung hinzufügen. Freilich haben Juden an der großen islamitischen Kulturbewegung mitgearbeitet ebenso wie die Christen. Gebend und empfangend steht das Judentum innerhalb dieser Bewegung, in ununterbrochenem Austausch der geistigen Güter. Es ist schwer zu sagen, wer mehr gibt, wahrscheinlich der Islam, und deshalb spitzt sich jene welthistorische Frage schließlich und endlich doch darauf zu, wer z u e r st mit dem Größten aller Araber im Verkehr gestanden hat: ob der Mönch Bahira, „der Erwählte", dessen sagenumsponnene Existenz so vielen Zweifeln unterliegt, ob die Sabier, eine obskure Sekte, die allerdings sehr wahrscheinlich auch keine Christen waren, oder die Juden, deren einzelne Stämme wir genau kennen, die wahrscheinlich zur Messe nach Mekka hinüberkamen, die gerade damals. unter den unkultivierten Völkern des Ostens eine geradezu erstaunliche Propaganda betrieben und, wie es das Beispiel der Chazaren beweist, dem Christentum erfolgreich Konkurrenz machten. In dem einen Falle sind die Juden Arabiens eine Kuriosität, interessant, weil sie unabhängige Gemeinwesen gebildet haben und in Sitten und Gebräuchen manches Eigenartige aufweisen, in dem anderen Falle sind sie ein Faktor der Weltgeschichte geworden, vielleicht zufällig, vielleicht von der Vorsehung dazu bestimmt, jedenfalls ein Beweis für die Wirksamkeit des Judentums in der Geschichte. Vorläufig hat das Judentum noch keine Veranlassung, seine Ansprüche auszugeben. Aber es ist auch nicht an der Zeit, sich in Selbstsicherheit zu wiegen. Hier wie überall gilt der Satz: Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen. Das Interesse für die Ursprünge des Islam muß in jüdischen Kreisen mehr als bisher wachgerufen werden. Die Frage: ob Judentum oder Christentum, die christlicherseits mehr und mehr Zuungunsten des ersteren entschieden wird, muß auch von Juden erörtert werden. Das ist man dem Andenken Abraham Geigers schuldig. Die Frage ist ohnehin wichtig genug. Daß der Islam wenig Berührungspunkte mit dem Judentum haben soll, ist vielleicht nicht richtig, aber die Annahme ist ohne weiteres verständlich. Aber auch das Christentum soll keine Tochterreligion des Judentums sein? Waren Jesus, Petrus, Paulus und die übrigen Apostel nicht Juden und ist damit die Frage, wenn es überhaupt eine Frage ist, nicht bereits entschieden? — Der Gedanke könnte absurd erscheinen und ist doch, wenn man tiefer blickt, ein schweres Problem, das wohl Beachtung verdient. Deutlich kann man in der modernen theologischen Forschung zwei Gedankenreihen unterscheiden, die beide darauf hinauslaufen, den Anteil des Judentums an der Entstehung der christlichen Religion auf das Mindestmaß herabzudrücken:'einmal wird Jesus nicht als der Fortsetzer, sondern als der. Gegner und Ueberwinder des Judentums hingestellt, und anderseits wird das Christentum als eine Fortsetzung der hellenistischen Kultur angesehen. Sind diese beiden Anschauungen, die von den-bedeutendsten Vertretern ' der protestantischen. Theologie und der Geschichtswissenschaft geteilt werden, richtig, so tut man gut, das Christentum nicht mehr als eine Tochterreligion des Judentums zu bezeichnen. Es ist eine bekannte Tatsache, daß jeder Druck Gegendruck erzeugt, daß dem Uebermaß auf der einen Seite unabänderlich die Reaktion.auf der anderen Seite folgt, zwischen absolutistischem Willkürregiment und der freiheitlichen Revolution besteht ein enger und ursächlicher Zusammenhang. Aber kein Mensch wird den Tyrannen deswegen loben und es ihm als Verdienst anrechnen, daß er durch seine Verbrechen und Freveltaten die gesunde Entwicklung beschleunigt hat. In diesem Lichte erscheint vielfach dem neutestamentlichen Forscher das Verhältnis zwischen Jesus und dem Judentum. Das jüdische Volk zur Zeit Jesu — so meint man — befand sich in einem Zustand völliger Zerrüttung. Zwei Parteien gab es, die einen: religiös indifferente Freigeister, der stolze Adel, die gewalttätigen Priester, die das Volk verachteten und bedrückten, das waren die Sadduzäer; die anderen, die das echte Judentum repräsentierten, die Pharisäer, die die Religion zu einem starren Buchstabendienst herabgewürdigt hatten, die die' minutiösen Vorschriften über rein und unrein, erlaubt und verboten immer weiter und weiter ausbauten, deren ganzes Sinnen und Trachten aufging in dem Eifer um das Ritualgesetz. Von allen diesen konnte Jesus nichts, rein gar nichts empfangen. In der stillen Abgeschlossenheit seiner galiläischen Heimat schuf er sich seine weltbewegenden Gedanken selbst; unberührt von fremden Einflüssen verkündete er seine Religion der Liebe und der Freiheit im .Gegensatz zu dem Sklavengehorsam der Schriftgelehrten, predigte er die Abkehr vom Buchstaben und die Rückkehr zum Geist, riß er die engen .nationalen Schranken nieder und wandte sich an jedes Menschenkind. So wurde er der Schöpfer der Religion überhaupt, denn was vor ihm und neben ihm war, verdient diesen Namen noch nicht oder nicht mehr. „Er sammelt das Ewiggültige, das Menschlich-Göttliche in dem Brennspiegel seiner Seele — ein göttliches Wunder in dieser Zeit und dieser Umgebung." Das Dogma von der unbefleckten Empfängnis, an das man wohl nicht mehr glaubt, wird hier ins Geistige übersetzt. Wir lehnen eine solche Geschichtsbetrachtung ab. Auch bei den Gedanken Jesu suchen wir nach der Vaterschaft. Für uns fällt er nicht heraus aus seiner Zeit und Umgebung, sondern steht mitten in ihr und ist nur so zu begreifen. Freilich ist die erste Vorbedingung dazu, daß wir diese Zeit selbst kennen lernen. Wieder und wieder muß „die Religion des Judentums im neutestamentlichen Zeitalter" behandelt und dargestellt, muß das Wesen der jüdischen Sekten und Parteien ergründet werden, damit man feststellen kann, was Jesus dem Judentume verdankt, um auch hier den weltgeschichtlichen Einfluß des Judentums nachzuweisen. Es ist kein Zufall, daß auch hier wiederum Abraham Geiger mit seinen Forschungen bahnbrechend geworden ist. Vielleicht der wichtigste Teil seiner wissenschaftlichen Arbeiten behandelte das Thema: Pharisäer und Sadduzäer. Man kann nicht sagen, daß die jüdischen Gelehrten diese. Aufgabe vernachlässigt hätten. Oft genug haben sie sich bemüht, zu zeigen, daß die Pharisäer und das damalige Judentum überhaupt, etwas anderes waren als der dunkle Hintergrund für die Lichtgestalt des christlichen Religionsstifters. Sie haben in der jüngsten Zeit einen unerwarteten Helfer gefunden^ Die Vergangenheit spricht für sich selbst. Ein paar hebräisch beschriebene Blätter, die Schechter in der Genisah von Altkairo gefunden und herausgegeben hatgeben uns Kunde von einer verschollenen jüdischen Sekte, die zur Zeit des zweiten