Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1912)
- Date
- 1912-04-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 12. April 1912 76. -Jahrgang Nr.“ 15 4 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Phrlrppson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag : Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für., Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße HK/d, zu richien Verlag von - Äudolf Masse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buch Handel oder die Post (in Berlin und vor orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324 t SodjterreltQionen. Von Rudolf Leszynsky. — Die Woche. — Professor Julius Pagel. —Theodor Gomperz.— Wiener Brief. — Vertrauensbruch — ein gegnerisches Kampfmittel. Von Hermann Becker. — Tie Juden als Henker. Von Professor Dr. Samuel Krauß in Wien.— Feuilleton: Heimatlos. Don Leo Herzberg-Fränkel. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlaüf: — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums^). Berlins Tilsit, Briefen (Wpr.), Posen. Rybnik, Kattowitz O.-S. Hamburg, Köthen Anh., Köln, Straßburg i. E., Meran, Bukarest, Kiew. — Bon Nab und Fern. Tochtkrrrligmnm. Von Rudolf Leszynsky?) . . " I. '■ . |T nfete Rabbiner reden bisweilen über die Tochterreligio- V'r neu des Judentums. Jedermann weiß, was damit gemeint ist, und weder Prediger noch Gemeinde denkt weiter darüber nach. Natürlich! Man braucht doch wirklich nicht Geschichte und nicht Wissenschaft des Judentums studiert zu haben, um zu wissen, daß Christentum und Islam aus dem Schoße des Judentums hervorgegangen sind, daß sie ihre wich-. tigsten Ideen dem Judentume verdanken, daß die Bibel Israels die Grundlage ihrer Lehren bildet. Mag man sonst über die Juden und ihren Glauben denken, wie man will — das historische Recht, die zwei monotheistischen Weltreligionen geschaffen zu haben, wird man ihnen doch wohl nicht aberkennen! So freut man sich des ererbten Besitzes, und mittlerweile zerrinnt dieser Besitz in nichts. Hunderte von Gelehrten sind heutzutage damit beschäftigt, den Anteil der Juden an den Religionen der Gegenwart zu messen und zu wägen und ihn zu vergleichen mit dem, was andere Kulturen beigesteuert haben. Ob das Judentum überhaupt Tochterreligionen hat, ist bereits zum Problem geworden. Die Gründlichen bezweifeln es, und die Mutigen bestreiten es. Es dauert in unserer Zeit nicht lange, bis sich die gelehrten Theorien ihren Weg in die Masse der Gebildeten und Halbgebildeten gebahnt haben. Es könnte vielleicht sogar die Zeit kommen, da auch unsere Jugend, soweit sie überhaupt noch den Glauben an die weltgeschichtliche Bedeutung der jüdischen Religion hat, auch an diesem Glauben irre wird und ihren Lehrern ins Gesicht lacht: Tochterreligionen? Hat das Judentum ja nie gehabt! Das Christentum ist aus-der Kultur des Hellenismus herausgewachsen und hat nachher Mohammed mit seinen Ideen befruchtet. Das Juden-, tum ist immer eine Null gewesen, hat nichts gewirkt und geschafft, und der fatale Schluß liegt sehr nahe, daß, wer in ein paar Jahrtausenden nichts Bedeutendes geleistet hat, auch für die Zukunft keine großen Aussichten bietet. *) Die indirekte Anregung zu diesem Aussatz erhielt ich durch einen hervorragenden Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. Ziegler, Karlsbad, über dos Thema: „Geistiger Schutz des Judentums". Die wenigsten Juden kennen die Gefahr oder wissen sie richtig einzuichätzen. Als ob das eine Streitfrage wäre, die die Ge- < lehrten untereinander abzumachen hätten! In Wirklichkeit ist der Nachweis, daß das Judentum auch auf religiösem Gebiete Früchte gezeitigt hat, diese anscheinend so abstrakte und weltfremde Aufgabe, praktisch wichtiger als mancher Verein, der sich die Linderung physischer Not zum Ziel gesetzt hat. Man liebt nur, was man schätzt. Ein Judentum, das nichts geleistet hat, braucht auch nicht zu leben. - Die Frage, was der Islam dem Judentum verdankt, interessiert nicht viele, obwohl sie so wichtig ist, daß sie nicht oft genug behandelt werden kann. Wer weiß denn etwas von der ungeheuren Kulturmission, die der Islam im Mittelalter vollbracht hat, daß er in das in Barbarei versunkene Europa wie- . der die Wissenschaft einführte und Spanien eine blühende Kultur schuf, wie es sie nie vorher und nie wieder besessen hat? Die einzigen lebenden Zeugen jenes mächtigen Einflusses sind vielleicht die wenigen arabischen Wörter wie Tarif oder Matratze, die noch in der deutschen Sprache ihr unerkanntes Dasein führen. Man meint, daß die Rolle des Islam äusgefpielt ist, weil die politische Machtstellung der muslimischen Völker aufgehört hat. Aber eine Religion von ein Paar hundert Millionen von Bekennern, die noch heute immer weitere Fortschritte macht und unter den unkultivierten Stämmen Asiens und Afrikas sogar dem Christentume den Rang abläuft, ist immerhin ein nicht zu unterschätzender Faktor im Leben der Menschheit. Es ist also doch nicht so ganz gleichgültig, wer an der Wiege jener Religion gestanden hat. Wie auf vielen Gebieten, so ist auch hier Abraham Geiger bahnbrechend gewesen. In seiner Preisgekrönten Schrift: Was hat Mohammed aus dem Judentume ausgenommen? mit der er seine wissenschäftliche Laufbahn begann, wies er zum ersten Male nach, wieviel in der Bibel der Mohammedaner, dem Koran, jüdischen Ursprungs ist. Diese Entdeckung von der Welthistorischen Wirksamkeit des Judentums, die sich hier, an einem eklatanten Falle offenbarte, drang in weite jüdische Kreise, durch die Presse wurde sie verbreitet, in unzähligen Vorträgen wurde sie erörtert, keine Geschichte der Juden ging an ihr vorüber. Seither galt der Islam für eine Tochterreligion des-Judentums. Welche Summe von Begeisterung und stolzem Selbstgefühl diese Tatsache in der Brust vieler Juden hervorgerufen-hat) kann man nicht messen, sondern nur ahnen. Der Widerspruch von christlicher Seite fetzte ein. In neuerer Zeit ist es kein Geringerer als Wellhausen, der. mit großem Geschick die Ansprüche des Judentums als unberechtigt zurückgewiesen hat. Die ersten Anregungen, die der junge Moham- . med empfing, sollen von christlichen Mönchen und Einsiedlern ausgegangen sein.. Erst später, nachdem er bereits feine prophetische Laufbahn begonnen, fei er dann — nicht zu feinem Vorteil — einige Jahre lang jüdischem Einflüsse ausgefetzt gewesen, bis er endlich völlig mit den Juden brach. Mas hier .