Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1912)
- Date
- 1912-04-05
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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durch die freiere Luft, die die gefallenen Ghettomauern nun umwehte,^- von der Wohltätigkeitspflege zur modernen Wohlfahrtspflege wurde. Sie erwähnte die ältesten jüdischen Frauenvereine, u. a. den in Kassel, der in diesem Jahre sein 100 jähr. Bestehen feiern konnte, berichtete, wie die Arbeit der Frauen durch ihre Recherchentätigkeit weit über den durch die Statuten gesteckten Nahmen hinausgeht. .Nach Erwähnung der Gründerinnen des Vereins und ersten. Vorsitzenden ging sie die einzelnen Jahre durch und berichtetedaß die Barunterstützungen von 200 M. im Jahre 1883 aus 10 600 M. im Jahre 1911 gestiegen sind, ferner überdie günstige Ausnahme, die die bildliche Darstellung dieser Tätigkeit auf der Ausstellung: „Die Frau in Haus und Beruf" gesunden hat,-und schloß mit dem Worte Berthold Auerbachs: „In und durch die Arbeit muß. der Genuß kommen." Durch die daraus vollzogenen. Wahlen haben keine großen Veränderungen im Vorstand stattgesunden. ■ Berlin, 1. April. Der Hilf s verein für die jüdischen Taubstummen in Deutschland E. V. versendet folgenden beherzigenswerten Ausruf: Für unglückliche und hilflose Mitbrüder und Mitschwestern soll eine Heimstatt geschaffen, alten und gebrechlichen jüdischen Taubstummen ein ruhiger, von Not und Sorgen freier Lebensabend bereitet werden. Wir sind am Werke, ein eigenes Anstaltsgebäude für unser bereits bestehendes Taubstummen- Altersheim zu errichten.. Unsere Mittel sind erschöpft, doch das Begonnene muß fortgeführt, das Werdende vollendet werden. Hierzu bitten wir um Hilfe. Jede Gabe ist uns als Baustein zu unserem Anstaltsbau willkommen und wird mit herzlichstem Danke angenommen von unserem Schatzmeister Herrn Samuel Cohn, Berlin W 10, Lützowufer 13. (Postscheckkonto Nr. 7332, Berlin NW 7.) z. Graitdenz, 29. März. Dem soeben erschienenen 9.. Rechenschastsbericht der Verwaltung des Casper B ach m a n n s ch e n Provinzial - W a i s e n h a u s e s entnehmen wir, daß die Entwickelung des Instituts auch im Berichtsjahre 1910/11 eine durchaus erfreuliche war.. Entlassen wurden am 1. April 1911 4 Zöglinge, die das schulpflichtige Alter überschritten hatten und sich einer Berufsbildung zuwandten. Neu ausgenommen wurden 5 Zöglinge, insgesamt waren am 1. April 33 Zöglinge (18 Knaben und 16 Mädchen) in der Anstalt. 2 Mädchen, die sich im Graudenzer Kindergärtnerinnen-Seminar zu Kindergärtnerinnen 1. Klasse ausbilden,. blieben außerdem noch in der. Fürsorge, des Waisenhauses. Von den Zöglingen besuchten 4 die höhere Schule, 23 . die Volksschule, 3 die Hilfsschule für schwachbefähigte Kinder und 3 befinden sich in beruflicher Ausbildung. Für die Ferienzeit gelang'es, sämtlichen Zöglingen Sommerausenthalt zu verschaffen. Ueber die ehemaligen Zöglinge der Anstalt liegen im allgemeinen gute Auskünfte vor, doch liegt es in der Natur der Sache, daß infolge der räumlichen Trennung nicht immer die schädlichen Einflüsse von den in der Entwickelung , begriffenen Kindern ferngehalten werden können. Durch die räumlichen und pekuniären Verhältnisse war die Anstalt gezwungen, die Zöglinge fast immer mit Vollendung des 14. Lebensjahres zu entlassen, obwohl man sich nicht der Erkenntnis verschloß, daß das Hauptgewicht der Erziehung mit in erster Linie, auf die Ausbildung n ach der Schulentlassung zu legen ist. Es. besteht deshalb die . Absicht, sobald die pekuniären Verhältnisse dies, zulassen, den Zöglingen auch während ihrer beruflichen Ausbildung Aufenthalt und Erziehung im Anstaltshause selbst zu gewähren. Für die hierfür erforderlichen baulichen Veränderungen sind die Baupläne bereits fertiggestellt.. Die Kosten dieses Erweiterungsbaues würden sich danach auf 15000 Mk. und die Jahres-Unterhaltungskosten für mindestens 10 solcher Zöglinge aus 5000 Mk. belaufen. Aber hierzu fehlen die Mittel, und der Vorstand, des Instituts appelliert deshalb an den bewährten Wohltätigkeitssinn unserer Glaubensgenossen. Die Verpflegung und Beköstigung erforderte pro 1911 7§54,59 Mk., oder pro Kopf durchschnittlich 533/s Pfennig und verursachte eine Etatsüberschreitung um 454,59 Mk. Der Gesundheitszustand der Zöglinge war ein guter, es kamen nur wenige Fälle leichter Erkrankungen und nur ein schwerer Fall vor, der aber auch zur Gesundung führte. Ausflüge und eine besonders schöne Chanukaseier konnten den Zöglingen geboten werden, für welche übrigens Sparkassenbücher angelegt worden sind, in die ihnen alljährlich an den Geburtstagen, sowie bei besonderen Anlässen Einlagen gemacht werden. Diese Sparkassenbücher aber bleiben in Verwahrung der Anstalt bis zur Selbständigmachung der Zöglinge und werden sonst nur in dringenden Notfällen in Anspruch genommen. Ueber. den Personalbestand des Vorstandes ist nur zu berichten, daß die Herren Bankdirektor W i l lst ä t t e r -Danzig und Casper L a n d sh u t - Neumark neu in den Vorstand gewählt worden sind. Das Vermögen der Anstalt beläuft sich insgesamt auf 258 349,38 Mk. aber ausschließlich des Grundstücks, des Inventars und der Stiftungen, deren Zinsen der Verwaltung - für entlassene Zöglinge zufließen. Diese letztgenannten drei Konten, die dem Vermögensstand nicht zugerechnet sind, stehen mit weiteren 175 792 Mk. zu Buch. Die Einnahmen und Ausgaben für die Zeit vom 1. Januar bis 31, Dezember 1911 balancieren mit 35 913,85 Mk.; die Ausgaben allein beliefen sich ohne den Kassenbestand per 31. Dezember 1911 in Höhe ' von 10 749,38 auf insgesamt nur 25164,47 Mk. Von allgemeinerem Interesse erscheint schließlich noch, daß die Zahl der Legate und Stiftungen, die nunmehr dem so segensreich wirkenden Institute bis heute zugewandt worden sind, sich auf 26 beläuft. 'W. Aus der Provinz Posen, im März. Posen. Die verwitwete Frau Kiwi, Insassin im hiesigen Latzschen Altenheim, beging in diesen Tagen ihren 80. Geburtstag. Umgeben von Kindern und Enkeln, wurde der Ehrentag der Familie festlich gefeiert. Auch die Direktion der Anstalt hatte es an Aufmerksamkeit nicht fehlen lassen. Das Sitzungszimmer war aufs schönste geschmückt, um die vielen Gratulanten nach Gebühr zu empfangen. Die Jubelgreisin ist körperlich und geistig noch wohlbehalten. — Die Ritsche F l a ta u s ch e Mädch'en-Waisenanstalt besteht jetzt 60 Jahre. Ursprünglich nur drei Zöglinge, sind jetzt ihrer zwanzig in dem eigens erbauten Hause untergebracht. Die Mitgliederzahl von hier und auswärts hat im letzten Jahre zugenommen. Sehr viel hat die Wohltätigkeitsanstalt den eifrigen Bemühungen des Herrn Manasse Werner zu danken. Für Beköstigung wurden insgesamt 4743 Mark '(pro Kops und Tag 0,66 Mark) und für Bekleidung der Waisen 809,96 Mark, das heißt 40,40 Mark pro Kopf ausgegeben. Die Gesamteinnahmen beliefen sich auf 17 558,26 Mark, die Ausgaben aus 17 342,31 Mark, so daß ein Bestand von 215,95 Mark verblieb. — In der letzten Stadtverordnetensitzung wies der Stadtverordnete Herr Victor darauf hin, daß der von Hartmannschen, jetzt Wegnerschen Schule seinerzeit die Bauunterstützung nur unter der Bedingung gewährt worden'sei, daß der simultane Charakter der Schule für alle Zeiten bestehen bleibe. Nun besuchen 54 jüdische Schülerinnen die Anstalt, erhalten aber keinen Religionsunterricht. Die Bemühungen der Schulväter in dieser Richtung waren bisher vergeblich. Der Magistrat wurde ersucht, dahin zu wirkendaß die Direktorin Fräulein Wegner ihren Verpflichtungen Nachkomme. Für die Wegnersche höhere Mädchenschule wurde ein Zuschuß von 6000 Mark bewilligt. Der Beschluß der Stadtverordnetenversammlung in dieser Angelegenheit - ging dahin, dnß ein gewisses Mißverständnis hinsichtlich des Charakters der Simultanschulen bei Herrn Victor wohl herrscht, der doch darin besteht, daß Kinder aller Konfessionen ohne Unterschied unterrichtet werden: dahingegen haben die Hausväter für die Erteilungdes Religionsunterrichts zu sorgen. — Der Senior des Stammhauses Schaja Jafse, Magnus Jasfe, ist kurz vor vollendetem 70. Lebeiisjahre in Meran (Südtirol), wo er Heilung suchte, aus dem Leben geschieden. In Posen gebürtig, bekannt und allgemein beliebt, dürfte diese Nachricht in weiten Kreisen betrübend wirken. Mit dem Verstorbenen ist ein seltener Mensch dahingegaegen. Ein Muster von Güte und Edelsinn, war er den Freunden ein treuer Freund, den Angehörigen ein stets opferwilliger Verwandter und den bedürftigen Menschen ein Berater und Helfer in der Not. Sein Wirken war still und unauffällig. Nicht der Oeffentlichkeit galt sein Wohltun. — Bei den Abiturientenprüsungen an den hiesigen höheren Anstalten sind viele jüdische Abiturienten von der mündlichen Prüfung wegen guter schriftlicher Leistungen befreit worden. Auch wurden einige bei den-sogenannten Abschiedsfeiern als Redner bestimmt. — Pleschen. Herr Brauereibesitzer Stadtrat Isidor Strelitz hat aus Anlaß der Einweihung der höheren. Schule den Roten Adlerorden vierter Klasse erhalten. — O b o r n i k. Das Fest der goldenen Hochzeit feierten in diesen Tagen die R a p h a e l D r uckerschen Eheleute. Der Jubilar und die Jubilarin erfreuen sich einer geistigen und körperlichen Frische. — Moschin. Ein sehr achtbares Mitglied hat die hiesige Synagogengemeinde durch den Tod des Herrn Hopp verloren. Der Dahingeschied'ene war längere Zeit Vorsitzender der Chewra-Kadischa und bekleidete außerdem mehrere Ehrenämter. Sein frommer Lebenswandel und Gerechtigkeitssinn waren mustergültig für seine Nebenmenschen - .