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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-04-05 · Heft 14 (5.4.1912) · p. Seite 166

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 14 (5.4.1912)
Date
1912-04-05
Page
Seite 166 (sequence 10)
Language
German
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aber zum Alt ar — das verhüte Gott! — -Wirst du deinen greisen, von aller Welt verehrten Vater, wirst du deine Schwester, die dich überaus liebt, wirst du all jene, die dir im Leben nahestehen, hinter dir lassen, um in eine Familie zu treten, die dir. fremd, und eine Religion anzunehmen, die Zehntausende der unseren aus dem Scheiterhaufen hat verkohlen lassen? In eine Familie, in der du immer fremd, immer der Eindringling, der treulose Renegat, der Streber und Plebejer bleiben, immer beschämend zurückgesetzt werden wirst?" „Das werd^ ich auch nicht," erwiderte Karl bestimmt, „vergiß nicht, daß jetzt andere Zeiten tagen, daß eine andere Sonne aussteigt und andere Lehren zur Geltung kommen. Ich bleibe Jude, Hedwig bleibt Christin. Die Religion wird riicht, wie jetzt, ein Hindernis sein." - „Also eine Mischehe! Eine Mischehe, wie sie dein ehemaliger Freund Josef eingegangen, dessen Beispiel dich doch schrecken soll? Bereut er nicht bitter den Leichtsinn, den er begangen, den Fehltritt, den er gemacht? Ist er nicht zum Zwitterwesen herabgesunken, zerfallen mit sich selbst, unzufrieden, zerrissen, weder Jude noch Christ, oft der Gegenstand des Spottes in seinem eigenen Heim, feines Weibes, feiner Kinder? Wird nicht seine Sabbatfeier, sein Osterfest, fein Versöhnungstag, feine Tempeltrauer entweiht und die Gebote seiner Religion ins Fratzenhafte verzerrt? Ist er nicht ein Fremdling im Kreise der Seinen, wird er nicht oft von feiner Frau an das Opfer gemahnt, das sie ihm gebracht? Wie oft bereut er den Fehltritt, den er gemacht und verurteiltest du ihn nicht in den lebhaften Ausdrücken?" . „Dein Blick und deine Anschauung sind beschränkt!" rief Karl ungeduldig und unwillig. „Oder glaubst du, Schwester, daß Gräfin Pittborn wie die anderen aristokratischen Frauen ist? Daß ihre Worte hohle Phrasen, ihr Herz leer und sie bloß Männer einfängt, um sie in den Dienst des Aufstandes zu stellen? Es gibt wohl Frauen in allen Schichten, die die Straße des Lebens unsicher machen und ihre Reize, ihre Be-' gabung, ihre Raffinements mißbrauchen, um Sklaven zu erwerben und dann ihre Schwäche zu mißbrauchen. So aber ist Hedwig nicht. Sie ist zu vornehm und edel; ihr Wort ist ein Schwur, ihr Herz eine Welt. Sie ist, bei aller Stärke des Willens und des Selbstbewußtseins, bei aller Herrschsucht, bei aller Rücksichtslosigkeit, durch Klippe und Brandung zu steuern, ein Weib von Herz und Gefühl, befähigt, einön Mann dauernd glücklich zu machen und sein Dasein an ihrer Seite zu verschönen. Ich bin sicher, sie wird dir eine liebevolle Schwester wie mir eine zärtliche Gattin werden, obschon heute noch der Standesunterschied und die Hindernisse so groß erscheinen." Und das Gespräch damit schließend, ohne eine Replik feiner um ihn besorgten Schwester abzuwärten, eilte der junge Holdheim zur Türe und die Stiege hinunter, als gälte es, seinem Gewissen und vernünftigen Ratschlägen zu entrinnen. Vor dem vizeköniglichen Palais in Warschau sieht es aus wie in einem Feldlager. Vor dem Eingang, auf dem breiten schönen Platze, in der Torwölbung, auf den Stiegen und in den oberen Korridors fast lauter Uniformen aller Grade, Farben und Schnitte: das Wallensteinfche Lager ins Russische übersetzt. Dazwischen Kavalleriepferde, deren Reiter abgesehen und auf Befehle warteten, elegante Equipagen, ein-. fache Droschken, ein-, zwei- und dreispännig; auch Polizeiwagen, Tarantas, plump, hölzern, geschlossen, ohne Federn, ganz geschlossen, die dazu dienen, die Gefangenen aus ihren Wohnungen in die Kasematten zu bringen. Oben in dem Wartesaal drängte sich ein distinguiertes Publikum, Herren und Damen,- aber auch viele Träger höherer Unisormen und Auszeichnungen, sowie Adjutanten vom Dienst, meist feinere junge Leute aus besten russischen Familien. Es war ein buntes Durcheinander und die Unterhaltung einzelner Gruppen ziemlich laut und lebhaft. Bloß wenn die Tür zum Kabinett des Generalgouverneurs, ausging um einen herein- oder hinaus zu lassen, da wurde es plötzlich stille, und alle Augen suchten in den Raum zu dringen, wo der Gewaltige, wie der Selbstherrscher in. Petersburg, willkürliche Entscheidungen erließ, welche das Schicksal von Familien bestimmten. Gras Berg war zu dieser Zeit, nächst seinem Herrscher, die mächtigste, mit den weitestgehenden -Vollmachten ausgerüstete Person in dem weiten russischen Reiche. Dem alten Holdheim wurde es ganz schwindlig, als er in diesen glänzenden, gefüllten, summenden Saal trat. In einem stilleren, etwas abseits gelegenen Winkel suchte er ein halb verborgenes Plätzchen, um seinen Einlaß abzuwarten. Hier wurde er aber sofort von dem Offizier bemerkt, der ihm die Aufforderung des Statthalters überbracht hatte. „Ich werde Sie anmelden," sagte er freundlich, „ich habe den Auftrag dazu." ' '• Es war ein allgemeines Staunen und unwilliges Flüstern in der Menge der Wartenden, als der Adjutant nach wenigen Minuten den alten. Juden in das Audienzzimmer seines Chefs führte. „Ein Spion! Gewiß ein Spion!" murmelte man vernehmlich in allen Gruppen. „Uns läßt man stundenlang warten, und dieser Jude ist sofort eingesührt worden, wahrscheinlich um die neuesten Mitteilungen zu bringen: Da sitzen und stehen so lange schon die angesehensten Männer, ohne daß man sich um sie kümmert; selbst Graf Poniatowski schlummert dort vergessen in seinem Fauteuil — die Spione haben den Vortritt." So unerklärlich war allen die dem alten Manne in so eklatanter Weise gewordene Bevorzugung, daß sie flicht anders gedeutet werden konnte. „Ein alter Spitzbube, ein Denunziant, ein Verräter!" Diese halblauten Ausrufe begleiteten Holdheim auf dem. Wege bis in das Kabinett des Generalgouverneurs von Polen. Vor ihm, an seinem riesigen, mit Papieren bedeckten Schreibtische saß der etwas finster blickende, imposante Mann im einfachen Soldatenrock. Der goldene Zwicker konnte den Herrscherblick des durch das Vertrauen des Kaisers begnadeten Feldherrn nur wenig verschleiern. Man sah ihm fast die unumschränkte Gewalt an, die in seine Hände über Land und Leute, über die Geschicke eines Volks, über das Wohl und Wehe einer zahlreichen Bevölkerung, gelegt . war. Vom Eindruck, den die Person, die vor ihn trat, aus ihn machte, hing deren Glück oder Verderben ab. Er richtete einen langen Blick auf den Eintretenden. „Sie heißen Holdheim?" fragte er. Holdheim verneigte sich tief. „Sie sind mir als'ein ehrlicher Mann empfohlen worden, als Mann von patriotischen Gesinnungen, Kaisertreue und von großem Einflüsse aus Ihre Glaubensbrüder in und außerhalb Warschaus." Holdheims halb entflohenes Leben kehrte, zurück, er begann die Herrschaft über sich zu gewinnen. Seine Angst wich, er richtete sich etwas auf. Der Gouverneur fuhr' fort: „Besitzen Sie in der Tat diesen weitreichenden Einfluß^" „Ich war noch nicht in der Lage, mich dessen zir./versichern." - j „Setzen Sie sich hier gegenüber; Ihre Beine sind' Nicht . mehr jung, und unsere Besprechung dürfte eine längere Weile dauern. ' * „Ich danke, Exzellenz — die schuldige Ehrfurcht verbietet mir." - .; . (Fortsetzung foint j

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