Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-04-05 · Heft 14 (5.4.1912) · p. Seite 165

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 14 (5.4.1912)
Date
1912-04-05
Page
Seite 165 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229015-3229030--68342-3280596
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Haupt anders entschieden werden'" müßte, so bleibt das Dokument doch ein kulturhistorisches Zeugnis ganz hervorragender Art. Um es völlig zu würdigen, muß man bedenken, daß David Friedlaender, der Vorsteher eines großen Handlungshauses war; ferner als Berliner Stadtrat außerordentlich beschäftigt, ein Mann, der für die jüdische Gemeinde eine ganz außerordentlich rege Tätigkeit entfaltete, denn er vereinigte mit seinem Amte als Aeltester zugleich die Obliegenheiten, die jetzt etwa dem Generalsekretär zufallen. Er schrieb eigenhändig die Konzepte zu den Eingaben an die Behörden, zu den Antworten aus die vielfachen Erlasse usw. Bedenkt man sodann, daß dieser so überaus beschäftigte Mann noch vielfach als Schriftsteller tätig war, daß er bedeutende Sammlungen besaß, die zu vervollständigen er eifrig bemüht war, daß er einen regen Briefwechsel mit literarisch bedeutsamen Persönlichkeiten unterhielt, so gerät man in eine wahrhafte Bewunderung der staunenswerten Arbeitsleistung, die dieser eine Mann zu bewältigen wußte. Schon aus diesem Grunde dürfte die Mitteilung des originellen Aktenstückes allgemeines Interesse finden. heimatlos. Aus der letzten polnischen Revolution. Von Leo Herzberg.Frankel. V. Sie konnte kaum sprechen, endlich gelang es ihr, den Schreck zu meistern und ihrem Vater zu sagen: „Der Herr Obrist hat an dich einen direkten Auftrag Seiner Exzellenz des Herrn Generalgouverneurs Grasen Berg." Auch auf Karls Gesicht wich die Farbe der Blässe. „Seine Exzellenz", sagte der Adjutant, dem man den seinen Kurländer anhörte, mit einer leichten Verbeugung zum Hausherrn, „der Herr Generalgouverneur läßt Herrn Holdheim ersuchen, unverzüglich ins Schloß zu kommen. Es ist dringlich." Der alte Mann, wiewohl er sich unschuldig fühlte, konnte eine gewisse Unruhe nicht bemeistern, die noch gehoben wurde, als er in die schreckensbleichen Gesichter seiner Kinder sah, und mit etwas unsicherer Stimme frug er den Offizier: „Können und wollen mir Herr Obrist nicht die Veranlassung zu diesem Befehle Mitteilen?" „Ich weiß wahrlich nicht und darf nicht zu fragen wagen. Ich habe bloß den Auftrag, Sie in die Residenz zu befehlen und bei Ihrer Ankunft sofort zu melden." Der Offizier grüßte und ging, während der alte Mann in sein Zimmer ging, sich für die Audienz vorzubereiten und ins Schloß zu fahren, wo der gewaltige Mandatar des Zaren wohnte. Run warf sich die zu Tode erschrockene Hermine an den Hals des Bruders, der in düsteres Brüten versunken war, und es dauerte eine kleine Weile, bis sich ihr Schmerz in Worte löste und sie unter heftigem Schluchzen sagen konnte: „Karl! Karl! Du hast ein großes, ein grenzenloses Unglück über uns und besonders über unseren alten Vater gebracht, der nichts verbrochen und nicht konspiriert. Du hast durch deine eifrige Beteiligung an dem großen Befreiungswerke dich, deine Familie, unseren alten schuld- und ahnungslosen. Vater schwer kompromittiert. Der arme Vater wird das sühnen, was er nicht verbrochen. Ich zweifle nicht, daß die Polizei bereits Kenntnis von der Druckerei hat, die in unserem Hause errichtet wurde, und daß in den nächsten Stunden oder Mnuten dies Haus von Kosaken umzingelt, durchstöbert, die Druckerei ausgehoben werden wird und wir alle in den Zellen der Festung begraben seinwerden." Karl, der einige Zeit wie zur -Bildsäule entseelt dastand und den Kopf unter der Anklage seiner Schwester hängen ließ, raffte sich jetzt plötzlich auf, schüttelte seine Erstarrung ab, küßte das junge Mädchen aus Stirn und Wange und sagte in ziemlich resolutem Tone: „Wie ich blöd war, zu erschrecken! Als ob je der Generalgouverneur jene, die er sich zum Opfer erkoxen, in höflicher Form durch seine adligen Adjutanten einladen ließe! Wen er verderben will, den ladet er nicht ins Schlöß, und für den hat er ganz andere Boten! Nein, daran ist nicht zu denken, liebe Schwester! Den Kopf hoch, es ist kein Grund, betrübt und ängstlich zu sein. Wenn Graf Berg einen seiner-Offiziere zum Vater schickt, so braucht er ihn. Es ist kein Grund zu irgendeiner Aengstlichkeit." Karls Worte verfehlten ihre Wirkung nicht; die Stirne Hermines klärte sich aus, sie lächelte ihren Bruder dankbar an. Dieser fuhr fort: „Es ist ja nirgends ein sicherer Versteck als hier im Hause. Kein Mensch wird hier jene bleierne Armee vermuten, die wir gegen Rußland operieren lassen, und niemand kann ahnen, daß jene Plakate und fliegenden Blätter, welche das geknechtete Polen zum Widerstand aufrusen, in einem gottgeweihten Winkel dieses stillen, vornehmen Hauses erzeugt werden. Ich gestehe, daß ich im ersten Moment beim Erscheinen des Adjutanten mit dem Aufträge des Generälgouverneurs erschrocken war. Der Schreck ist rascher als die Besinnung und gibt nicht vorerst bei der Vernunft die Visitenkarte ab, bevor er ins Herz fährt; aber dann legte der Verstand sein Veto ein, und ich erkannte, daß da nichts zu besorgen sei, daß die russische Polizei keine Ahnung von den Geheimnissen dieses Hauses hat. Die nach der Form sehr artige Berufung ins Schloß wird eine ganz unverfängliche, harmlose Ursache haben, die uns weiter keinen Kummer machen und nicht die geringste Besorgnis einflößen muß, liebe Schwester." „Indes möchte ich, der Vater wäre schon zurück", seufzte Hermine. Karl lachte. „Er wird zurückkommen, vielleicht mit einem Orden oder Titel. Inzwischen eile ich zur Gräfin, um ihr den Vorfall mitzuteilen, der jedenfalls nicht bedeutungslos ist." Hermine hielt ihn zurück, indem sie sich an den Bruder klammerte. „Du gehst nicht, Karl, gehst wahrhaftig nicht," bat sie; „mir wird doch angst und bange, wenn ich allein bleibe; jedes Geräusch wird mich erschrecken. Ich halte es bis zur Rückkehr des Vaters nicht allein aus. Meine Nerven sind zer-. rüttet. Ich bitte dich, bleibe." „Ich kann nicht; ich muß ihr doch die Nachricht bringen." „Ihr und immer sie!" rief Hermine ärgerlich. „Die ganze Welt geht dir in Hedwig auf, selbst Vater und Schwester. Ich glaube, auch der Gott unserer Väter. Ihr zuliebe gingst du vom geraden Wege ab, warfst dich der Verschwörung in die' Arme und rissest mich mit, ein unwissendes, unschuldiges junges Mädchen, das nun ebenfalls im Dienste der Revolution steht. Wohin kann das führen? frag' ich mich in nüchternen Stunden schlafloser Nächte." „Zum Siege, zur Freiheit, zum Altar", erwiderte der Bruder lächelnd. Hermine blieb ernst und kopfschüttelnd sagte sie: „Zum Siege; das hoffe und wünfche ich im Interesse der Sache, der wir dienen; du als Feldherr, ich als kleine Handlangerin, die eine Handvoll Steine zu eurem Bau trägt —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.