Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1912)
- Date
- 1912-04-05
- Page
- Seite 163 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Ursache der Begründung der Jüdischen Resormgemeinde in Berlin. War. S. Stern auch der eigentliche Agitator, S. Holtheim auch der erste Prediger, — Bernstein ist der geistige Vater dieser Gemeinde, dessen Andenken noch heute hochgehalten wird und dessen begeisterte Worte — er ergriff häufig oder regelmäßig in der großen Pause des Versöhnungstages bei dem Gottesdienst dieser Gemeinde das Wort — in bester Erinnerung stehen. Von Bernstein rühren einzelne Lieder her, die noch heute ihren Platz in dem Gesangbuch der Reformgemeinde einnehmen, von ihm der Entwurf zu den ersten öffentlichen Anschreiben an die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in Berlin, die er in einem Briefe an eine Freundin (1861) durchaus als sein eigenstes Werk reklamiert. Sein Standpunkt und feine Ansicht gehen wohl am besten aus der Einleitung zu diesem merkwürdigen Schriftstück hervor, die hier stehen möge: . „In den ersten Monaten des Jahres 1845 ist eine Anzahl jüdischer Einwohner in Berlin zu einer Genossenschaft zusammengetreten, die es als eine Forderung ihrer religiösen Ueberzeugung erachtet haben, längst angeregte Reformen in der jüdischen Religion auszuführen, damit durch dieselben der ererbte väterliche Glauben, die Anerkennung seiner ewigen Wahrheiten, wie die Verwirklichung seiner sittlichen Lehren in einer solchen Form sich betätigen könne, welche dessen Belebung in der Gegenwart erleichtere und unter den mächtig gegenwirkenden Einflüssen der Zeit möglich machen. Die Gründer der Genossenschaft für Reform im Judentum, die sich hierauf bildete, hatte nämlich längst die Wahrnehmung gemacht, daß die ererbten Vorstellungen, Formen und Vorschriften der väterlichen Religion nicht mehr in Einklang stehen mit "den fortgeschrittenen Einsichten, mit den äußerlichen Lebensbedingungen und den inneren religiösen Bedürfnissen eines Geschlechts, das unter der Bildung der Gegenwart erwachsen war. Die väterliche Religion hatte ihre Form aus einer Zeit empfangen und abgeschlossen, in welcher die Vorstellung innerhalb der Judenheit allgemein herrschend war, daß die Bekenner des Judentums nur vorübergehend eine Existenz außerhalb Palästinas führen und es zu ihrer religiösen Pflicht gehöre, nicht bloß auf eine baldige Erlösung aus diesem Exil zu hoffen, sondern auch in allen Religionsgebräuchen aus die einstmalige und die demnächst wiederzugewinnende ferne Heimat Rücksicht zu nehmen. — \ Die Religion der Väter nahm dadurch eine Gestaltung an,, welche wohl erhaltend auf ihre Existenz, und die ihrer treuen Bekenner wirkte, solange äußerer Druck und innere freiwillige Absperrung sich vereinigten, um tatsächlich den Juden in aller Welt außerhalb Palästinas; heimatlos zu machen. Der Kultus der bestehenden Synagogen, wie der spezifische. Inhalt der Gebete, die Zeremonialgefetze, wie die als religiös geltenden Gebräuche, waren, in Geist und Form, in Sprache und Sitte ganz von diesem Charakter erfüllt und verdienen innerhalb desselben ihre historische Berechtigung und Würdigung. Aber diese Form der Religgion konnte eben um deshalb nur solange als eine berechtigte und wahrhafte empfunden und ausgenommen werden, als der Zustand und die Bedingungen sortwährten, unter welchen sie einst entstanden mcttert. Lange Zeit bereits vor der Bildung der Genossenschaft hatte der Zustand und seine Bedingung von innen und außen her sich geändert. Die Juden waren in fast allen zivilisierten Ländern Europas zu berechtigten Bürgern ihrer Heimat erklärt und fühlten sich und machten sich auch als solche geltend. Dies einerseits und anderseits neue, durch wissenschaftliche Forschungen hervorgegangene richtige Anschauungen über die Entstehung der Formen, unter welchen das Judentum sich von Geschlecht zu Geschlecht vererbt hatte, bewirkte, daß gerade in dem gebildeten Teil der Judenheit und hauptsächlich in der deutschen Heimat eine beklagenswerte Gleichgültigkeit gegen die väterliche Religion um sich griff und Abfall und Entfremdung, ja sogar Mißachtung und Verspottung derselben zu den alltäglichen Erscheinungen innerhalb der Judenheit machte. Diese Uebelstände waren bereits bei den letzten Geschlechtern hervorgetreten, und. kamen im gegenwärtigen Geschlecht nur noch greller zum Vorschein, nachdem einzelne Versuche zur Reformierung des Gottesdienstes an der chartnäckigen Bekämpfung derselben seitens der Strenggläubigen gescheitert waren. Tiefer aber noch ließ sich das ererbte Nebel bei der Heranwachsenden Jugend voraussehen, welche in Empfindungen, in Geschmacksrichtung, in Erkenntnis und iw geistigen Bedürfnissen erzogen worden, die schon an sich einer tieferen religiösen Richtung nicht förderlich sind, dem Leben in den veralteten Formen des Judentums aber ganz und gar entgegenstreben!" Man mag nicht mit allem einverstanden sein, was in diesen Sätzen steht und vielleicht noch weniger mit dem, was die Resormgemeinde durchgesührt und geleistet hat — ihr Begründer aber verdient wegen seines idealen Sinnes, der die Lehren und Ideale des Judentums zu vertiefen suchte, daß sein Andenken erneuert werde. Das schöne Bild Bernsteins, des Schriftstellers, Forschers, des Dichters und des Menschen mag durch manchen kleinen Zug getrübt werden — menschliches, allzumenschliches, das bei den wenigsten fehlt — wir haben trotzdem das Recht und die Pflicht, nicht bloß an feinem Säkulartag seiner zu gedenken, sondern ihn zu preisen als einen, von dem Abraham Geiger vor nunmehr 43 Jahren gesagt hat (Jüdische Zeitschrift Bv. 7, S. 223): „Wem wäre der Name Bernstein unbekannt geblieben, insofern er nur irgendwie von den kräftigen Pulsschlägen des Geisteslebens in der Gegenwart bewegt wird? Wem wird es nicht vielmehr wärmer ums Herz, wenn er den Klang dieses Namens vernimmt, der ihm einen ganzen vollen Menschen vor die Seele führt, einen Menschen, dem er nicht bloß mit denkendem Geiste folgt, sondern dem er sich auch gern mit dem Herzen hingibt?" Lin tstmudilches Gutachten David Lriedlaenders." , Mitgeteilt von Ludwig Geiger. m 9. Dezember 1812 wandte sich die Großherzoglich- Würzburgifche Landesdirektion an die Königliche Domänenkammer. in Berlin mit einem Schriftstück „Die Tauche der Judenweiber betreffend". In diesem Schriftstück wurde folgendes ausgeführt: Die jüdischen Frauen schadeten ihrer Gesundheit dadurch, daß sie während der kalten Jahreszeit in ungeheizten Räumen badeten/ Die süddeutsche Behörde bat daher die preußische Regierung, sie möchte das „Konsistorium des jüdischen Glaubens in Berlin" um ein Gutachten angehen, ob die jüdischen Frauen sich des kalten Quellwassers bedienen müßten, oder ob bei Krankheit und Schwächlichkeit Ausnahmen gestattek feien. Da in Preußen ein solches Konsistorium nicht existierte, so schickte die Polizeidirektion der Kurmärki- - schen Regierung das Anschreiben am 11. Januar 1813 an die- Aeltesten der Berliner Gemeinde. Der wackere David Friedlaender, der,^ obgleich er nicht Vorsitzender, des Kollegiums war, i) Das im folgenden abgedruckte Aktenstück steht in einem Faszikel, das sich neuerdings im Archiv der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gesunden hat. Es führt den Titel: „Korrespondenz mit den höchsten Behörden bei Eingang des Edikts vom 11. März 1812." Eine Anzahl wichtiger Stücke aus diesem Faszikel ist in dem Gemeindeblatt, zweiter Jahrgang, Nr. 3 „Gedenknummer zur Jahrhundertfeier her Emanzipation'der Juden in Preußen" veröffentlicht.