Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-04-05 · Heft 14 (5.4.1912) · p. Seite 162

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 14 (5.4.1912)
Date
1912-04-05
Page
Seite 162 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229015-3229030--68339-3280593
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

162 dem eben genannten Werke, das eine außerordentliche Verbreitung erlangte und in viele Sprachen übersetzt wurde, hat er in ebenso lehrreicherwie unterhaltender Weise in seinem Buche „Natür und Kultur" (Leipzig 1880), die wichtigsten naturwissenschaftlichen Probleme abgehandelt. In - diesem Buche, finden sich auch zwei Aufsätze, die auf jüdische Dinge eingehen: „Die Frauen des hebräischen Altertums" und „Biblische Ketzereien". ' Denn Bernstein betrat auch, nicht etwa als'Dilettant, sondern als selbständiger Forscher, freilich mit jener Genialität, die die Arbeiten anderer wenig berücksichtigte und mit selbstbewußtem Mut gewagte Hypothesen zu äußern sich nicht scheute, das Gebiet der Wissenschaft des Judentums. Mein Vater, der lange Jahre mit Bernstein in herzlichem Einvernehmen stand — war er es doch gewesen, der Abraham Geiger 1846 das Amt eines Predigers ‘ an der neubegründeten Reformgemeinde in Berlin angetragen hatte — hat es ihm immer hoch angerechnet, daß Bernstein der erste, wenn nicht der einzige war, der in einem größeren Artikel — einem Leitartikel der „Volkszeitung" — das große Publikum von den Resultaten der „Urschrift" unterrichtete. Außer mannigfachen kleineren Arbeiten über jüdische Dinge hat Bernstein eine größere Studie veröffentlicht: „Ursprung der Sagen von Abraham, Jsaac und Jacob. Kritische Untersuchung, Berlin 1871. 'Ich lasse darüber meinen Vater sprechen (Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben, Bd. 9, S. 207): „Die neuere höchst geistvolle Schrift A, Bernsteins hält sich »von den Voruntersuchungen über die Stämme, über den Standpunkt, den die Verfasser der biblischen Bücher einnehmen, fern; aber so scharfsinnig der Verfasser auch in die Sagenentwicklung einzudringen, so helle Lichter er über dunkle Räume auszubreiten weiß, so fühlt man doch, daß man des festen geschichtlichen Hintergrundes entbehrt, auf dem die Sagen sich naturgemäß abprägen, und daher eben kommt es, daß wir statt der naiven, die ganze Fülle des Volksseelenlebens in sich tragenden idealen Dichtung, die aus den Jntriguen zweier rivalisierender Höse entstehenden Pamphlete erhalten. Statt aus dem Volksgemüte und der Volksgeschichte erwachsener, mit aller Liebe und Innigkeit gepflegter Persönlichkeiten werden ihm die- Erzväter zu erfundenen Vertretern der auf der einen, .wie.auf der anderen Seite genährten ehrgeizigen Absichten, welche das Volk in schwachmütiger Gedankenlosigkeit sich oktroyieren ließ. Nachdem man von dem genialen Tiefblick des. Verfassers überrascht und gefesselt worden, an dem Leitseile der durchsichtigen Und planen Darstellung sich so gern, hat führen lassen, sieht man denn doch die Abgründe, über welche man so leicht hinweggeschlüpft, die Zumutungen, denen man. nachgegeben. Das.Büchlein regt Gedanken an, die einen dauernden Wert Haben. Die Darstellung Jsaaes als des Patriarchen von Beer-Sebä ist, meines Dünkens, .nach Lieferer Begründung unwiderleglich, nicht minder ist manche Ausführung über Jacob als den vorzugsweifen Patriarchen des ephraimitischen Reiches vollkommen anzuerkennnen. (Nach einigen kritischen Einzelbemerkungen schließt der Rezensent:) Und dennoch bleibt bei allen diesen Abweichungen in der Auffassung des Grundwesens in der kleinen Schrift so viel Anregendes und Belehrendes, daß sie unsere Erkenntnis sehr vertieft." Sodann war Bernstein ein hervorragender jüdischer. Dichter. Nachdem er schon frühzeitig manch hübsches Gedicht, manche sinnige Erzählung geliefert Hatte ,teils allgemeinen, teils speziell jüdischen Inhalts, veröffentlichte er 1858*) und 59 in dem von Philipp Wertheim herausgegebenen Kalender und Jahrbuch zwei jüdische Erzählungen, die geradezu Perlen der Erzählungsliteratur genannt werden müssen, — die eine davon ist später in Paul Heyses Novellenschatz abgedruckt wor-, den und hat dadurch ein große Verbreitung auch in nichtjüdischen Kreisen erlangt. Diese beiden Erzählungen „Mendel Gibbor" und „Vögele der Maggid" verwerteten Jugenderinnerungen, verklärten mit einer gewissen romantischen Versunkenheit das alte Ghetto, benutzten Typen aus Bern? steins Verwandtennnd Freundeskreise, sindaber in ihrer Verherrlichung männlicher Kraft, weiblichen Anschmiegens, frauenhafter Innigkeit durch ihre Kunst der Charakteristik, ihre reiche Erfindung, plastische Gestaltungskraft und" frisch quellenden Humor wahrhaft poetische Gebilde, die sich nicht nur .ebenbürtig den besten Erzählungen auf diesem Gebiete an die Seite stellen, sondern die meisten unendlich überragen. Endlich aber ist Bernstein als Vater und Begründer der Berliner Resormgemeinde zu erwähnen und zu würdigen. Er war ein tief religiöse Natur, von kindlich-gläubigem GoLLvertrauen durchdrungen/ von echter Toleranz erfüllt gegen Andersgläubige, " sowohl im "" gegnerischen Lager, als. in seiner eigenen Glaubensgemeinschaft. Er, der einem durchaus orthodoxen Vaterhause entstammte, war teils durch seine naturwissenschaftliche Bildung, teils durch Einwirkung des Berliner Milieus aus diesen Anschauungen und Gewohnheiten herausgeschritten. Dieses Herausschreiten indessen brachte ihn nicht zur Lauheit gegen seinen Glauben — feige Fahnenflucht lag seiner tapferen Natur vollkommen fern — sondern erweckte gerade das Bedürfnis in ihm, für sich, die Seinigen und die gleich ihm Denkenden einen Gottesdienst zu schaffen und eine Gemeinschaft zu begründen, in denen ihre religiösen Bedürfnisse befriedigt werden konnten. Das war für ihn die *) Dieses Jahr 1858 ist festzuhalten gegenüber der falschen, auch in verbreiteten Handbüchern vorgetragenen Behauptung, die Novellen seien 1838 erschienen. Bernstein ist jedenfalls an diesem Irrtum schuldlos. Ob daher wirklich Bernstein der Ruhm zukommt, die ersten Ghetto-Novellen geschrieben zu haben, oder ob der Preis L. Kompert, vielleicht A. Weill und möglicherweise sogar Berthold Auerbach Zugewiesen werden muß, ist eine Frage, die an diesem Ort nicht behandelt werden kann. K. E. Franzos hat in diesen Blättern vor vielen Jahren die Streitfrage ausführlich erörtert. Hier ist nur festzustellen, daß 1858 das Jahr des Erscheinens der ersten Bernsteinschen Novellen ist und daß er niemals den Anspruch erhoben hat, der Begründer der Ghetto-Novelle zu sein. - >"» ,W"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.