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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-04-05 · Heft 14 (5.4.1912) · p. Seite 158

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 14 (5.4.1912)
Date
1912-04-05
Page
Seite 158 (sequence 2)
Language
German
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Nun aber wollen wir uns keiner Täuschung -hingeben: la femme, c'est Teiinemi! Ich will nicht übertreiben und sagen: immer, jedoch in den .meisten Füllen, wo es sich uw Karriere oder gesellschaftliche Stellung, handelt, nstes die Frau, die Mann und Kind zum Uebertritt überredet. Nicht aus Leichtsinn oder aus Geringschätzung des Judentums — obwohl auch das nicht gerade selten ist — nur aus der Sehnsucht heraus, das Wohl ihres Kindes nach Möglichkeit, zu sichern. Selbst der mondänsten Frau wie der altgläubigsten geht ihr Kind über alles. Nur eines steht ihr,noch höher als die Liebe zu ihrem Kinde, und das ist die Lieb e d es Kind es zu ihr. Eine Mutter verzeiht. ihrem Kinde alles, nur Lieblosigkeit kann sie nicht verwinden.- Geliebt sein ist des Weibes höchstes, wenn nicht einziges Ideal. Wie nun, wenn die Einsicht in der jüdischen Frau geweckt.würde, daß Religion die Liebe vertieft, Religionslosigkeit sie aus den Herzen reißt! - An sich und an ihr Haus fesselt die Frau Mann und Kind nur dann, wenn der Geist, der. in dem Hause waltet, reiner, edler, inniger, weihevoller, herzlicher, treuer, poesievoller, selbstloser ist als die Welt da draußen. Wenn der Lärm, das Hasten und Jagen, das tolle Treiben der Welt im Hause, iy der Familie ihre Fortsetzung finden, wenn das Haus nicht mehr die Oase in der Wüste ist, sondern dieselbe Wüste wie die Welt draußen, verliert es allen ihm eigentümlichen Reiz, und die keusche Blume Liebe flieht aus dem Haufe, aus den Herzen. Und wodurch könnte die Trautheit, der Liebreiz, die Anmut, die Weihe, die heilige Innigkeit des Hauses und dadurch, die Liebe des Mannes, der Kinder zur Mutter besser gewahrt und erhalten bleiben, als durch religiöse Sitte und Brauch?! Welchen Ersatz an häuslicher Beseitigung hat das jüdische Gemüt gesunden.für den verloren gegangenen Freitag Abend? Ist das Haus des Juden inniger, treuer, liebevoller geworden, seitdem jeder religiöse Kultus aus dem Hause geschwunden ist, hängt das moderne Kind mit größerer Zärtlichkeit an seiner Mutter, als in früheren Zeiten das Kind es tat? Will auch die moderne Jüdin die Liebe ihres Kindes, dann lasse sie wieder Sitte und Brauch der Religion in ihr Haus einziehen. Denn nichts verleiht dem Hause gleiche Weihe und Heiligkeit und dadurch Innigkeit und Hingebung: das Fundament der.Familienliebe. —— Mirjams Verdienst war, daß sie den israelitischen Männern zuries: „Singet nur, singet dem Herrn euer Lied!" Und von der jüdischen Frau weiß die Tradition nichts Besseres zu sagen, als daß sie ihre Kinder ins .Lehrhaus'führte und sich freute, wenn, der Gatte das Lehrhaus besuchte. Diese alten Jüdinnen haben das höchste Ziel des Weibes: Mann und Kinder in Liebe an sich zu ketten ' gar gut zu. erreichen verstanden: sie haben Mann und Kinder der Religion nicht entzogen, sondern zur Religion geführt. Möge die Jüdin von heute von unseren alten Müttern lernen. Verlangt sie nach der Liebe des Kindes, warm und treu und wahr, dann öffne sie wieder die Pforten des Hauses der Religion, der edlen religiösen Sitte und Weihe. Dann ist der Weg zur Religion wieder frei, dann hyt das Judentum seine Judenheit wieder, dann ist die Minderheit Israel stolz auf ihr bestes Gut und trägt ihr Joch willig, ohne aufzuhören ay dessen Erleichterung ununterbrochen zu arbeiten. ' Das ist der Weg. Kennt ihr einen anderen? Die Mache. , Berlin, den 1. April 1912., TPn er Tod Alb er t Tr aeg er s, dieses wahrhaften Volksmännes, soll noch an dieser Stelle erwähnt werden. War er auch kein Jude, stammte er auch nicht von Juden ab, — er war unser, nicht bloß weil unter seinen Verschwägerten sich 'manche fanden,'' die aus dem Judentum hervorgegangen waren, nicht.-bloß, weil er. intime Freunde unter den Juden -. besaß. Unser in dem höheren Sinne, daß er ein Freier und ein Aufrechter war,'/ Frei und.'aufrecht war sein.Leben; seinem offenen mutigen Worte entsprachen' gerechte Taten.^Er trat für Gleichberechtigung ein,. für die Teilnahme aller an den/ Segnungen des Vaterlandes. Vorbildlich in feinem Familienleben, in feiner Freundschastskunst. Ein echter Lebenskünstler, an dessen Erscheinung man ebensolche Freude hatte, wie an seiner Fähigkeit, das Gute des Daseins zu genießen. Ein Kämpfer, der nicht mit giftgetränkten Pfeilen schoß und nicht den Streitenden höhnte und den Besiegten verachtete, sondern der bei aller Entschiedenheit ritterliche' Waffen in vornehmer Art zu führen wußte und der gerade infolge feiner Kampsesart als ein nobler Streiter nicht bloß von den Genossen.gepriesen und geehrt, sondern auch von den Gegnern geschätzt und geächtet wurde. Ein Dichter zugleich, der mit tiefempfundenem zierlich geschliffenem Wort zu erfreuen und zu erheben, zu stärken und anzustacheln verstand, der aber über dem. Ernst nicht die Lust und die Freude vergaß und bei aller Genußfähigkeit - und Gemütstiefe nie in Roheit und Weichlichkeit verfiel. Ein Aufrechter und Freier, dem . der Dank aller derer gebührt, die das Wackere zu ehren und die Freiheit zu lieben wissen. * Auch ein anderer Freiheitskämpfer, der mutig und tapfer gegen den Antisemitismus zu Felde zog, der Pfarrer Friedrich W i l h e l m B a ttenb e r g in Frankfurt a. Main ist gestorben. Er war ein Streiter widerallen Klassen- und Rassenhaß, ein Verteidiger wahrhafter Toleranz. Auch heute noch können. wir uns an den Worten erbauen, die er vor Jahren dem edlen CH. Hallgarten ins Grab nachrief: . \ „Wir wollen, als Christen diesem, edelsten der Juden unseren Dank und unsere Verehrung aussprechen. So. wahr es ist, was wir so vielfach preisen hörten, daß er die Interessen der jüdischen Gemeinschaften mit Liebe und Tatkraft wahrgenonunen hat, fo gewiß ist doch auch seine Freiheit von.jeder konfessionellen Engherzigkeit. Er wußte, daß Kern und Herzschlag aller Religion die Liebe ist, und daß keine Konfession allein die Liebe in Anspruch nehmen kann. Ich weiß, wie er auch Christen gegenüber seinen Edelmut betätigte, selbst in Fällen, wo er befürchten mußte, offenen Undank, zu ernten. Ein Vorbild der Toleranz besitzen wir in ihm, einen Trost, daß es in unserer zerrissenen Zeit noch Höheres gibt, als die Einseitigkeit der Konfession, nämlich reines, höheres, mutiges, liebevolles Menschentum." * Nur solche Erinnerungen möchte man in diesen Tagen, da der Frühling wenn auch mit Brausen kommt, in diesen Zeiten hehrer Erinnerungen, in der Woche der „Zeit unserer Befreiung" zusammenstellen. Aber es ist uns leider nicht beschieden, über die Gegenwart zu frohlocken. Wie weit ist noch die Epoche wirklicher'Freiheit in Deutschland entfernt; wie trübe und dunkel sieht es inRußländ aus. In der letzten Uebersicht brachten wir die Erklärung hervorragender deutscher Männer gegen das wahnwitzige, die europäische Kultur entehrende Märchen vom Ritualmord. Bald wird der Kiewer Rituälmordprozeß verhandelt werden. Das „Berl. Tagebl." schreibt darüber aus Kiew: Der im. „Berliner Tageblatt" zum Abdruck gebrachte, von vielen hervorragenden Persönlichkeiten aller Richtungen Unterzeichnete Protest gegen wie Beschuldigungen des Ritualmordes, die . im Zusammenhänge mit der Ermordung Juschtschinskis in Kiew gegen die Juden erhoben wurden, hat in Rußland einen . großen Eindruck hervorgerufen, Man spricht sogar davon, daß der Protest - einen gewissen Einfluß auf das Urteil , haben dürfte. Und dieser Prozeß, wird zu den bemerkenswertesten in der Geschichte der russischen Gerichte gehören. , Die Verhandlung findet sofort nach Ostern-

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