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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-04-05 · Heft 14 (5.4.1912) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 14 (5.4.1912)
Date
1912-04-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse 7H. Jahrgang Nr. 14 Berlin, 5. April 1912 Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements'preis: durch den Luchhandel o er die Post (in Berlin und . Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 ITT. — Postscheckkonto 32V Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Alldem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße ^6ft9, ju richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Htthfllt Der Weg. Von Dr. I. Ziegler-Karlsbad. — Die Woche. IfUlJUll.» — Die jüdischen Neichstagsabgeordneten. — A. Bernstein. Ein Kedenktzlatt von Ludwig Geiger. — Ein talmudisches Gutachten David Friedlaenders. Atitgeteilt von Ludwig Geiger. — Feuilleton: Heimatlos. Von Leo Herzberg-Frankel. — Zum Passahfest. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlaus. — Sprechsaal. Dev Gemeirrdcbote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Graudenz, Ans der Provinz Posen, Hamburg, Bernburg. Dresden, Nürnberg. Köln, Weimar, Frankfurt a. M.. Wien, Jerusalem. — Von Nab und Fern Der Weg. Von Dr. II Ziegler-Karlsbad. minderheit sein hat nur dann Sinn und Zweck, wenn diese Minderheit ein Gut besitzt, das sie charakteristisch von der Mehrheit unterscheidet, an dem sie mit unwandelbarer Treue hängt, durchdrungen davon, daß dieses Gut verdient, seinetwegen das Joch der Minorität auf sich zu nehmen. Für die jüdische Minderheit war und ist dieses Gut die Religion. Solange sie unser kostbarstes Eigentum war, das Um und Aus des Seelenlebens unserer Gesamtheit, haben Druck lind Leid uns nichts anhaben können: sie haben unsere Väter wohl äußerlich gebeugt, aber nicht innerlich gebrochen, und im Leben eines Volkes ist das das Entscheidende. Das einzusehen haben wir auch heute Gelegenheit genug. Dem religiösen Juden ist der auf uns lastende Druck ein Unrecht, gegen das er mit allen Mitteln kämpft, das er jedoch aus sich nimmt zu Ehren seiner Religion, ohne innerlich auch nur im geringstell sich linglücklich zu fühlen. Wie aber die religiöse Kraft in ihm schwächer wird, versagt auch die Widerstandskraft nach außen, um sich schließlich ganz zu verlieren, wie die Religion geschwunden ist und man füglich nicht mehr weiß, warum man eigentlich dieser Minderheit angehören soll. Man redet sich in gewissen Kreisen gerne ein, daß die Liebe zur Nationalität und die Arbeit im Dienste des Zionismus die Religion vollständig ersetzen können. Ich zittere vor der bösen Enttäuschung, die in zwei bis drei Jahrzehnten über jung und alt Hereinbrechen wird. Gelingt es uns nicht bis dahin, Zuflucht in der Religion für unser Volkstum gesunden zu haben, wird es zu einem Judendebacle kommen, wie wir ein solches noch nie in unserer langen Geschichte erlebt haben. Darum gibt es heute im Dienste des Judentums keine größere Aufgabe als den Weg zu suchen, der die Judenheit zur Religion wieder zurücksührt. Nun ist es zweifellos, daß in diesem Streben auch die Religion von sich aus etwas mittun muß, es geht bei dem berechtigtesten Verlangen der Religion nach Stabilität doch nicht an, daß sie in Glauben und Tat der geistigen Entwicklung unserer Zeit keine Rechnung trägt. Aber ebenso sicher ist, daß wir von uns aus alles hm müssen, um religiöses Leben ln uns und besonders in der Jugend neu zu erwecken. Wo der Weg anhebe, wo sein Ausgangs- und Knotenpunkt liege, fraget ihr. In der Familie. Nicht aus dem Leben durch die Familie führt der Weg zur Religion, sondern aus der Familie durch das Leben. Und der W e g s ü h r e r? Die F r au, die Mutte r. Fast eine Binsenwahrheit. Wer sichert den Erfolg geistiger, humanitärer, sozialer Bewegungen und Institutionen? Das Weib. Vor allem wegen seines überragenden Einflusses auf den Mann, dessen Entschließungen und Neigungen. Findet eine neue Mode, ein neuer Gedanke, eine neue Gesellschaftsform den Beifall der Frau, ist an den Sieg des Neuen nicht zu Zweifeln. Doch das allein macht es nicht aus. Nicht der Einfluß der Frau auf den Mann ist das entscheidende Moment dafür, in der Frau auch für die Rückkehr zur Religion den maßgebendsten Faktor zu suchen.-Von einem Gedanken kann man bekanntlich erst dann sagen, er habe gesiegt, wenn er Stabilität erlangt hat, d. h. wenn er nicht augenblicklichen Beifall findet, sondern dauernd in den geistigen Besitzstand der Menschen übergeht. Was nicht stabil wird, hat keinen Wert für den Fortschritt der Menschheit. Stabilität aber ist ausgeschlossen ohne Eingang in die Familie. Nur was Familienbefitz und -tradition wird, hat Aussicht auf Bestand; was außerhalb der Familie bleibt, verschwindet, wie es gekommen. Und die Familie wird naturgemäß beherrscht und geführt von dem Geiste der Frau. Gegen ihren Willen, oder selbst nur bei Gleichgiltigkeit von ihrer Seite kann in der Familie nichts Wurzel fassen. Als die Männer Israels am Schilfmeere dem Gotte Moses in Anerkennung und Verehrung zum erstenmal sich unterwarfen, war für Moses die wichtigste Frage, wie sich die Frauen zu dieser Gottheit stellen werden. Wenn willig, dann hat die neue Gottesidee in Israel Zukunft, sie zieht ein in die Familien und gewinnt damit Dauer; wenn j nicht, dann kann sie in Israel keinen Boden gewinnen. „Da nahm Mirjam die Prophetin, Aarons Schwester, die Pauke zur Hand, und alle Weiber zogen hinter ihr drein mit Pauken und in Reigen. Und Mirjam sang üb er einstimin e n d d e it Männer n z u : „I a, singet nur Jahve ei n Li ed , denn wahrlich h o ch erh ab en i st er." (Ex. 15. 20 s.) Das war Mirjams unsterbliche Großtat, die sie würdig gemacht hat, von der dankbaren Nachwelt „die Prophetin" genannt zu werden. Durch ihre Tat erhielt die Gottesidee Mosis Einzug in die Familien Israels und gewann damit die erste unentbehrliche Grundlage ihrer großen Zukunft. So muß auch im heutigen Israel die Religion den verlorenen Anschluß an die Familie wiedergewinnen, einen anderen Weg zum Judentum zurück kenne ich nicht. Gelingt es uns, die jüdische Frau wieder zu einer guten Jüdin zu machen, dann wird das Judentum abermals ein Gut der Familie, ein unveräußerlicher Besitz unserer. Gesamtheit, damit der Erhalter der Minderheit Israel. v

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