Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- Seite 156 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229015-3229029--68324-3280577- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
156 unter Todesqualen,: in Martern, Ketten, Hunger, unter Peitschenhieben und Sklavenarbeiten. Die, besten und höchsten Männer der polnischen Aristokratie wurden der Prügelstrase in der grausamsten Weise unterworfen, von der selbst Frauen, auch junge Mädchen, die nichts taten als mitrusen und mitsingen, nicht verschont blieben.. Paszkiewiecz, spätere Fürst von Warschau, setzte alle seine Schergen, seine Henkersknechte, seine Gendarmen und Kosaken in ununterbrochene Bewegung, um den Brand bis aus das letzte Flämmchen zu löschen und die Brandstifter bis aus den letzten Mann zu vernichten. Das sah ich mit Schaudern und schaudere, wenn ich an all die Greuel denke, die ich sah. Und weil ich es mitgesehen, mitgesühlt und mitgelitten, rufe ich dir jetzt, warnend zu: dem Löwen entwindet man ungestraft seine Beute nicht! Seine Befreiung zu erobern, sie fast kampflos zu gewinnen, war für Polen die Gelegenheit günstig, als die französisch-englischen Flottendie Krim bombardierten, und Rußlands Macht mit dem Malakowturm zusammenbrach. Damals, jawohl, hätte der kleine David seine Schleuder nach dem Goliath werfen sollen. Die Macht Rußlands war erschüttert, der Zar Nikolaus gebrochen, sein Prestige verdunkelt — aber jetzt!" — Es trat eine längere Pause ein. Vater und Sohn sannen nach. Karl begann dann etwas zaghaft: „Mit kühler, berechnender Vernunft, lieber Vater, ist niemals eine Revolution in Szene gesetzt worden. Große Umwälzungen müssen wie gewaltige Eruptionen kommen und vielen Schaden anrichten. Zu einem Kampfe gegen einen überlegenen Gegner, zu einem tollkühnen Angriff Davids aus Goliath bedarf es eines gewissen Grades von Trunkenheit, einer blinden Leidenschaftlichkeit, eines unbedachten Sturzes in den bodenlosen Abgrund. Der Patriotismus ist bloß Gefühlssache, eine Idee, und viele werden sich sagen, schade dafür fein Blut zu vergießen, seine Glieder zu riskieren. Es ist aber ein Glück für die Menschheit, daß die Jugend weniger haushälterisch als das Alter ist und ihre Knochen im Kampfe um Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit zur Wahlstatt trägt. Sonst würden wir für ewig in der schimpflichsten Knechtschaft verfaulen. Sie finden auch in unserm Landsturm fast ausschließlich nur junge Leute, bereit mit ihrem Blute die Erde für die künftige Freiheit zu düngen. Die Alten begleiten sie mit ihrem Rat, ihren Wünschen und Gebeten." „Der Einsatz ist groß," erwiderte der Vater, „und wenn die Polen ihn wiegen, so entspricht ihm der erwartete Gewinn: der Besitz des wiedererlangten Vaterlandes, der Freiheit, der Sprache, der Gesetze, kurz der idealen Güter der Menschheit — was aber steht uns bevor? Glaubt es mir, wir bleiben die Bewohner des Ghettos, dessen Mauern man frisch übertünchen wird, wir bleiben außerhalb. der Gesellschaft, ihrer kulturellen und Humanitären Einrichtungen, wir bleiben die Fremden, die Parias; aufdringlich, wenn sie sich nähern und anmaßend, wenn sie ihren Anteil fordern." „Du siehst schwarz. Dein Auge kann nicht ins Licht blicken. Die Ungerechtigkeit und Engherzigkeit der Russen stehen von den Polen nicht zu befürchten. Wenn dies Volk, das so viel gelitten, die Freiheit erobern wird, werden wir daran partizipieren und eine Stellung im Staate und in der Gesellschaft einnehmen, wie sie die modernen Menschenrechte fordern. Die künstlich aufgerichteten und ängstlich gehüteten Schranken der Klassen und Stände werden so sicher fallen wie die russische Tyrannei. Es wird ein Volk von Brüdern geben, von der Weichsel bis zum Dnjepr, und das wird Polen heißen! Wir werden unfern Platz am Familientisch —" In diesem Augenblick ging die Tür auf, und Hermine trat kreidebleich und verstört in das Zimmer ihres Vaters, gefolgt von einem Herrn in der glänzenden Uniform der Flügeladjutanten. ' lFonsttzunq iolßi.) Mersrllche MttellünZem — Gabriel Riessers Leben und Wirken von Jos. Feiner. Leipzig, Verlag von Gustav Engel, 1911. Die dritte Auflage eines jüdische Dinge behandelnden Buches ist ein so seltenes Ereignis, daß es schon.deshalb. Erwähnung verdient. In unserem Falle ist die Hervorhebung aus doppelten Gründen gerechtfertigt: der Gegenstand ist würdig und die Behandlungsart ist ansprechend. Der Verfasser wendet sich oft in Redeform an seine Leser; das ist ein wirksames Mittel, wenn es geschickt angewendet wird. Der Verfasser zitiert viel aus Riessers Schriften: Auch dies ist durchaus zu billigen, weil diese Arbeiten immer noch nicht genügend gelesenwerden. Er ist endlich von warmer Begeisterung für seinen Helden erfüllt, und dieser Held verdient, daß man mit Begeisterung über ihn spricht. L. G. Bioaraphisches Handbuch der in der Königlichen und Kaiserlichen österreichischen und ungarischen Armee und Kriegs-Marine aktiv gedienten Offiziere, Aerzte. Truppen-, Nechnungsfühier und sonstigen Militärbeamten jüdischen Stammes von Moritz Frühling. Wien 1911 im Selbstverläge des Herausgebers 2 Taborstraße 20. Preis 3 Kronen. Gerade für uns Reichsdeutsche, die wir in der letzten Zeit so lebhaft gegen die Zurücksetzung im Heere kämpfen, kommt diese schlichte Zusammenstellung, eine Art biographisches Handbuch, zur allerpassendsten Stunde. Unter den Offizieren des Soldatenstandes werden ein jüdischer Feldmarschalleutnant Eduard Ritter von Schweitzer, der noch jetzt in Budapest lebt, und fünf Generalmajore, von denen vier noch am Leben sind, erwähnt und ausführlich behandelt. Viel zahlreicher sind natürlich die Obersten, Oberstleutnants,Majore, Hauptleute und Rittmeister, Oberleutnants und Leutnants, die viele, viele Seiten einnehmen, obgleich ihre Biographien, im Gegensatz zu denen der höheren Würdenträger, so kurz gefaßt sind, daß meistsechs zusammen auf einer Seite behandelt werden. So hohe Chargen wie unter den Oifizieren des Soldatenstandes sind in der Admiralität von Juden nicht eingenommen, mit Ausnahme eines Konteradmirals Tobias, Freiherr von Oesterreicher, der 1893 in Wien starb. Aber zwei Inden haben es zu der Stellung eines Linienschiffskapitäns gebracht. Der einzige Fregatteuleutnant jüdischer Abstammung trat schon 1882 als Fähnrich aus dem jüdischen Religionsverbande aus. Die Liste aller dieser Militärbeamten, unter denen, die der Aerzte nicht weniger als acht Generalstabsärzte und eine große Anzahl von Oberstabsärzten I. Klasse nebst vielen anderen Mediziuangestellten niederer Grade umfassen, ist eine außerordentlich große. Mit einem Gefühl großer Beschämung müssen wir diese Zustände in Oesterreich registrieren und auf das Lebhaftestebedauern, daß es unseren Glaubensgenossen in Deutschland nicht gegönnt ist. ihre Tätigkeit auf diesem Gebiete zu entfalten, auf dem sie in Oesterreich Bedeutendes geleistet haben. Das Werk, ein Vorläufer der großen Arbeit desselben Verfassers: „Oesterreich-Ungarns Juden in Heer und Marine", das noch in diesem Jahre erscheinen soll, darf auf allgemeine Teilnahme und weite Verbreitung, unter den deutschen Juden rechnen. L. G. Süchereinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Caspar-Lachmcmnsches Provinzial - Waisenhaus zu Graudenz. Neunter Rechenschaftsbericht über die Verwaltung des Casper-Lachmannschen Provinzial-Waisenhauses zu Graudenz für 1911. Sitz der Verwaltung in Danzig. Danzig 1912. The Jewish Quarterly Review. New series. Edited by Cyrus Adler and S. Schechter. Vol. II. Nr. 3, January 1912.