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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-03-29 · Heft 13 (29.3.1912) · p. Seite 155

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 13 (29.3.1912)
Date
1912-03-29
Page
Seite 155 (sequence 11)
Language
German
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Israeliten. Luigi Luzzatti, im Kabinett Rudini und Giolitti Schatzminister, später sogar Ministerpräsident, ein Finanzgenie ersten Ranges, ward 1841 in Venedig geboren. Leschono haboo bijruscholojirn. 'Vtn nächsten Jahre im gelobten Land!" Was kann das alte Wort uns heut noch bietend Es ist der Glaube,' der uns nie entschwand, Wenn jedes andern Trostes wir entrieten. Und ist die Zeit noch immer nicht erfüllt, Wir halten fest am Glauben doch, -am frommen. Wir wissen doch: Das Sehnen wird gestillt Und jenes Reich der Freiheit, es wird 'kommen! Und ist's im nächsten Jahre wieder nichts, Wir werden unser Sprüchlein wieder sagen: Nur unser Glaube an den Tag des Lichts Gibt uns die Kraft, Aegypten zu ertragen. Michael. heimatlos. Aus der letzten polnischen Revolution. Von Leo Herzberg-Fränkel. IV. /TX estehe, daß diesem jüdischen Patrioten, der offen und unerschrocken für die Sache der Polen eintritt, und uns allen keine größere Huldigung dargebracht werden konnte, daß keine Zusage heiliger sein kann, daß-es gerechtfertigt und eine gebieterische Pflicht der jüdischen Jugend Polens sei, jetzt die Pflichten und Gefahren zu teilen wie später die Rechte und die Freiheit, deren Morgenröte bereits am Himmel sichtbar ist." Vater Holdheim betrachtete rwch immer die Kette, schüttelte wiederholt das greise Haupt und sagte: „Die Sache ist allerdings berückend, aber — sie gefällt mir nicht." „Wieso?" frug Karl betreten. „Es ergreift zuweilen, wie den einzelnen Menschen, der Taumel ein ganzes Volk, er geht aber rasch vorüber. Der Trunkenheit folgt die Ernüchterung wie dem Tag die Nacht. Die Lichtbilder schwinden. Lies Geschichte. Ich habe dies erlebt und erlitten. Schon vor dreißig Jahren, du warst damals noch-nicht geboren, stieg der Geist der Freiheit dem tapfern polnischen Volke zu Kopse; eine allgemeine Trunkenheit ergriff es, es wollte die alte Souveränität, die ehemalige unabhängige Stellung eines Volkes unter den Völkern zurückerobern und das allerdings schwere "moskowitische Joch abschütteln. Der allgemeine Elan ergriff auch mich. Ich war noch jung; warmes Blut flutete in meinen Adern, und der Freiheitstrieb beherrschte mein Denken und Fühlen. Ich stand an der Wiege,, bald daraus aber auch an dem Grabe der großen Revolution, die Zar Nikolaus mit seinem Fürsten Päszkiewicz wie eine. Eierschale zerdrückte. Ich sah die Fackel, die Fahne, , das Schwert, das Kreuz schwingen, ich hörte Hymnen singen und die hellen Glocken zum Tedeum erklingen — ein kurzer Rausch — ein Aufleuchten und jähes Erlöschen. Der Freude folgte das Weh,: dem Siege die Niederlage, dem J.ubelruse das Wehgeheül, das Kettengerassel, das Gekrache des eingestürzten Baues. Die Russen rächten sich barbarisch, die' Polen unterlagen heldenmütig. Wir Juden kamen damals halbwegs günstig weg. Da die Polen zumeist unsere Mitwirkung ablehnten und bloß unsere Beiträge annahmen, waren später die von der Negierung ergriffenen Repressalien minder hart. Allerdings trugen viele -.von uns Ketten, schmachteten im Kerker, wanderten nach Sibirien, bluteten unter der Knute und verloren ihr Eigentum, aber im allgemeinen und im Hinblick auf das, was die besiegten Polen erlitten, war es nicht so sehr arg. Die Prügelknaben zu sein, ist ja unsere Mission im politischen Leben. Hätten die Polen reüssiert, so wäre -für uns kaum eine Krume ihrer Freiheit abgefallen, ihre Niederlage aber hat uns-doch namhafte Opfer an Leben und Eigentum gekostet." „Seit damals aber sind drei Dezennien vergangen, Vater!" „Drei Dezennien! Viel im Leben eines Menschen, aber . wenig im Leben eines Volkes — Menschen können sich schnell ändern, andere Anschauungen gewinnen, andere Gesinnungen aufnehmen, Völker brauchen eine sehr lange Zeit dazu. Das Vorurteil, das 1830 gegen uns bestand, besteht auch noch heute, beherrscht Volk und Führer, und der Patriotismus beginnt beim Katholizismus, ,,^'est pas Polonais qui n'est pas catholique" schrieb Iwan Czinski in seinem Buche „Lettres sur les Israelites de Pologne". „Und doch bist du — verzeihe Vater — der einzige vielleicht einer der sehr wenigen, der so nüchtern denkt und so vorsichtig einer Bewegung gegenübersteht, die elementar geworden und bald wie ein Erdbeben das Land erschüttern wird. Ein Teil der jüdischen Bevölkerung des Königreiches hat sich bereits den Sturmkolonnen angeschlossen, der andere Teil wartet noch auf die Entschließungen jener altkonservativen Partei, die zu dir als ihrem Führer emporblickt und aus die von dir auszugehende Losung horcht. Hast du deine Gläubigen freigegeben, und sie stürzen sich vereint mit den anderen auf die Tyrannen, dann ist der Sieg um so sicherer, das Land gesäubert, und wir werden in die große Familie ausgenommen werden, welche die Herrschaft im eroberten Vaterlande führen wird. Vor dreißig Jahren! Ja, da mag es anders gewesen sein, da lagen noch schwere Schatten auf den Massen, und ihre Lenker waren befangen, aber jetzt! Wie hoch ist die Sonne feit damals am Firmament gestiegen? Die Männer, welche in Paris und Warschau an der Spitze der Bewegung stehen, der hohe Herr aus dem alten polnischen Fürstenhause, der berufen ist, demnächst den polnischen Thron zu besteigen, werden an uns nicht wortbrüchig werden, wenn sie uns die Gleichstellung und Gleichberechtigung versprechen. Die Polen sind ein ritterliches Volk, welches jeder Unterdrückung abhold —" Abermals glitt ein ironisches Lächeln über die fein geschnittenen Lippen des ehrwürdigen alten Mannes. . - „Das Ei will klüger sein als die Henne", sagte er bitter, „du bist ein junger Mann, dein Blut rollt noch ungestüm, dein Kopf wirbelt, deine Phantasie trägt dich fort. Dein Verstand ist dein' Gefühl. Aus meinem Haupte haben fast siebzig Winter ihren Schnee abgelagert. Mein Gedächtnis besitzt ein ganzes Archiv von Erfahrungen. Heißköpse, Sanguiniker wie du hoffen von der Revolution, die da im Anzuge ist, das Beste. Ich sag dir mit Mirabeau: Die Revolution ist wie Saturn, sie frißt ihre eigenen Kinder. Die Bewegung, deren Zeuge ich vor dreißig Jahren war, war intensiver als jene sein wird, deren Flügelschlag man bereits spürt. Polen stellte damals all seine Kräfte ins Feld: den Adel, den Bauern, den Geistlichen, den Studenten, von Juden alle, die hofften und an ein neues Vaterland glaubten - - der Zwinger des russischen Absolutismus, die Bastille von Warschau fiel, er begrub aber die stürmenden Helden. Die ihren Tod unter den Trümmern fanden, waren zu beneiden. Jammervoll war das Los jener, die ihm entrannen und' die Niederlage überlebten. War das ein Leben! Ein Dasein

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