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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-03-29 · Heft 13 (29.3.1912) · p. Seite 154

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 13 (29.3.1912)
Date
1912-03-29
Page
Seite 154 (sequence 10)
Language
German
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Hunderte später wurden sie in den Ghetto gesperrt, nachdem sie dem Staat, der ihnen Gastfreundschaft gewährte, durchaus Ehre gemacht hatten. Ob das Wort talmudischer Herkunft ist — Ghet: Absonderung — ob, was einleuchtender, italienischer — Borgo: Borghetto — ob noch anderen Versionen entsprechend, ist mit absoluter Sicherheit nicht festgestellt. Die Sache bleibt dieselbe, es deckt sich damit der Begriff eines engen, schmutzigen, übervölkerten Judenviertels. Längst sind in Italien wie überall im kultivierten Europa diese erzwungenen Wohnstätten ausgehoben. Am 11. Juni 1799 sielen in Venedig die Ghettoschranken, und das Gebiet wurde in Contrada dell^ Unione umgetauft. Die Hebräer genießen seitdem die selbstverständliche Freiheit jedes unbescholtenen Bürgers, überall dort ihren Geschäften nachzugehen, wo es ihnen irgend beliebt. Und doch hat in Venedig und in Rom die arme Judenschaft eine traurige Vorliebe für das einstige Quartier beibehalten. — In der Libreria vecchia, der heutigen königlichen Bibliothek, — dem Fremden wie dem Einheimischen wird die Benutzung gern gestattet — findet man manches Geschichtswerk mit interessanten Daten zur Entwickelung Venedigs. Vor allem ist hierzu erwähnen: „Venetia, Citta Nobilissima e Singolare. Descritto in XIII Libri da M. Francesco Sansovino. Con Privilegio. In Venetia. Apresso Jacomo Sansovino. MDLXXXI. Hierin ist die folgende Beschreibung des Judenzwingers enthalten: „Im Jahre 1423 wurde den Juden verboten, irgendein Haus in der Stadt zu besitzen. — Es scheint, daß man sie im Jahre 1416 in ein verschlossenes Gebiet gesperrt, damit sie sich nicht mit den Christen vermischen konnten, und damit man sie erkennen konnte, wurde ängeordnet, daß sie die gelbe Mütze trügen, und unter den strengsten Strafen dursten sie nach Ave Maria den ihnen überwiesenen Wohnplatz nicht mehr verlassen. Sie mußten sich auf dem Jnselchen San Hieronimo niederlassen, in einem Ort, Ghetto genannt, in welchen man durch zwei Tore gelangte. In der Mitte ist ein Platz, ringsherum stehen die Häuser, und des Abends schließen die Hüter die Türen mit Schlüsseln zu, In der Mitte des Platzes befindet sich eine Herberge unter der Aufsicht eines vom Publikum bezahlten Bürgers, der beauftragt ist, zu untersuchen, ob die Pfandscheine in Ordnung sind oder nicht, ob gewuchert wird und die Kapitalien ausgezahlt werden, damit arme Leute und die Frauen nicht unter Betrügereien der Ausleiher zu leiden haben. Diese haben blühende Geschäfte und sind sehr reich und leben lieber in Venedig als in irgendeiner anderen Stadt Italiens. Denn sie leiden nicht unter Gewalttätigkeiten und Tyrannei wie an'anderen Orten, sondern sie leben in ruhiger Sicherheit bei der Ausübung ihrer Geschäfte und genießen Gerechtigkeit gegen jedermann. In einem derartig außergewöhnlichen Frieden erfreuen sie sich dieses Vaterlandes wie des gelobten Landes selbst." Es war sehr weise von der Republik, solch ein Heimatsgefühl zu erwecken, und es war menschlich, daß nach folgendem Satz gerichtet wurde: „Im Falle irgend welcher Vergehen sollten die Schuldigen bestraft werden, die Unschuldigen aber sollten in ihrer gewohnten Sicherheit und Freiheit verbleiben." Noch heute liegen am' Cannaregio der Ghetto Vecchio und der Ghetto nuovo, und hier befinden sich die 5 kleinen Schulen der Israeliten. Der Tempio Jsraelitico spagnuolo, schon 1655 von Longhena erbaut, zerfällt in zwei Abteilungen, in den Portoghese und den Levantino, haben doch die Verfolgungen unter Ferdinand und Jsabella und Philipp II. fast alle Juden von der iberischen Halbinsel vertrieben. Außerdem gibt es zwei deutsche Und eine italienische Scuola. Von außen sind die Häuser, die Jehova geweiht wurden, höchst unscheinbar, an den Tempel Salomos erinnern sie kaum. Indessen die Gebetsäle, zu denen man über enge Stiegen gelangt, sind nicht nur merkwürdig, sondern auch malerisch und nicht ohne Kunstgesühl geschaffen. In der Scuola Portoghese bewunderte ich einen schönen alten Kronleuchter — metallo di Corinto—wie der Kustode stolz erläuterte. Die vielen brennenden Ampeln zum Angedenken Verstorbener, eine ewig brennende Lampeam Altar rief die phantastischen Formen der katholischen Kirche wach. Holländische Familien, Gomez de Silva, Aboaf de Flündes, haben Prämien gestiftet, welche brave Jungen, nachdem der Pentateuch in Prozession durch den Tempelraum getragen ward, mit guten Ermahnungen erhalten. In einem anderen Saal wirkt die gefelderte Decke aus Holz, ein wundervoller Chor mit gewundenen Holzfäulen, in der Form jenen des Berninischen Tabernakels, in S. Pietro vergleichbar, fast zu schön und schwer für den kleinen und gedrückten Raum. Der Hauptwohltäter für die Juden von heute in Venedig war Sir Moses Montefiore. Er hat eine Schule, einen Kindergarten gegründet, ihn feierteman dankbar an seinem 100. Geburtstag, wovon eine Tafel viel Schönes zu melden weiß. Bei der oben angeführten nicht schmeichelhaften Beschreibung des Sansovino muß man in Erwägung ziehen, daß trotz aller menschenfreundlichen Behandlung den Juden die meisten Berusszweige gesperrt blieben. Kunst und Handwerk zu treiben war ihnen nicht gestattet, das sinkende Venedig gab den Befehl, daß Juden einzig und allein auf Geldhandel Und Wechslergeschäfte zu beschränken feien. Und doch brauchte man ihrer nicht nur als Aerzte — dieser Beruf war ihnen freigegeben — sondern zu wiederholten Malen als diplomatische Unterhändler. Jsaak-ben-Jehuda Abravanel, ein gelehrter portugiesischer Jude, der in hoher Gunst bei Königen und Fürsten — Emanuel von Portugal, Alsonso von Calabrien — gestanden, der zugunsten seiner Religion auf Auszeichnungen verzichtet hatte, war ■ dazu auserlesen, einige Differenzen zwischen der Republik und dem König von Portugal, dessen Vertrauen er sich zu erhalten gewußt, zu schlichten. Auch der berühmte Gelehrte Eliahdel Medigo, der wie Abraham Geiger berichtet und Burckhardt wiedergibt, in Padua und Florenz öffentlich lehrte, wurde vom venezianischen Senat in einem philosophischen Streit zum Schiedsrichter gewählt. Im XVI. Jahrhundert blühten in Venedig jüdische Druckereien. Die ausgesucht schönen Bücherausgaben genossen den Ruf äußerster Sauberkeit und Korrektheit/ Von den vielen jüdischen Aerzten der Stadt, die von jedem Erkennungszeichen dispensiert blieben — zeitweise, mußten die Juden ein großes O, das mit einem gelben Strick'am Halse befestigt war, auf der Brust tragen —, die überall freien Zutritt hatten, da man gerade ihnen in einer Epoche der größten Unsicherheit das allgemeine Vertrauen schenkte, erwähne ich nur Jakob Mantino, den späteren Archiater Pauls III. Verlegt nun Shakespeare den Schauplatz der Tragödie eines grotesken Juden nach Venedig, so entspricht dies bekanntlich nicht seinen Erfahrungen oder mündlichen Überlieferungen, sondern der Herkunft des/Stoffes, den er der unterhaltsamen Novellensammlung des Pecorone (gedruckt 1554) oder doch einer früheren Verwertung dieser Quelle entnommen hat. Dem Ser Giovanni Fiorentino, wie man den Verfasser des Pecorone gewöhnlich nennt, kam es nur darauf an, phantastische Abenteuör zu erzählen. Und auch er schildert den lokalen Boden wahrheitsgetreu: „Darauf entstand große Unruhe, und jedermann gab dem Juden unrecht. Aber da Venedig als der Boden des Rechts betrachtet wurde, da der Jude seine vollen Rechte in öffentlicher Form genoß, so wagte niemand, sich ihm entgegenzustellen, es blieb nur übrig, ihn zu bitten." Venedig besitzt heute jüdische Kaufleute, welche hohe Ehrenämter bekleiden. So die Fratelli Treves dei Buonfigli, deren Ahnherr, Jsaac, einst die halbe Weltkugel umsegelte, um Getreide gegen Zucker und Kaffee zu tauschen. Nicht nur auf den Handel beschränken sich die Leistungen der dort geborenen

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