Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- Seite 153 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Sprecher, der seinen Stoff mit höchster- Anmut meisterte, wahrlich, von ihm konnte man wie von keinem - zweiten sagen, daß bei ihm „die Grazie um die Rednerlippe spielt". Ich sehe noch die Menge der Zuhörer vor mir, die seine Kunst zu andächtigen Kindern gewandelt hatte, als er den atemlos Lauschenden die wunderschöne Legende erzählte von der Hand, die aus den Wolken griff, um den goldenen Schlüssel des zerstörten Tempels zu sich emporzuheben. Nach Schluß des Vortrages, umringt von dem Jubel des begeisterten Publikums, fand er mich heraus unter der Menge, die sich drängte, voll Dank seine Hände zu drücken. „Schicken Sie mir recht bald eine hübsche Arbeit!" rief-er mir freundlich zu. Ich habe ihn nie mehr-wiedergesehen. Aus seine liebenswürdige Ermunterung hin beteiligte ich mich an einem Preisausschreiben des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur, das unter seiner Leitung im Sommer 1909 erledigt werden sollte. Er hat das Preisrichteramt nicht -mehr ausüben können. Der große Richter hatte ihn zu sich berufen, wo Gustav Karpeles sicher ewigen Lohn gefunden hat als tapferer Kämpe des Judentums nach einem arbeitsreichen, Segen stiftenden Leben. Vielleicht wird dieser große und gute Mensch nicht sein Prunkendes Standbild bei denen finden, die ein künftiger Beurteiler unserer Zeit den „Unsterblichen" errichten wird, aber daß er zu den „Unersetzlichen" gehört, wird jeder voll Schmerz und ehrlicher Trauer bezeugen, dem Rat und Zuspruch dieses feinen und klugen Geistes eine Strecke steinigen Lebensweges geglättet und gefördert haben. Die Juden von Venedig. Vvn l o v ß o v e t e IWl n r n i s c. s gibt nur eine schöne, stille Stadt auf diesem Erdenrund, und diese nennt sich. Venedig. Weiche Wasser hegen sie. ein, ferne blaue Berge schützen sie. Wer ihr Willkommen sagen will, schwimmt lautlos daher, im schmalen Schiffchen, dessen Kiel der Flut nicht weh tut. Diese Flut hat ihre Farben nicht dem lachenden Himmel Italiens entlehnt, sie mischt sich den schwermütigen Opalglanz, das dunkle Lila aus eigener verborgener Kraft. Ihr fehlt der Uebermut, leise und geheimnisvoll erbebt sie, zumal, wenn sich das große Schweigen der Nacht über all die Jnselchen gebreitet. In solch einem Milieu mußte sich das Volk der Juden, der eingewanderten, ein trostreich Dasein zimmern, mußte das Volk der Veneter, der angesessenen, das vor der Häßlichkeit der Welt da draußen zurückschreckte, damals wie heute, den nimmermüden Kämpfern ohne Feindseligkeit begegnen. „Quand rinquisition ecclesiastique s’etend sur taute l’Italie,“ sagt Taine — „le Senat venitien-totere chez Iui des protestants, des armeniens, des mahometans, des juifs, des grecs, leur laisse leurs temples, permet que les heretiques soient enterres dans les eglises.“ Aus eine Grabstätte in christlichen Kirchen haben es die Juden niemals abgesehen. Schon die zahlreichen Hebräer Roms besaßen ihre unterirdischen Kirchhöfe an der appischen Straße, dicht bei den christlichen Katakomben. Die verschiedenen Gemeinden Roms im ersten Jahrhundert nach Christo Pflegten Begräbnisplätze, von denen fünf bekannt sind. Obgleich Kosmopoliten par excellence, legten sie stets Wert darauf, den Schlaf,, aus dem es ein Ausrütteln, nicht gibt, an eigener Stelle zu begehen. In Padua erlaubte man im Jahre 1384 der starken und vermögenden jüdischen Gemeinde die Anlage eines Friedhofes mit der Motivierung: „Trotzdem die Juden der christlichen Gemeinde nicht angehören und deren Lehren nicht anerkennen, sind sie doch Menschen wie wir." In Venedig betteten die Juden ihre Toten auf dem Lido. Nicht dort, wo im immer mehr ausblühenden Badeort nur eine Gottheit, die siegende Mode, waltet, wo Leute, die das Leben anbeten, sich in der Sonne bräunen und berauschen, sondern in einem stillen Winkel, den der Kirchturm von St. Nicolo beherrscht. Hier sprießt aus den welligen Dünen stachlig grünes Gras, dem Fuß Neugieriger, die ein wenig vom schmalen Pfade abweichen, wird es oft ein Hindernis. Auch die Mauern, die den guten Ort einhegen, sind unfreundlich, nur die Zypressen ragen darüber hinaus, diese schwarzen Schildwachen im Reiche Seiner Majestät des Todes. Es gibt auf dem Lido zwei jüdische Friedhöfe, einen alten und einen neuen. Natürlich erregt der alte das größere Interesse. „Antico Cimitero Israelitico dall’, anno 1839" sieht über der Pforte. Der Raum ist nicht groß und gänzlich verödet, aber in der Dämmerstunde, da ich mir den Eintritt erzwungen, lag etwas Sänftlich-Beschwichtigendes über den uralten Steinen. Hier und da leuchten große, strahlendrote Blumen aus dem wilden Gras, sie führten ein eigenwillig Leben, denn niemand pflegte ihrer Schönheit. Die Grabsteine, deren Inschriften wie auf fast allen jüdischen Friedhöfen Italiens in griechischer Sprache verfaßt sind, zeichneten sich durch symbolische Skulpturen aus. Die sich häufig wiederholende Figur einer Art von Pulcinella, beladen mit dem Weinstock, wußte ich mir nicht zu deuten. Viele Steine hatten richtige Wappen mit dem ritterlichen Visier. Ein Stein mit vier Babygestalten in den Ecken aus dem Jahre 1705 soll aus dem Grabe einer Frau mit ihren Kindern, zwei Knaben und zwei Mädchen, lagern. So wenigstens erklärte der Kustode, dessen Gehirn nicht sonderlich mit historischer Wissenschaft beschwert schien. Der neue Friedhof ist ein großes Gebiet mit Gräbern jeder Art, schön dekorierte Stätten wechseln mit gänzlich verwahrlosten: „Forgotten stones, wept by no mourner but the moaning wave!“ Jegliche figürliche Darstellung fehlt, ein Beweis der strengeren Befolgung mosaischer Gesetze im aufgeklärten Zeitalter. Im römischen Cimeterium findet man Fragmente ornamentaler Malerei, außer dem siebenarmigen Leuchter auch Tiergestalten, ja sogar mythologische Anklänge. — Neben den vielen Fremden, die in Venedig dem Leben entgegenzugehen hofften und doch dem grausamen Leiden erlagen, ruhen hier die armen wie die angesehenen Familien der einheimischen jüdischen Gemeinde. Der hohe Rang so manches tüchtigen Mannes ist in Stein verewigt. Jsaac Pesaro Maurogordato war Membro del governo di Venezia 1848, kein einzelner Fall. Während des provisorischen Regiments, da Venedig sich unter der Diktatur Daniele Manins zur Republik erklärt hatte, war Maurogordato Finanzminister gewesen. Schon vorher waren drei Juden in die Kommunalverwaltung gewählt worden. Das erste Dokument, das die Hebräer in Venedig erwähnt, ist ein Dekret des Senats vom Jahre 945, in welchem den nach dem Orient segelnden Kapitänen verboten wird, Juden oder andere Kausleute dort einzuschisfen. Nach der Eroberung von Konstantinopel ließen sich jüdische Familien dauernd im Schutze des Maggior Consiglio nieder, und zwar zuerst aus der Insel, die man damals „Spinälonga" nannte, ein Name, der' erst nach dieser Einwanderung in das heute geltende „Giudecca" umgewandelt wurde. Auch deutsche Verfolgte flüchteten in der Zeit der Kreuzzüge nach Venedig. Es war vielleicht Handelsinteresse der Republik, daß man den Levantinern, zu denen auch die Juden von Korfu gezählt wurden, dieselben Konzessionen, dieselben kaufmännischen. Garantien, dieselben Verpflichtungen und den gleichen bürgerlichen Schutz zugestand wie all den anderen, welche den Weltmarkt zwischen Orient und Okzident so erfolgreich vermittelten. Erst Jahr-