Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- Seite 152 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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-- 152 Das war in Berlin. Ich hatte ihn in der Jerusalemer Straße in der Redaktion des „Tageblatts" ausgesucht, man bedeutete mir dort, daß er in der Winterseldtstraße wohne, und ich, vollständig unbekannt in diesem gräßlichen Babel an der Spree, war den Weg zu Fuß gegangen. Das Merkwürdige war, daß mich Karpeles wiedereckannte. Und wie freute er sich mit mir! Ich kam ja aus Breslau, wo er seine Jugendjahre verlebt hatte. Als ich mit Rücksicht aus seine Zeit nach zehn Minuten aufbrechen wollte, erlaubte er es nicht. „Bleiben Sie,. bleiben Sie," bat er immer wieder, „ich höre das „Breslaueir Quatschen" so gern!" Und dann mußte ich ihm berichten, löas sich in der Breslauer Kille zugetragen habe. So erzählte ich denn kunterbunt, unter anderem einen Fall, der damals die Gemüter erhitzte: Ein junger Mann aus einer der wohlhabendsten jüdischen Familien hatte sich taufen lassen. Bald darauf war er gestorben. Seine unglückliche Mutter wünschte ihn aus dem jüdischen Friedhof beigesetzt zu sehen, und sie bot der Gemeinde für die Grab- - stelle dreißigtausend Taler und verpflichtete sich außerdem, einen vollständig neu ausgerüsteten Leichenwagen zu stiften. Der Synagogenvorstand schlug ihr Begehren rundweg ab. „Ach, welche Torheit!" sagte Karpeles bedauernd. „Nanu," ries ich empört, denn ich konnte in solchen Dingen leicht päpstlicher wie der Papst werden, „das wäre ja noch schöner!. Erst werden sie gehen sich taufen lassen, und dann werden sie alle wollen bei uns begraben liegen. Recht hat der Vorstand entschieden." „Das verstehen Sie nicht, liebes Kind," entgegnete Karpeles sanft. „Stellen Sie sich einmal vor, wie viel Gutes man mit dreißigtausend Talern hätte stiften können!" „Glaube darf niemals für Geld feil, werden," beharrte ich. „Gewiß nicht," antwortete er, „aber wen hat man da gestraft, den abtrünnigen Toten oder seine jüdische Mutter?" Im Laufe dieses Gesprächs erfuhr ich, daß ihn selbst schweres Leid drückte: er hatte sein einziges Kind, ein Töchterchen, verloren. Als ich. voller Teilnahme an diesem großen Unglück ihm sehr gut gemeinte und wahrscheinlich herzlich ungeschickte Trostworte sagte — wer vermöchte auch einen Vater über ein vom Tode entrissenes Kind zu trösten? —, da sah mich Karpeles' aus seinen immer ein wenig verschleierten Augen halb wehmütig, halb spöttisch an — mit jenem herzzerreißenden Blick, den alle die Armen haben, denen eine schöne Lebenshoffnung für immer zerstört wurde, wenn eine mitfühlende Seele sie aufrichten will. Ach, dieser Blick, der nur allzu deutlich fragt: „Was kannst du armer Teufel geben?" Er wechselte schnell das Thema, ja, mit der Elastizität seines Temperaments wurde er wieder heiter. Er neckte mich sogar mit meinem ersten Debüt als Novellistin und fragte scherzend: „Was haben Sie sich denn für Ihr erstes Honorar gekauft? Eine Puppe, oder Zuckerkringel?" Da bekannte ich denn wahrheitsgemäß, daß ich dieses Honorar bis zum heutigen Tage nicht erhalten hatte. Das tat ihm sehr leid. Er wurde ganz aufgeregt über diesen merkwürdigen Fall: „Aber warum haben Sie es sich denn nicht eingefordert? Jede Arbeit ist ihres Lohnes wert. Da muß man eben die Leute mahnen!" Lieber Gott! Solch grünes Ding hätte eine große Zeitung mahnen sollen! Das ist eine Kunst, das Mahnen, die man sich erst in reiferen Jahren aneignet. Karpeles war einer der freundlichsten und hilfsbereitesten Menschen, die jemals mit dem Feuer ihres Herzens unsere so gefühlskalte Welt erwärmt haben. Helfen war sein Sport — andere fördern seine Liebhaberei. Und er konnte es, er war ein einflußreicher Mann, eine Zeile von ihm brachte oftmehr Segen wie die Protektion manches Ministers. Was ich denn in Berlin wollte, fragte er mit verschmitztem Lächelm Das war schnell erzählt: „Einen Freier für meine vier Töchter." Weniger bildlich ausgedrückt: einen Verleger für meine Novellen suchte ich. Er lachte. „Patenschaft verpflichtet. Und da ich Ihnen schon einmal in die Literatur hineingeholfen habe, so werde ich wohl wieder ein übriges tun müssen." Er gab mir ein Empfehlungsschreiben an einen bekannten Berliner Verleger, dann nahm er Hut und Ueberzieher: „Ich bringe Sie zur Bahn, sonst verlaufen Sie sich wieder!" So viel Güte gegen ein kleines Provinzmädel; am liebsten hätte ich vor Rührung geflennt. Nach vier Tagen stürmte ich beinahe seine Wohnung, strahlend vor Freude und Stolz. Der Verleger hätte meine Bücher genommen, er hatte sie schon bezahlt, ich hatte dieses kostbare Geld schon nach Hause gesandt — in diesem schrecklichen Berlin, wo gewiß an jeder Straßenecke schon ein Bauernfänger auf mich wartete, konnte ich es unmöglich bei mir behalten. Karpeles freute sich wie ein Kind mit mir, und mit dem innigsten Gefühl des Dankes gegen meinen freundlichen Gönner fuhr ich heim. Ach, das Geschlecht der Gönner ist mit ihm ausgestorben . . . Heutzutage gönnt keiner dem anderen mehr etwas, wenigstens nichts Gutes. Nach abermals zehn Jahren kam ichdesselbigen Weges gefahren. Ich hatte die ersten Exemplare meiner Bücher an Karpeles gesandt, mein erster Besuch in Berlin galt wieder ihm. Ich fand ihn zu meiner aufrichtigen Betrübnis leidend, er war überarbeitet und sehr müde. Ach, und diesmal konnte auch er mir nicht helfen. Mich hatte der Theaterteufel gepackt, der unselige Drang, Dramen zu schreiben, jagte mich auf Dornenwegen hin und her. Karpeles warnte mich vor dem Theater, er selber haßte es sogar. Er hatte.einmal ein Märchendrama geschrieben:- „Die sieben Raben", das in Breslau und auch wohl an anderen Bühnen aufgesührt worden war, hatte aber wenig Freude daran erlebt. Dennoch schrieb er mir eine Empfehlung an Paul Lindau aus. Eine wunderschöne Büste Heines erregte meine Bewunderung . . . Karpeles nahm sie von der Konsole herab, um sie mir zu zeigen. Sie war ein Geschenk von Heines Schwester Charlotte an den geistvollen Biographen ihres berühmten Bruders. Karpeles sagte mir voller Stolz, daß eine gleiche Büste nur noch die Kaiserin von Oesterreich besitze. Wahrscheinlich die einzige ideelle Anerkennung der rastlosen Arbeit des Mannes, der ein Lebensalter darauf gewendet hatte, dem deutschen Volk die Erkenntnis eines seiner blendendsten Geister nahe zu bringen. Als ich mich von Karpeles verabschiedete, prägte er mir noch einmal sehr nachdrücklich betreffs des Theaters sein cavete ein. Vierzehn Tage lang rannte ich jeden Morgen, nach der Charlottenstraße mit meinem Empfehlungsbrief. Heute war Doktor Lindau verreist. Morgen war er krank. Mittwoch kam er nicht ins Theater.- Donnerstag war Konferenz. So mit Grazie in inLnitum! Mein Geld-wurde knapp und knapper, meine. Geduld bekam Risse und Sprünge wie ein venezianischer Palazzo, der in die Lagunen stürzen will. Endlich schnürte ich meine Manuskripte zusammen, wünschte alle die Herren vom Bau, vom Lampenputzer bis zum Direktor aufwärts, Doktor Lindau voran, in den Vesuv, wo er am meisten spuckt und fuhr heim. Hätte ich doch Karpeles gefolgt, ich würde mein bißchen Geld behalten, sehr viel Aerger erspart und eine Fülle von Lebensmut nicht verloren haben. Nicht einmal meinen Empfehlungsbrief hatte ich anbringen können, den hatte, wie ich nachträglich erfuhr, ein Bureaudiener aus dem Wege bis zur Kanzlei Lindaus verbummelt. Ich hatte keinen zweiten zu versenden ... Das letztemal im Leben habe ich dann Karpeles in meiner Vaterstadt Breslau wiedergesehen. Er hielt einen Vortrag in der Lessingloge über jüdisch-spanische Sagen. An jenem Abend war . er vorzüglich disponiert, ein ausgezeichnetere