Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- Seite 151 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Es kostet mich- Ueberwindung, nicht noch eine Reihe von solchen mehr oder minder anmutigen Bildern zu melden, aber ich muß -auf das Buch verweisen. Es ist so flott geschrieben, daß man es gut in einem Zuge lesen kann. Selten hat mich ein Buch in gleicher Weise gefesselt. Mayer hat das Buch als Jude geschrieben, und die meisten Dinge, über die er berichtet, gelangen dadurch ' in ganz eigenartige Beleuchtung. Er ist als Jude durchs Leben geschritten und einmal sogar am Taufaltar vorbeigeschritten. Daß auch er die Taufe stark in Erwägung gezogen hat, ist einigermaßen erklärlich (?), wenn man berücksichtigt, daß von seinen Bekannten eine große, große Reihe eine solche Religionsmetamorphose durchgemacht haben. Von — ach, so vielen berichtet Mayer: „natürlich ließ er sich taufen" oder: „seine Nachkommen sind längst getauft". Diese Bemerkungen wiederholen sich fast stereotyp. Das sind düstere Bilder, die zum Teil nicht unbekannt sind; aber die lebendige Darstellung Mayers gestaltet sie Plastisch, so daß sie der Leser fast mitzuerleben vermeint. Unzählig sind die Einzelheiten, die er über bekannte jüdische Personen und Familien, den Eskeles, Arnstein, Gompertz, Brüll, v. Portheim — das ist der Mann, der über seine merkwürdigen Erlebnisse am Hofe des Sektengründers „Baron" Jacob Frank in Offenbach im Jahrbuch „Achawa" erzählt — und vielen > anderen berichtet. Wer einmal? die Geschichte der Juden in Oesterreich schreiben will, muß von Mayers Buch häufig Gebrauch machen. Meinen Widerspruch ruft eine Bemerkung auf Seite 159 Hervor. Dort berichtet Mayer — er ventilierte die Frage, ob er einen Religionswechsel vornehmen wolle — wie folgt: „Nun hatte ich allerdings schon damals zu beobachten geglaubt, daß die Juden nur denen die Taufe verübeln, diedadurch nichts Höheres erreichen. -Ich habe auch später nie gehört, daß irgendein Jude einen Julius Glaser und so vielen anderen ihres Uebertritts wegen gezürnt hätte. Selbst den streng nationalen Juden sind die getauften Ludwig Boerne und Heinrich Heine nichts weniger als antipathisch." Eine solche Darstellung kann nicht scharf genug bekämpft werden. Sie ist grundfalsch, denn wenn ein Häuflein Juden wirklich so denkt, wie Mayer angibt, so ist das zwar bedauerlich, aber eben nur ein Symptom, daß dieses Häuflein „Baldgetaufte" sind. Wenn den jüdisch Gesinnten Boerne und Heine wichtig sind, so sind sie es, weil sie gewisse intime Eigenschaften, die durch die Taufe nicht zu beseitigen waren, mit dem Judentum verbinden. Wenn wir den Personen -auch Gerechtigkeit widerfahren lassen: der Umstand, daß sie sich taufen ließen, wird von jedem bewußten-Juden als eine verdammenswerte Schwäche betrachtet und ist ganz gewiß niemals beschönigt worden. Sigmund Mayer bringt noch mehrmals Meinungen zum Ausdruck, die ich keinesfalls teile. Die Darstellung des österreichischen Textilhandels, die einen breiten Raum beansprucht, ist nur für Fachleute von Interesse. Aber das ganze Werk ist ein Kulturdokument ersten Ranges. Es wird jahrhundertelang benutzt werden, wenn jemand sich für Oesterreichs Juden im neunzehnten Jahrhundert interessiert. . Ich sagte es schon: solche Bücher haben wir wenig. Jede jüdische öffentliche und private Bibliothek müßte es besitzen. Ich kann das Buch — obgleich ich, wie gesagt, in manchen Dingen, anders als Mayer denke — uneingeschränkt empfehlen.' Meine Erinnerungen an Gultso Lsrprles. Von C i e m e ii § B e r g. ines Tages fiel mir ein, daß ich noch nichts für die Unsterblichkeit getan hatte . . Ich zählte damals dreizehn Jahre — man begreift, es war die höchste Zeit, das Versäumte Nachzuholen. Gab alsogleich meinem Bruder, der an dem großen Ausziehtisch über seiner lateini- ' schen Arbeit brütete, einen Puff, damit er ein wenig beiseite rückeließ mich nieder mit nll der geschäftigen Wichtigkeit eines Menschen, der eine unerhörte Leistung zu vollbringen gedenkt und schrieb eine kleine Erzählung, die ich „Die Türklinke" benamste. Sie war im elegantesten Höherentöchterstil abgefaßt: schwungvoll-poetisch-brav in jeder Zeile und' phantastisch bis zum letzten Buchstaben. Sicher — weder Goethe noch Schiller hatten jemals so Hervorragendes zrp Papier gebracht. Natürlich wollte ich dieses Wunder der Literaturnn den Mann, will sagen an die Zeitung bringen. Die Redaktion der „Breslauer Zeitung" lag nicht allzu fernab, meines Schulweges — ein paar Straßenviertel — und ich war angelangt — richtig: Herrnstraße — Druckerei von Graß, Barth und Kompagnie — hinein durch ein ungemein häß- - liches Haustor (es hat noch heute von seiner Düsterheit und Unfreundlichkeit nichts verloren); ich war zur Stelle. Aber zunächst gab es Noch einen langen Weg über einen mit Fässern, unbekannten Geräten und Karren angesüllten Hof. vorbei an barhaupten Blusenmännern, lauter finstere, bärtige Gesichter . . . dann eine steile Treppe hinauf . . . und hier, vor einer dunkel verhangenen Glastür kam mir der erste vernünftige Gedanke bei diesem Unternehmen: Nimm die Beine über die Achsel und lauf, lauf davon, so schnell es dir möglich ist! — — — Aber — es war nicht mehr möglich ... Ein Herr öffnete die Tür: „Was wünschen Sie, mein kleines Fräulein?" Das Fräulein streckte sich ... Dann stammelte es unter starkem Erröten, etwas von so frei sein, und daß es den Herrn, der unter dem Strich regiere, gern sprechen wolle. „Ach so, den Herrn Feuilletonredakteur?" „Ja, ja!" , „Schön. Ich werde ihn rufen." Ein Feuilletonredakteur war sicher ein ehrwürdiger Greis, so um die Mitte der Neunziger herum . . . aber mit einemmal stand ein junger Mann da, hell, hübsch und freundlich und sagte in seinem anheimelnden Wiener Deutsch: „Mein Name ist Karpeles. Womit kann ich dienen?" Da faßte ich mein Backfischherz tapfer in beide Hände und bekannte, daß ich eine selbstverfaßte Erzählung . . . und so weiter . . . und so weiter. „Haben Sie die Erzählung mitgebracht?" „Ach ja!" Nun kam ein sehr gefährlicher Moment. Dieses Wunder der Literatur steckte in meiner Schultasche,, die ich krampfhaft unter meinem Mantel verborgen hielt. Guter, guter Gustav Karpeles! Er hat nicht gelacht. Er vorzog keine Miene. Mit ruhiger Freundlichkeit nahm er das Büchlein an sich. „Wollen Sie sich in vierzehn Tagen Bescheid holen?" Guten Morgen, mein Fräulein!" Wohlgemerkt, „mein Fräulein!", nicht „kleines Fräulein!" hat er gesagt.' Eine Verbeugung — ein linkischer Knix, und die Debütantin floh davon. Nach vierzehn Tagen, genau auf die Minute, war ich wieder da. Ohne Schultasche. Die hatte ich wohlweislich in einem Winkel der Treppe versteckt. Und mit keckem Schnabel verlangte ich den Herrn Doktor Gustav Karpeles zu sprechen. Und nun kam das Wunderbare: „Ihre Erzählung ist sehr niedlich," sagte Karpeles zu mir, und lud mich ein, neben ihm auf einem großen Ledersofa Platz zu nehmen, „wirklich so frisch und drollig geschrieben, ich werde sie bringen!" Heiliger Gott! Ich glaube nicht, daß Kolumbus so glücklich war, als er Amerika entdeckte. Ich frage alle Poeten: der erste Rausch des Gedrucktwerdens — ist er nicht der beseligendste in der Welt? Ich glaube, ich tanzte die Treppe hinab. Nach acht Tagen stand „Die Türklinke" in der „Breslauer Zeitung". Man muß feine Gönner nicht zu oft belästigen — nach zwanzig Jahren stand ich das zweitemal vor'Gustav Karpeles.