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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-03-29 · Heft 13 (29.3.1912) · p. Seite 150

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 13 (29.3.1912)
Date
1912-03-29
Page
Seite 150 (sequence 6)
Language
German
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Dieses Werk war der Abschluß seiner Lebensarbeit, seine „große Konfession". In der Richtung des-Buches istetwas, was ihn z. B. von Geiger, dessen treuer und begeisterter Verehrer er gewesen und für den er mit zwei kleinen Schriften über die Gebetsfrage in die Oeffentlichkeit getreten ist, scheidet: die Neigung, nur das eindeutige Bibelwort mit seiner bestimmten Satzung gelten zu lassen und damit dem Talmud jedes Recht zu nehmen, die „karäische" Neigung, die Wiener selbst halb ernst, halb spottend zügesteht. Auch sie ist wohl auö dem Temperament der Opposition hervorgegangen, aus dem Widerspruch gegen die talmudische Methode, die alles und jedes aus dem Bibelwort ableiten will.' Aber wie immer diese Tendenz beurteilt werden mag, das Werk hat seinen bleibenden Platz in der Wissenschaft als der erste große Versuch, bis heute der einzige, das umfangreiche, schwierige Gebiet der Speisegesetze Planmäßig zu durchforstheu und darzustellen. Die Fülle des Materials, das hier bewältigt wird, der Reichtum an neuen Gesichtspunkten und wertvollen Hinweisen und nicht zum mindesten der gerade , fruchtlose, nur nach der Wahrheit strebende Geist, m. dem das Buch geschrieben ist, geben ihm die dauernde Bedeutung. Nur eine lange, unermüdliche Arbeit, die nie fertig sein wollte, die Fähigkeit, sich hinzugeben, konnte den Forderungen, die ein solches Werk stellte, gewachsen sein. Jeder, der sich mit dem Wesen und der Entwicklung der Speisegesetze befassen will, wird von ihm ausgehen müssen, und das Gesamtergebnis, zu dem er gelangt, daß die Speisegesetze erst nach und nach geworden -sind und daß menschliches Meinen und Wähnen daran den Anteil hat, wird nicht erschüttert werden. L. G. Lin jüdischer Kaufmann 1831—191L Von Louis Lain m - Berlin. ^i^ie obige Ueberschrift entlehne ich einem Buche, das soeben erscheint, und das in jeder Beziehung ein außergewöhnliches genannt werden muß. Sigmund Mayer in Wien, der Präsident des „Hilfsvereins für die notleidende jüdische Bevölkerung Galiziens" gibt seine Memoiren heraus. *) ' *) Verlag Duncker u. Humblot. Leipzig 1911. 6 Mark. Sigm. Mayer. Wenn jemand seine Lebenserinnexungen herausgibt, dann ist es ganz selbstverständlich, daß seine Person in den Vordergrund gerückt wird. Aber daß muß in einer Form geschehen, die nicht den Gedanken aufkommen läßt, daß sich der Autor „wichtig" machen will. Außerdem darf man von einem solchen Buch verlangen, daß es außer intimen Familiengeschichten auch irgendwelches historisches oder kulturhistorisches Material enthält. In keinem mir bekannten Memoirenwerk, ist das in so ausgedehntem Maßstab der Fall wie iw vorliegen-' den Buch. . Sigmund Mäher, ein Mann von außergewöhnlicher Intelligenz, Tatkraft und schriftstellerischer Begabung, ist im Preßburger Ghetto geboren. Was er aus seiner' Jugendzeit alles zu. erzählen^weihist geradezu staunenswert. Man hat beim Lesen gewisser Partien seines Buches fast das Gefühl, als ob es eine Sammlung von Kulturkuriosa bilden sollte.. Wer hat beispielsweise Kenntnis davon, daß eine Reihe der Häuser im Preßburger Ghetto adlige Besitzer hatte, die ihre Häuser stets nur auf fünfzig Jahre verkauften? War diese Zeit abgelaufen, rückten die „adligen" Herren mit einer Anzahl Bauern an und waren/ sobald sie die.Schwelle des Hauses übertreten halte»,, wieder^ die Besitzer. Die Inwohner schützten sich durch Verrammeln der Türen. Dann begann ein Parlamentieren, das meist mit Zusicherung einer weiteren Summe endete; dann zogen die edlen Herren wieder ab. Einen solchen ergötzlichen — für die Ghettobewohner ganz gewiß manchmal gefährlichen — Kampf schildert der Autor Seite 8. Oder ist es kein Kulturkuriosum, wenn Mayer Seite 9berichtet, daß die jüdischen Handwerker des Ghetto' stets auf einer — der schlechteren, Palffhschen — Seite wohnen mußten, während ahnen die andere, städtische Seite des Zunftzwanges halber streng verschlossen war.. Seite 11 berichtet er von einem christlichen Großkaufmann, der sich stets mit Eifer erkundigte, ob die Töchter seiner jüdischen Kunden schon heiratsfähig seien; war dies-der Fall, so wurde dem betreffenden Kunden unbarmherzig der Kredit entzogen. Solche Details findet man in keinem. Geschichtswerk, und sie sind doch so außerordentlich "charakteristisch.

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