Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- Seite 149 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Whitechapel-Häuser sonderlich genug absticht. Rund uni das Gebäude drängen, ausgeregte hutlose. Menschenmengen. Man merkt,, es ist eine Ausnahmenacht im Ghetto, ein großes Ereignis spielt sich heute ab: die Galavorstellung, der Erössnungsabend des Jiddischen Volkstheaters. Weiber in schwarzen Perücken und dunkeläugige Kinder stauen sich in dichtem Knäuel vor dem Portal, und die Polizisten haben einige Mühe, den Zutritt für die Gäste freizuhalten. Das Haus ist nicht groß, aber geräumig, licht und sehr akustisch; es hat nur einen steil ansteigenden Balkon, aber hinter den Parkettreihen dehnt sich ein weiter „Pit" aus, der, wie in allen Londoner Theatern, die unreservierten billigen Plätze enthält. Das Theater ist gesteckt voll. In den wenigen Logen sitzen das Komitee, der Baumeister, die Direktoren und Gönner im Frack, und das Parkett haben die wohlhabenden Bürger des Viertels in Beschlag gelegt. Man erblickt manch blitzende Juwelen an den Ohren üppiger Frauen und Mädchen, manch riesige Diamanten an den Händen unscheinbar gekleideter Männer. Die üblichen Instruktionen an den. Wänden sind natürlich in hebräischen' Schriftzeichen verfaßt, und das Titelbild des Programms zeigt einen originellen, schwarzbärtigen Genius - des Dramas. Als weiteres Kuriosum sei. vermerkt, daß das Programm die — in Whitechapel wahrscheinlich nicht unangebrachte — Warnung enthält, daß die Direktion sich vorbehält, unliebsamen Elementen den Eintritt in das Theater zu verrveigern. Bor Beginn der Vorstellung versammelte sich das ganze Komitee auf der Bühne; das aus 34 Mann bestehende Orchester stimmte die englische Nationalhymne an (mit einem Chor der auf der Gasse Ausharrenden als Echo), nwrauf Sir Francis Montefiore eine kurze Eröffnungsrede hielt. Der Direktor Kenard erklärte, daß dieses Haus — dem Andenken des jiddischen Schauspielers Feinmann geweiht — als das erste jiddische Volkstheater der Welt erbaut wurde. Dann kamen Telegramme aus allen Teilen der Welt von Gesinnungsgenossen und Freunden zur Verlesung; eines darunter war von Zangwill, eines von Schalom Asch. Daß das Publikum seine nationalen Dichter genau kennt, bewies der Beifallssturm, den jedes Telegramm begrüßte. Zur Aufführung kam eine historische Oper in vier Akten und neun Szenen „König Ahaz". Der Komponist, der in Royal College os Music in London studiert hat und der zugleich fein eigener Librettist und Kapellmeister des neuen Theaters ist, heißt S. Almau. Seine Musik, die stark oratorienhaften Einschlag hat, charakterisiert die primitiven biblischen Vorgänge in geschickter Weise. Einige hineinverwobene hebräische Melodien geben der Partitur einen ausgesprochenen orientalischen Charakter. Da die Handlung sich in jiddischer Sprache abspielte, war nicht viel zu verstehen, aber daß die Säuger und Sängerinnen, allen voran ein Herr Winogradow, wirklich prächtige Stimmen besitzen und daß der kleine Chor frisch, kräftig und sicher sang, war nicht zu überhören. Das Publikum war-während des ganzen Abends vielleicht noch ausgeregter als die Darsteller, aber bei den Aktschlüssen erhob sich ein südlich-orkanhafter Applaus, der allen Beteiligten deutlich kundgab, daß ihr Werk, einen Tempel nationaler Kunst mitten in Whitechapel zu erbauen, gewiß gute Früchte tragen werde. Molk Wiener. Geboren am 1. Februar 1812. Gestorben am 25. August 1895. dolf Wiener, dessen Säkulartag wir leider nicht rechtzeitig gedenken konnten, gehört zur Generation von A. Geiger, Philippson und Löw. Er war im Posenschen geboren, hatte eine tüchtige Gymnasialbildung sich erworben, war von der Medizin zur Theologie übergegangen und hatte der Pofener Brüdergemeinde die erste deutsche Predigt gehalten. Zuerst wirkte er als Rabbiner in Kvsten, dann 43 Jahre lang zu Oppeln. Er hat es verstanden, feßne ganze Gemeinde zu einer wirklich jüdischen zu machen. Er war und blieb sein Lebenläng ein überzeugter Anhänger des Judentums, ein unentwegter Kämpfer . ^ür , den Fortschritt.' Das Wesen des .trefflichen Mannes, der .dem wahrhaft Großen seiner . Tage in begeisternder Verehrung und Freundschaft anhing, der selten in-seiner Bescheidenheit aus dem beschränkten Kreise seiner Wirksamkeit heraustrat, ist von L. Baeck im Febrüarheft der Zeitschrift „Liberales Judentum" in so liebevoller, anmutiger Weise gezeichnet worden, daß ich nichts Besseres zu tun weiß, als mit ausdrücklicher Genehmigung des Verfassers die Darstellung auszugsweise hier zum Abdruck zu bringen. Sie lautet: „Adolf Wiener hat in kleinerem Kreise und auch in engeren Grenzen gewirkt, als die Führer des Liberalismus, deren Gedenktage. das vergangene Jahr gebracht hat, als Geiger, Löw, Phi.lippson; er hatte nicht das weite, gebietende Wissen und den scharfen Blick des einen, nicht den überlegenen Geist und Witz des anderen, nicht das Ingenium, das dem dritten geschenkt war. Aber er hat doch bei ihnen seinen Platz, und er hat neben ihnen sein eigenes Gesicht. Was ihm die besondere persönliche Note gibt, ist sein Temperament, sein Wahrheitssanatismus; er ist in jener temperamentvollen Zeit vielleicht der temperamentvollste gewesen, ganz eigentlich ein Vorkämpfe r des Liberalismus. Cum ira et studio, mit Zorn und Eifer hat er sich für das Neue eingesetzt, mit dem Zorn und Eifer, zu dem nur ein so ehrlicher, lauterer, selbstloser und opferfähiger Charakter, wie ihn Wiener besaß, das'Recht geben kann. Sein Buch, mit dem in der wissenschaftlichen Weltsein Name verknüpft bleibt, die „Jüdischen Speisegesetze", zeigt alle Mängel und alle Vorzüge des Temperaments; es durchbricht immer wieder die Schranken und Dispositionen des gelehrten Werkes. Trotz des trockenen und bis ins Kleinste mühevoll herbeigebrachten Stoffes geht darum von diesem antiquarischen Büch eine Frische aus, die den Leser immer wieder anregt und reizt. Der Stil ist hier der Mensch selbst, der sich bis ins hohe Alter eine seltene Jugendlichkeit des Geistes und Affektes bewahrt hat. Rabbiner Dr. wiener geb. 1. Februar 1812, gestorben 25. August 1895.