Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1912)
- Date
- 1912-03-22
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229015-3229028--68303-3280555- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Adresse 'füv alle’ Allianresendungen ist nunmehr: Dr. Mär..c u s, Leiter des deutschen Bureaus der Alliance Israelite Universelle, Berlin-Wilmersdorf, Emser Straße 18. ' 8. Berlin, 15. März.?;,In. der ^Aula der Leh ranstatt für die Wissenschaft des' In d e nt u nl s sprach Herr Rabbiner Dra^chMEs^.äZü-M-dyrfs^über;- '-»Paulus".- -Inseinem-- etwa einstündigen Vortrage führte der Redner etwa folgendes aus: Die Zeit der Entstehung des Christentums war eine miibe, kosmopolitisch gesinnte Zeit. An die Stelle der Staatsreligion wollte die Universalreligion treten. Man geriet in romantische Schlvärmereien, und ein geheimnisvoller Glaube vorn auserstandenen Gotte machte sich überall, von Aegypten bis Indien, breit.' Auch das Christentum ist nur solch ein Mhsterienglaube, Daß es den Sieg davongetragen hat, rührt daher, daß es in. diesen Glauben indische Ideen hineinverwoben hat. Der Mann, der dies alles geschaffen, war Saul aus Tarsus, der zwischen 10 und.15 vor der gewöhnlichen Zeitrechnung geboren ist. Saul, der sich später Paulus nannte, ein nervenkranker Mensch, war bm'er Widersprüche, ein Schwärmer und doch auch ein nüchterner Politiker, selbstlos und ein Egoist. Im Zustande der Verzückung schuf er sich, aus dem Josuan Jesus den Gott, den er brauchte. In seiner Seele gärte es. Und die Spannung in seinem Innern, löst er dadurch, daß er den jüdischen Messianismus mit dem heidnischen Mysterium verknüpft. Er glaubt an das himmlisch-irdische Drama der Geburt, des Todes und der Auferstehung.- In jeder Pflichterfüllung liegt eine Qual, ein Zwiespalt zwischen Pflicht und Neigung. Das Ideal der Zukunft ist es, daß diese Zwiespältigkeit aufhört. Zur Messiaszeit verlieren daher alle Satzungen ihre Gültigkeit. War. Jesus nun der Messias, so mußte das Gesetz aufhören. Und Paulus löste das Gesetz auf, und so errang er den Sieg um den Preis der Idee vom einzigen Gotte und des idealen Messianismus. Er beraubt zugleich jeder menschlichen Arbeit Sinn und Wert, da im Christentum nicht die Tat, sondern lediglich der Glaube das allein Bedeutungsvolle ist, zu dem. nur die Taufe hinführen kann. Es ist ein tragisches Geschickdaß Paulus den Sieg in der Liese errungen, das Judentum und Griechentum in der Tiefe des Mysteriums verbunden hat. Auch heute, so schloß der Redner seine begeistert vorgetragene Rede, stehen wir an einer Wende der Zeiten. Wir wollen auf die Höhe, wo einst sich Juden und Griechen finden wollten. — Die feindurchdachte Rede fand ungeteilteil Beifall. 22 Berlin, 15. März. Am vergangenen Sonntag, den 10. Mürz erösfnete der Jüdische Turnverein Bar K v ch b a auf seinem Sportplatz in Schulzendorf seine Sport- und Spielsaison. Trotz des nicht gerade einladenden Wetters lvaren 50 Aktive auf dem Platze und gaben sich mit regem Eifer dem Training in den verschiedenstell sportlichen Hebungen hin. U. a. waren zwei vollständige Fußballmannschaften, je 11 Mann, zur Stelle. Ein gemeinsamer ruhiger Waldlauf tief hinein in den herrlichen Forst, der dem Platz benachbart ist, sollte den Leichtathleten die in der winterlichen Muße versteiften Sehnenbänder lockern. Läuse über kürzere Strecken, Wurf- und Sprungübungen unter erfahrener Leitung vervollständigten das Pensum des Tages. Auch einige Hockeyschläger — dieses reizvolle Spiel findet neuerdings in der Abteilung gleichfalls eifrige Pflege — traten in Aktion. Ueberall zeigte sich eine erfreuliche Regsamkeit, die wohl mit aus den Anreiz des bevorstehenden großen jüdischen Sportfestes , das gelegentlich des V. I ü d i sch e n T u r n t a g e s in Berlin stattsinden wird, zurückzuführen ist. In Kürze wird das geregelte Training: für die große leichtathletische Prüfung der Berliner Sportwelt, den S t a s e t t e u l a u f P o t s d a m -- B e r l i n ausgenommen werden. Die Sportabteilungdie im vorigen Jahre bei dieser Konkurrenz verhältnismäßig günstig abschneiden konnte, wird auch diesmal die jüdischen Farben vertreten. Der Sportplatz des Vereins, aus dem vorläufig nur Sonntags die Hebungen stattfinden, ist vom Stettiner Vorortbahnhof mit der Veltener Bahn in 30 Minuten zu erreichen. Abfahrt 1 Uhr 25 Minuten und 3 Uhr 25 Minuten- Adresse für Auskünfte und Anlneldungen: Alfred Burin, Berlin NW., Flensburger Straße 8. Gäste willkommen. . . 22 Berlin, 15. März. Das von den Herren- Dr. A. Ka h n und Regierungsbam reister L. F r ü n k e l ins Leben gerufene I ü d i - s ch e S t u d e n t e n - und I ugp dhe i m, Charlottenburg, Knesebeckstraße 5, blickt mm auf eine viermonatliche Tätigkeit zurück. Schon in dieser kurzen Zeit hat es sich heransgestellt, daß diese Schöpfung einem wirklichen Bedürfnis entsprach. Aus allen'Kreisen der - jüdischen' - Jugend, Damen-' Studenten- : Käusleuten und -Hand- . Werkern, war es eifrig besucht. Es wird die Allgemeinheit interessieren, zu erfahren, daß der" Preis jetzt auf 80 Pfennig Mittag- und 50 Pfennig Abendbrot normiert worden ist. Vielleicht ist es auch nicht überflüssig, hier nochmals darauf hinzuweisen, daß das Heim nicht nur für Damen und Studenten, sondern auch für Kaufleute und Handwerker gegründet worden ist.. Ganz besonders-.sei ..hervorgehoben, daß auch während der Peßachtage das Heim..geöffnet ist. Jeder 'jüdische junge Mann' ist herzlich willkommen und Mögt durch seinen Besuch dazu bei, daß dieseso wichtige jüdische Institution immer mehr befestigt wird und dem gesamten Judentums zugute kommt. . . . . ' H. Berlin, 15. März. Am Montag vergangener Wvche ''hielt Dozent Dr. I s m a r Freund z ir m B est e n des S ti p e n - dienfonds der Lehranstalt für die .Wissenschaft des Judentums einen Vortrag über das Thema: Zur Emanzipation der preußischen Juden. In seinen klaren und interessanten Ausführungen entwarf der Redner ein treffendes Bild von' dem Leben der Juden in Brandenburg-Preußen und zeigte, wie sie stets, trotz der Ungunst der Verhältnisse, an der kulturellen und insbesondere wirtschaftlichen Entwicklung rüstig mitgearbeitet haben. Unter der Regierung des Großen Kurfürsten, der sie 1671 zurückrief, hatten es die Juden gut. Der Fürst hatte sich in allem Holland ZUM Vorbild genommen, und wie sie dort die Träger des Welt-, Handels waren, so sollten sie es auch für Brandenburg werden. Bald aber begannen die Zünfte in den Juden ihre Todfeinde .zu sehen und sie zu hassen. Der Zünfte Einfluß brachte es dann auch zuwege, daß aus den Trägern eines neuartigen Handels lediglich ein unerschöpfliches Finanzobjekt wurde. So ist die Entwicklung der Lage der Juden bis zum Großen Friedrich, unter dessen Regierung es den Juden am schlimmsten erging. Als aber 1806 das alte' Regierungs-System in Preußen zusammenbrach, schlug auch .den Juden die Stunde ihrer Befreiung. Nach der schweren Katastrophe von Jena hieß es alle Kräfte aufznbieten und auszunutzen. Dabei konnte man die Juden nicht übergehen. Sollten sie aber etwas leisten, so mußten sie 'frei und gleichberechtigt sein. Aus diesem Grunde kam das Edikt vom 11. März 1812 zustande. Aber nur ganz kurze Zeit dursten sich die Juden der Gleichberechtigung freuen, 1815 bereits setzte eine Reaktion ein, die mit aller Gewalt das Mittelalter wieedr heraufsühren wollte. Wenn es damals unseren Feinden auch nicht gelang, Bestrebungen, wie den gelben Fleck, in die Wirklichkeit umzusetzen, so erreichten sie doch, daß man das Recht den Juden an allen Ecken beschnittt. daß man das Judenedikt auf. die unmöglichste Art interpretierte. Diese Reaktionsbewegung ist auch heute noch nicht ganz überwunden; hoffen wir aber, daß der fortschrittliche Geist bald sich durchsetze. — Reicher Verfall lohnte den Redner. I. Graudenz, 15. März. Am 8. d. M. feierte Herr D a v i d Jacobsohn, Synagogenvorsteher der hiesigen'Gemeinde, mit seiner Gattin das Fest der S i l b e r h o ch z e i t. Viele Deputationen überbrachten die Glückwünsche des Rabbinats, der. Gemeindekörperschaften und aller'hiesigen jüdischen Vereine und legten ebenso wie zahlreiche Gratulationen und. Geschenke von nah und fern Zeugnis av von der großen Beliebtheit und .allgemeinen Verehrung des Jubelpaares. Anläßlich dieses Tages stiftete das Ehepaar 1000 Mark als Grundstock für ein jüdisches Altenheim in Graudenz. J. Breslau, 17. März. Von nicht zu unterschätzendem wissenschaftlichen und hygiene?statistischem Werte sind die alljährlich regelmäßig erscheinenden Verzeichnisse der in der hiesigen israelitischen K r a n k e n - V e r p f l e g u n g s a n st a l t (F r ü n k e l - s ch e s Hospital) aufgenommenen und verpflegten Kranken. Auch das soeben erschienene Verzeichnis für das Jahr 1911 enthält eine, überaus große Fülle statistischer Daten auch wissenschaftlichen Wertes. Es werden darin nicht nur die in den einzelnen Abteilungen, der medizinischen, der chirurgischen, gynäkologischen und augenärztlichen behandelten Krankheitsfälle der verschiedenen Erkrankungskategorien aufgesührt, sondern auch die Ergebnisse der Be-' Handlung mitgeteilt. Wir ersehen daraus, daß insgesamt im Laufe des letzten Jahres in der medizinischen Abteilung 1055 Kranke, von denen 845 jüdischer, 147 evangelischer und 63 katholischer Konfession waren, behandelt wurden. Von diesen 1056 Fällen wurden 56 Patienten auf andere Abteilungen verlegt; von den übrigen 1000 Patienten wurden als geheilt 319 (31,9 %),. als gebessert 495 (49,5 %), als ungeheilt 43 -(4,3%) entlassen, während 75 (7,5%) starben und