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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-03-22 · Heft 12 (22.3.1912) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 12 (22.3.1912)
Date
1912-03-22
Page
– (sequence 13)
Language
German
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76. Jahrgang Nr. 12 Der GpmetnWote, Vetlagr zur „Allgemeinen Leitung deß Judentums". Sorrelponden?m und Kschrichten. Deutschland. y. Berlin, 19. März. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hatte die Berliner Judenheit zur Jahrhundertfeier der Emanzipation der Juden in Preußen am 12. d. M. zu einer Festesfeier nach Krolls Etablissement eingeladen. Der Festkommers trug internen Charakter. Vertreter der Behörden und der Stadt waren nicht geladen. Aus dem dicht gefüllten Parkett hoben sich die bunten Farben der studentischen Vereine aus dem Dunkel der Gesellschaftsanzüge des Gros der Besucher ab; von den Rängen grüßte ein Flor von Damen, zum Teil in großer Toilette. Nicolais Ouvertüre zu den „Lustigen Weibern" eröffnete um 9 Uhr den Kommers. Der ersten Rede Ausklang galt dem Kaiser, den der Präside des Kommerses, Herr Dr. Werner, ein alter Herr der „Sprevia", als den Landesvater feierte, der Persönlich aller konfessionellen Hetze abhold sei und vorurteilslos auch den Staatsbürgern jüdischen Glaubens gegenüberstehe, denen er das gleiche Wohlwollen und die gleiche landesväterliche Huld entgegenbringe, wie den Staatsbürgern der andern Bekenntnisse. Die ganze Festversammlung hatte sich erhoben und stimmte brausend in das Kaiserhoch ein und in das „Heil dir im Siegerkranz". Die groß angelegte Festrede hielt Herr Justizrat Eugen Fuchs, oft von Beifallsstürmen umtobt. Die interessante, formvollendete Rede schloß mit der Mahnung: „Seid einig und stolz und treu dem Glauben, dann werden wir frei sein zum Segen für das Judentum, das Vaterland und die Menschheit." Sodann überbrachte I u st i z r a t Breslauer die Grüße und Glückwünsche der Berliner Gemeinde, des Verbandes der deutschen Juden und seine persönlichen. Aus seinen Worten ist allgemein bemerkenswert der Hinweis auf die demnächst erscheinende Schrift von Dr. Jsmar Freund über die Emanzipationsepoche, in welcher Gutachten abgedruckt sind, die vielfach gleiche Gedankengänge aufweisen, wie sie Herr Sombart zum Ausdruck gebracht hat. Herr Geheimer R e g'i erungsrat Dr. Pieck (Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde Berlin) richtete hieraus ein paar mahnende Worte an die I u g e n d, die trotz der vielen Zurücksetzungen, deren wir ausgesetzt sind, den Mut nicht sinken lassen solle. Sein Hoch galt der Jugend. An den am Erscheinen verhinderten Vorsitzenden des Zentralvereins, Herrn Justizrat Hör Witz, wurde hierauf ein Begrüßungstelegramm abgesandt. Die Grüße der Großloge überbrachte - in Verhinderung des Präsidenten Geheimrat Timendorfer Herr Justizrat Kuznitzky, der die Logenmitglreder als Waffenbrüder des Zentralvereins bezeichnete und die erzieherische Mission der Logen in eindringlich schwungvollen Worten feierte und aus den Zentralverein ein Hoch ausbrachte. Nach ihm kam als Vertreter der K. C.-er Stndentenvereine Herr Rechtsanwalt G r ü n s p a ch zu Worte. Dann sprachen noch zum Schluß Herr Dr. R o s e n k r a n tz als Vertreter des Bundes jüdischer Korporationen sowie der drei Berliner Vereine jüdischer Studenten und Herr stuck, med. Gold bart h namens der „Dahlemia". Vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebund waren die Herren Professoren Dr. Türk und Dr. Sobernheim abgeordnet, vom Rabbinerverband Herr Rabbiner Dr. Eschelbach e r. Längst war die Mitternachtsstunde vorüber, als Herr Dr. Werner mit herzlichen Dynkesworten den Festkommers schloß nnd die Reihen sich allmählich zu lichten begannen. Berlin, 19. März. Zum Andenken an den hundertsten Jahrestag der Emanzipation der preußischen Juden fand am letzten Sonntag eine Nachfeier im Gotteshaus der jüdischen Resormgemeinde statt, der auch Mitglieder des Vorstandes und Repräsentanten der großen Gemeinde beiwohnten. Der Dankgottesdienst, wurde mit Gesängen eingeleitet und geschlossen. Das Thema der Festrede, die der Prediger Dr. Levin hielt, lautete: „Der jüdische Charakter in der Weltgeschichte", Wiu werden die gehaltvolle Rede in einer der nächsten Nummern zum Abdruck bringen. 8. Berlin, 19. März. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach am 5. d. M. Herr Rabbiner Dr. Ludwig R o s en th al aus Köln über „Die Wirtschaftslehre der jüdischen Religion". Der Redner ging davon aus, daß im Judentum Religion und Wirtschastslehre keine heterogenen Begriffe sind wie in anderen Religionen, vor allem im Ehristentume, das nur für den Einzelmenschen sorgt und ihm alles Glück in einer außerirdischen Welt verspricht. Das Judentum aber ist eine soziale Gemeinschaft; sein wichtigster Satz ist der von der völligen Gleichheit aller Menschen. Daher gibt es dem Einheimischen und dem Fremden ein Recht, kennt keine Stände nach Klassen, und sieht als die höchste Liebe, die man dem Nebenmenschen geben kann, die Gerechtigkeit an. Nach diesem Satze vvm gleichen Rechte-baut das Judentum eine systematische Wirtschaftslehre auf,, die in Bibel und Talmud niedergelegt ist. Sie hebt die Quelle alles Nebels,, die Ungleichheit des Besitzes auf, etwas, was man allgemein für unmöglich hält. .Das Judentum erreicht es durch die Jobeleinrichtung, die einen dauernden Verkauf eines Grundstückes unmöglich macht, es vielmehr nur auf fünfzig Jahre verpachten läßt. Großgrundbesitz und dauernde Verarmung sind dadurch ausgeschlossen. Im Lande selbst Zinsen zu nehmen, ist aus gleichem Grunde verboten, im Verkehr mit dem Auslande ist es erlaubt, da sonst ein Handel unmöglich wäre. Ferner kommt noch das Schmitta (d. i. jedes siebente Jahr) in Betracht. Im Schmittah verfallen alle Schulden. Da-, durch ist einem übermäßigen Schuldenmachen vorgebeugt, geradeso wie einer Kapitalansammlung. Ganze Schichten konnten so niemals ganz verarmen; doch einzelne sehr wohl, da dies ja von den Lebensumständen jedes einzelnen abhängt. Sie hat jedoch die Lage des Armen sittlich gehoben, indem sie ihm Bestimmtes (Peah, Nachlese usw.) gesetzlich zuwies, ihm also ein Recht am Almosen gab und dem Besitzenden eine diesbezügliche Pflicht auserlegte. Auch der Machtansammlung des einzelnen setzte die jüdische Wirtschaftlehre eine Schranke. Kein Jude kann eines anderen Judensklave werden. Im siebenten Jahre geht er mit Geschenken frei aus. Fremde müssen zwar lebenslänglich dienen, sind aber keineswegs als Sklaven im üblichen Sinne zu bezeichnen, da hier der Herr nicht über Leben und Tod verfügen darf, ja sogar darf man einen Sklaven, der vor seinem. Herrn geflüchtet, nicht ausliefern. Auch für die Arbeiter sorgen Bibel und Talmud. Der Tagelöhner muß vor Sonnenuntergang seinen Lohn erhalten. Außerdem kennt der Talmud schon eine Unfallversicherung, eine Ueberstundenbezahlung und vieles andere mehr. Gekrönt wird diese vorbildliche Arbeitsordnung durch die Institution des Sabbat, des allwöchentlichen gesetzlichen Ruhetages. Der Säbbath ist das Symbol des Judentums. Er hebt die kulturbedrohenden Verschiedenheiten zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf. Am Schluffe seiner temperamentvollen Ausführungen kam der Redner ans Werner Sombart zu sprechen, dessen bekanntes Buch soviel Verwirrung angerichtet hat. Sombart wirft er Sensationslust vor und beweist dies durch eine Reihe von Zitaten. Zugleich zeigte er, daß Sombart zu der Ansicht, das Judentum sei ein Mammonismus, daher gekommen sei, weil er das Wichtigste, wie Jobel und Schmittah, überhaupt nicht berücksichtigt. Im Gegenteil, das Judentum ist ein Sozialismus, und es besitzt eine ausgesprochene Agrarverfassung. — Reicher Beifall lohnte den Redner für seine interessanten und lehrreichen Ausführungen. — Aus den auswärtigen Literaturvereinen: In Briefen (Westpreußen) Frau Charlotte Roth er-Breslau: Rezitationen; in Bernstadt Dr. Tiktin-Oels über Wahrsagung und Weissagung im Alten Testament; Prediger Wolfgang -Bernstadt über Humor und Satire im Leben des jüdischen Volkes; in Lauenburg in P. Rabbiner Dr. V o g e l ft e i n - Königsberg in Pr. ' über die Emanzipation der preußischen Juden (dritter Vortrag im' Zyklus „Geschichte der preußischen Juden"); in Köln Rabbiner Dr. Caro über die Emanzipationsbestrebungen der Juden im 19. Jahrhundert; in Breslau Dr. M. Braun: Zur Erinnerung an das preußische Judenedikt vom 11. März 1312. Berlin, 19. März. Wie uns mitgeteilt wird, ist Herr Dr. Marcus am. 12. d. M. offiziell von dem Pariser Zentralkomitee durch dessen Präsidenten Herrn Leven mit der Leitung des deutschen Bureaus der Alliance Isra61ite Universelle betraut worden. Die

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