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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-03-22 · Heft 12 (22.3.1912) · p. Seite 143

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 12 (22.3.1912)
Date
1912-03-22
Page
Seite 143 (sequence 11)
Language
German
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zu finden. Allerdings haben sich die Zeiten und' Verhältnisse seit damals sehr geändert. Die räuberischen Uebexfälle haben, von den bedauernswerten Pogroms in Rußlandabgesehen, aufgehört; Humanität, Gesetz und Recht wachen an den Schwellen auch der von. Juden bewohnten. Häuserso. daß der Besitz und der Wohlstand sich nicht, mehr scheu verkriechen, der Reichtum nicht die Livree der Armut tragen muß, aber im Volke ist meist die kleinmütige und nicht ganz unbegründete Ansicht, verbreitet, daß die Antisemiten ohnehin in jedem Juden einen reichen Mann sehen, dem sie den oft erbärmlichen Besitz neiden, und nicht noch mehr provoziert werden sollten, obschon sie zumeist keine Ursache zu Mißgunst und Neid haben! Ach, wüßten diese Männer, die aus grundlosem Haß das Judentum in Trümmer schlagen möchten, weil sie seine angeblichen Erfolge auf dem Gebiete des Erwerbes fürchten, wieviel Elend oft in einer Familie vorhanden, die sie wohlhabend wähnen; wie die Kinder um Brot, um trockenes Brot jammern, deren Väter den Tag über durch die Trink- und Speiselokale mit ihrem Warenbündel jagten und überall vertrieben und von den Wirten ausgewiesen wurden; wüßten sie, wie entsetzlich sie wohnen, wie schlecht sie sich und die Ihren ernähren; daß der Plunder, mit dem sie hausieren gehen, nicht' einmal ihr Eigentum icnd der. Pfründer ihnen gegenüber ein Rentier ist — sic würden ihren Haß in Mitleid verwandeln und statt Verfolgung im Sinne des Evangeliums Nächstenliebe predigen! Die krumme, etwas enge Stiege dieses Ghettohäuses eilt ein junger Mann hinan, so rasch, daß er ziemlich heftig an ein junges Mädchen stößt, das ihm voran langsam hinaufsteigt. . . „Du Karl! Wie ungestüm du bist! Du hättest mich ja bald über den Haufen gerannt!" „Vergib', Schwester; ich bin immer so eilig. Wie geht's?" „Schau mich an, sehe ich nicht wie «ein Buchidruckergehilse aus? Ich habe eigenhändig eine große Anzahl Exemplare abgezogen, als der Drucker sich, entfernen mußte. .Nun er. zurück ist, gehe ich auf mein Zimmer, mich von Farbe und Geruch der Druckerschwärze zu reinigen." Und das junge Mädchen eilt fort, während ihr Bruder in Vas Zimmer seines Vaters tritt, das groß und licht' im ersten Stocke liegt. An einem runden, mit Folianten bedeckten Tische sitzt ein alter. Mann. Da liegen sie vor ihm die papiernen Schätze antiker und moderner Weisheit. Die pergamentenen Folianten, die, durch Jahrtausende geweiht, das Bollwerk, die Festungsanlagen des Judentums enthalten und es vor Zerfall bewahren. Bücher über Religion, Philosophie, Geschichte, Jurisprudenz des''Volkes,, das Jahrtausende lang Stein um' Stein zu dem großen., Külturbau herbeitrug, der jetzt, wie ehemals der babylonische Turm, in den Himmel ragt. Daneben neuere Publikationen verschiedener literarischer und wissenschaftlicher Gebiete. Flugschriftendie der Tag. bringt und nimmt, die da aufslattern und niedersinken wie die Eintagsfliegen. Um und um im geräHnigen Zimmer altmodische Glasschränke mit Büchern verschiedenen Kalibers; Bibeln, Talmuds, Gebetbücher, die vor Jahrhunderten in Spanien, Portugal, in Holland und in neuerer Zeit in Polen gedruckt wurden; mitunter wertvolle Raritäten-.-Rollen und Manuskripte. Emsig wie jetzt als Gelehrter war- .der alte Holdheim inseiner Jugend als' Industrieller.- Mit Fleiß und Umsicht führte er die Geschäfte seines Vaters forst-' erweiterte sie, hob ihren Umfang und ihre Rentabilität, 'gelängte zu großem Reichtum und Ansehen, würde, als er gesättigtsich von den Geschäften zurückzog, vermöge' seines Reichtums das Oberhaupt, vermöge seiner Gelehrsamkeit der Ehrenrabbiner der großen jüdischen Gemeinde Warschau. Sein Einfluß aus dieselbe war unbedingt und fast unbeschränkt; sein Tun die Richtschnur für alle, sein Wort die Standarte, der man willig und gläubig folgte. Karls elastische, elegante Gestalt erschien im . Studier- - zimmer seines Vaters. Der junge Mann, trug den engen Schnürrock mit breitem Ledergürtel, dessen Spange aus weißem Felde die ziselierte Bronzebüste des polnischen Nationälhelden Kosciusko trug; breite Pluderhosenin hohen Röhrenstieseln, eine viereckige mit Pelz verbrämte Mütze, Konfideratka genannt und einen mit einem kleinen Beil versehenen dicken Stock, wie ihn die Huzulen der Karpathen tragen; eine feste Stütze und eine wuchtige'Waffe zugleich. Karl hatte das Aussehen eines zufriedenen und glücklichen Menschen. „Guten Morgen, Vater! Ich muß mein langes Äusbleiben entschuldigen. Sie sitzen, hier wie auf einer stillen Insel,, unbekümmert um die Brandung, die draußen im Ozean des Lebens zischt. Draußen geht aber eine gewaltige Strömung, so gewaltig, daß die eisernen Dämme der russischen Bajonette kaum widerstehen werden." -. . . Der Greis stand auf, betrachtete seinen Sohn, und musterte seinen etwas theatralischen Aufzug mit etwas spöttischer Miene. „So?" fragte er gedehnt. „Gewiß. Der Geist der Freiheit weht über Warschau — der Sturm der Empörung rüttelt und schüttelt an den festesten Palisaden der russischen Regierung. Alle Schichten und Massen, der Edelmann und Bauer, der Christ und der Jude sind zu einem freiheitsdurstigen Volke vereint;, brüderlich vereint in der Liebe zum Vaterlände, im Kultus der Freiheit und Unabhängigkeit. Es wird fortan der' Unterschied zwischen Juden und Christen wegsallen, und in Polen nur noch. Polen geben; alle von glühendem Patriotismus für das. gemeinsame Vaterland, beseelt, alle voll Eifer für die schönsten Güter der Menschheit, für Kultur, Humanität, Gleichheit und Brüderlichkeit! Siehst du, lieber Vater — und der junge Mann entfaltete aus einem kleinen Paket eine große stählerne Kette — das ist die Huldigung, welche das katholische Polen dem polnischen Judentume dargebracht und wodurch unserer jetzigen Verbrüderung für immer das Siegel aufgedrückt ist. Diese Ketten tragen alle polnischen Patrioten als Zeichen der Knechtschaft, daran das Bild des Gekreuzigten als Emblem der Hoffnung und der'Wiedererstehung —" „Und du willst dies Zeichen, für das so viele jüdische Märtyrer in den Flammentod geschickt wurden — durch das wir litten und leiden, an deiner Brust tragen?" „Siel/ her mein Vater, sieh die Rückseite hinter diesem Bilde —" Der alte Mann schaute aufmerksam hin und rief mit dem Ausdruck höchster Ueberraschung und des Staunens: „Rabbiner Meisel!" lFortsttzung foint.) . ■ MOsA Literarische Mitteilungen. — Jesetben Alis, ärabischerKommentarzu Nahum, mit Einleitung, verkürzter Uebersetzung und Noten.. Herausgegeben von Hartwig Hirsch felo. London 1911. Die hier angezeigte Edition von Jefet ben Alis arabischem Kommentar zu Nahum beruht aus zwei Manuskriptenvon denen das erste zu der Sammlung des Britischen Museums gehört, das zweite sich im Besitze von Aldis'Wright in Cambridge befindet'

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