Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-03-22 · Heft 12 (22.3.1912) · p. Seite 142

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 12 (22.3.1912)
Date
1912-03-22
Page
Seite 142 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3229015-3229028--68299-3280551
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

oder jene Weise nebst anderen Umständen von den Händen' derjenigen, die „der Nation der Aüsklärung Leuchte"' voran-' tragengemodelt und geformt wird. Und wie es sich um diese letztere handelt,, wie es sich um diesen Teil der sogenannten jüdischen Intelligenz handelt, die . nicht aus unfern Händen die „Fackel" empfing, seit unlängst . mit ihr der gesinnungsgenössischen Masse voranzuleuchten begann, so ist es dann erst nötig, die Beweise des Faktums auszurechnen, daß aus der Fackel und. deren. Trägern eine bedeutende Menge! dieser uns gegenüber mit Feindseligkeit-und! Ungerechtigkeit durchsetzten Flüssigkeit zurückgeblieben, in welche die Hände derjenigen, die ihr diese. Fackel gereicht, tauchen? . Es ist dies eine allgemein bekannte Tatsache... tzrimatlos. Aus dev legten polnischen Revolution. Von Leo Herzberg-Fränk e l. III. Und der junge Mann schlang seine beiden. Arme um den Nacken der reizenden Dame, die jetzt in der Tat mit einem Blicke aus ihm ruhte,, der trägeres Blut als. das seine in Wallung und einen kühleren Verstand aus der Ruhe bringen konnte. „Siehst du," fuhr Karl, in Glut geraten, fort, „wenn du mir sagtest:. Hier gähnt die Hölle, springe in ihren Schlund — da steht ein Tyrann hinter einem zehnfachen Wall von Bajonetten, greis ihn an — ich würde gehorchen, sei es für ein Lächeln, einen Kuß oder eine Beileidszähre. Würde die Allgewalt, die du über Individuen hast, sich auf Völker erstrecken, du würdest eine Welt.beherrschen, meine Hedwig! Daher dies glühende Verlangen, diese verzehrende Ungeduld, dies Willensstärke, herrliche, königliche. Weib mein zu nennen, mein für immer!" „Nach der Befreiung Polens, nach der Wiedereroberung des Vaterlandes, lieber Karl," versetzte die Gräfin abwehrend. „Bis dahin eifrig am Werke, bis dahin kein anderer, kein profaner Gedanke. Nun gehe jetzt zu Pater Franz und beauftrage ihn namens der Nationalregierung, übermorgen, Sonntag, abermals eine Predigt zu halten, wie dies jüngst geschehen, nur kann sie jetzt etwas klirrender, eminent patriotisch und gegen die russische Regierung ein wenig provokanter sein.' Man muß doch einmal vorrücken, und der Sache näherkommen; man darf die Massen, die man aufgeregt, nicht, stagnieren lassen." „Aber ich kenne Pater Franz nicht." „Das macht nichts; er kennt dich und deine Stellung utr Nationalkömitee. Ueberdies hast du doch deine Legitimation. Nun lebe wohl, Karl; morgen bin ich in nur'sehr dringenden Fällen zu sprechen. Ich erwarte dich übermorgen." Sie reichte ihm die Stirn zum Kuß. „In solchen Zeiten, in denen sich die Ereignisse drängen," sagte Karl nach seinem Hute greifend, „sind zwei Tage eine halbe Ewigkeit. A propös, teile dem.Kriegsminister mit, daß unsere Kassen sich wieder füllten und wir sogar eine namhafte Reserve iw Brüssel haben; er könne somit seine Einkäufe gegen Barzahlung wieder äufnehmen; denn vor allem gilt es Waffen, dann gute haltbare, dem Wald-und Lägerleben entsprechende'-Kleider. Lebe wohl, du meine Jeanne d'Arc; auf Wlodersehen!"'' : , Ein spöttisches Lächeln begleitet den jungen Mann. - Mitten in ihrem Salon stehend, den schönen Kopf stolz; zurückgeworfen,, die Arme über die Brust gekreuzt, rief sie fast ckäüt^in.höhni-schem-'Töne:^ „Armer, blöder Tor! Du wähnst mich schwach'und zappelst doch an meinem Gängelbande; du glaubst, der Herr deiner Gebieterin zu werden und folgst ihr wie der Hund an der Leine. Deine Blindheit gaukelt dir vor, die Tochter einer ersten' Patrizierfamilie Polens, die Witwe eines englischen . Peers -habe ihr Herz an einen Juden verloren, und dem Herzen werde die Hand' folgen! Du kannst mir bloß dein Leben bieten; ich müßte dir aber Stand und Stellung opfern. So wohlfeil verkaufen'wir uns nicht, und nach dem Siege rechnen wir etwasgenauer mit unseren vermeintlichen Gläubigern ab. Mit dem Vorhang vor dem blutigen Drama fallen auch die Schuppen von den verblendeten Augen; und du wirst selbst erkennen, daß du in diese Gesellschaft nicht paßtest, die dir jedoch eine Wohnung und. einen Laden im unbefugten^ Bezirke gestatten wird." -* ■’..!- * . In einer der krummen, dunklen und unsauberen Gassen des Judenquartiers, in welchem das moussierende Leben anderer besfersituierter Stadtteile kein Echo findet, und wo bloß „der Ast jenes Stammes, der gefällt, zerschmettert, doch nicht-verdorrt, und dessen Zweige grünen fort und fort", im Schatten veralteter Vorurteile als Monument des Hasses, der Ungerechtigkeit und klerikaler Verfolgungssucht zu finden ist — in jenem Viertel, in das die Engherzigkeit und. Tyrannei -Tausende von Mitbürgerneingepfercht und zwischen feuchte,' mooswuchernde Mauern eingezwängt haben, steht ein. altes, von der Zeit dunkel gefärbtes Gebäude mit kleinen, gewölbten Fenstern und niederem Eingänge. Vermöge seiner Ausdehnung, seines vornehmeren Aussehens, seiner Türmchen und des Metallbeschlages an dem Tore sieht dieses Haus unter den anderen. Häusern, die es umgeben,- wie ein Schloß aus, das die armseligen. Bauernhütten überragt. Oben nisten Schwalben, die unter dem First ihre Nester gebaut, und unten Krämer, die da ihre Läden mit allerlei armseligem Kram offenhalten, nach dem sich bloß die dürre Hand der Armut ausstreckt. Außerhalb dieser Zwingmauern wogt das Lebens aber hier hört maws nicht. Eng wie oben die Schwalbennester, als gält's jede Zollbreite Bodens einander streitig zu machen, und als. hätte die Erde keinen Raum mehr für die Behausungen just dieser Menschen, klebt Haus an Haus' in diesem der wachsenden jüdischen Bevölkerung Warschaus zugewiesenen Stadtteil, über dessen Grenzen sie niemals hinaus dürfen, und wenn ihre Zahl noch so sehr zugenommen, und wenn es ihnen noch so sehr an Licht, Luft und Bewegungsfreiheit fehlt! Daher dieser unschöne, labyrintärtige Bau der zusämmengerückten und -gedrückten Häuser; die bleiche, fahle' Farbe der Einwohner; der Schmutz in den schmalen Gassen, in die fast nie ein Sonnenstrahl hineinleuchtet! An der Außenseite dieses Hauses, wenn auch im Vergleiche mit den umliegenden Häusern ziemlich vornehm, würde man aber länge nicht die 'reichmöblierten, teilweise mit morgenländischer Pracht eingerichteten Zimmer vermuten, in denen der Eigentümer desselben, der greise Rabbi Hirsch Holdheim wohnte. Von den bösen, lüsternen Augen und der Habsucht ihrer Feinde verfolgt und gefährdet, haben die Juden früherer Zeiten notgedrungen gelernt, den mühselig erworbenen 'Reichtum hinter der Maske der Armut zu verbergen, und so pflegte - man, damals, al% die Räuber nicht bloß in den Wäldern hausten, sondern auch die Gassen und die Häuser unsicher machten und die Beamtenuniform oder das Adelswams trugen, in unscheinbaren, armseligen Wohnungen an Fest-; tagen reichgeschmückte Frauen, üppig besetzte Tische, und altes wertvolles TafelzeUg, das ehemuls wohl in Schlössern prunkte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.