Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1912)
- Date
- 1912-03-22
- Page
- Seite 141 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229015-3229028--68298-3280550- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
141 < ifc Ueber macht von einer Seite und von der anderen dieses Märtyrertum bestreiten, ebenso vermag niemand in Abrede zu stellen, daß solch eine Liebe für ein abstraktes Ideal und solch ein Beharren von einer unzweifelhaften Tiefe und Kraft des Geistes, des Gemüts zeugen, eines Geistes, der fähig war, einen abstrakten Begriff über alles lieb zu gewinnen und trotz allem bei ihm auszuharren. Aber war dies ein nationales Ideal? war dies ein abstrakter Begriff der Nationalität? Ein näheres Bekanntwerden mit der Geschichte dieses Kampfes läßt nahezu keinen Zweifel übrig, daß dessen Gegenstand nur das religiöse Ideal war, der von den Ahnen geerbte Begriff von Gott und von der Art und Weise, Ihn zu verehren. Ihm zu dienen. Wo und wann die religiösen Verfolgungen aufhörten und die Juden gewisse menschliche und Bürgerrechte erhielten, lösten sich von ihnen leicht und bald alle Anzeichen einer Stammesexklusivität, nahmen leicht und bald die Sprache, Sitten und die Tracht der Nation, unter welcher sie lebten, an, traten gleich und sogar an die Quellen der Bildung, weder fragend, 7wch darum sich kümmernd, daß sie nicht jüdisch sei, daß eine fremde Hand sie gestaltet, daß sie in Gestalt einer fremden Sprache in ihr Hirn dringt. Anders Pflegt es bei abgeschlossenen Nationen zu sein, die ebenso und vielleicht noch allgemeiner als für ihren religiösen Glauben ins Feuer und Wasser für ihre Heimat, für ihre nationale Sprache, für ihre Bräuche gehen und an eine von einer fremden Hand und in einer fremden Sprache ihnen gereichte Bildung sich so würgen wie an etwas, das man schlucken müsse, um zu leben, was aber in den Adern des Leibes und den tiefsten Winkeln der Seele ein Gift des Zornes und eine Bitterkeit der Wehmut ausströmt. IV. Was haben eigentlich die mittelalterlichen Juden verteidigt, als sie sich in unterirdische Gefängnisse werfen, foltern und auf den Scheiterhaufen verbrennen ließen? Nicht ein Vaterland, da sie keins mehr besaßen, nicht eine Muttersprache, da sie jene, welcher sie sich bedienten, gegen eine Landessprache eintauschten; nicht den alten Brauch, da sie ihn mit Leichtigkeit aufgaben, nicht ihre Kultur, da sie mit Leichtigkeit und sogar mit Begierde von jeder, die nur die Pforten ihres Gebäudes ihnen erschloß, schöpften, und das ohne Rücksicht, zu wem das Gebäude gehörte, mit welcher Farbe es bemalt war und was für Laute es füllten. Sie verteidigten mit mannhaftem Heldenmut nicht ihre Nationalität, sondern ihre Religion, und dabei ist nichts, was den moralischen Wert dieser Verteidigung verringern könnte. Man kann ein Christ bis in die innersten Seelenwandungen und das Mark der Knochen sein, man kann zu einem Martyrium in der Verteidigung des christlichen Glaubens bereit sein, und dennoch der Hehre der Beweggründe und der Willenskraft derer, die einem anderen religiösen Ideal sich zum Opfer darbringen, ermangeln. In diesem Falle handelt es sich nur um die genaue Bezeichnung der Natur des Ideals, welchem die Juden ihre Qualen und manchmal auch das Leben zum Opfer darbrachten. Nach meiner Ansicht war das vielleicht ein vollständiges und bestimmt im bedeutenderen Maße als ein nationales ein religiöses Ideal. Und damit habe ich die Erwägung des Problems, ob die Inden eine abgeschlossene Nationalität sind oder nicht, beendet. Ich habe diese Für und Wider angeführt, die sich meinem Gedanken darboten, und ohne sicher zu sein, alle erschöpft zu haben, glaube ich, daß sie genügen, um hinsichtlich dem Vorhandensein dieser Exklusivität eine sehr ernste Zweifelhaftigkeit zu erwecken. Ich bleibe gleichfalls der Ansicht, daß an der Lösung dieser Ungewißheit die aufgeklärten Geister beider Parteien '■ fleißig arbeiten sollen, fleißig aber ruhig, mit dem guten Willen, die Wahrheit nicht im Feuer des Hasses und der leidenschaftlichen Erregungen, sondern in den reinen Gewässern der Wissenschaft, und der historischen Untersuchungen zu finden. Von der Auffindung und Feststellung dieser Wahrheit hängt in dieser Sache nach meinem Ermessen ungeheuer viel ab, denn die Beibehaltung oder der Verlust der Hoffnung eines einstmaligen Verschmelzens der jüdischen mit der gegebenen Landesbevölkerung, muß für die Gegenwart und Zukunft beider Parteien kolossale programmatische und perspektivistische Veränderungen herbeiführen. Ich begreife sehr. gut, daß diese Wahrheit weder durch einige Federstriche noch sofort aufgelöst werden kann, daß im Gegenteil für die Wahrheitssucher die Zeit eine notwendige Bundesgenossin sein müsse. Nur die Zeit vermag eine hinreichende Anzahl von Dokumenten aufhäusen, die beweisen werden, ob das^ in den letzten Jahren unter den Juden entstandene nationalistische Ferment ein Heraussprudeln der Gefühle und Wünsche der ganzen jüdischen Volksmasse sei, oder eine künstliche Arbeit einer gewissen Gruppe von Individuen ist, die diesen Sauerteig unter dem Einfluß verschiedner Beweggründe, unter welchen man weder schlechte noch edle ausschließen soll, der Bevölkerung eingeimpft hat. Die menschliche Psychologie ist gemeiniglich ein aus Licht und Schatten geflochtener Knoten. Niemand soll aus gar keinem Anlaß aus seinem und dem anderen Gesichtskreis die Lichtseiten entfernen, es darf aber auch niemanden verletzen, wenn jemand in feiner Psychologie ein sich übers Licht ausbreitendes Dunkel entdeckt. In der Psychologie der Anführer der nationalistischen Bewegung existiert bestimmt die aufrichtige, obwohl zu frühzeitig feststehende Ueberzeugung von dem tatsächlichen Vorhandensein einer abgeschlossenen jüdischen Nationalität, und der noch mehr aus demokratischen Motiven fließende, obwohl auf einer irrigen Bahn, aber immer edle Wille durch das Einflüßen dieser Ueberzeugung, der . obskuren und leidenden jüdischen Volksmasse zu dienen. Das sind ihre Lichtseiten. Aber es ist auch in dieser Psychologie ein Widerwillen, wenn nicht gar ein Haß gegen die umgebende Nation verbunden mit einer sonderbaren, wie an Verachtung grenzenden Geringschätzung ihres Charakters, ihrer Kultur und Interessen, oder das ihre durch Arbeit von Jahrhunderten geformte Seele und deren heiliges, mit Tränen und Blut begossenes Recht üusmacht. Und das sind die Schattenseiten dieser Psychologie. Von der Masse der jüdischen Bevölkerung, das ist von dieser ihrer zahlreichsten Schichten, die in Armut oder Elend lebt, von der modernen Aufklärung nicht berührt und ganz vom bitteren Kampfe ums trockene Brot absorbiert, kann hier nicht die Rede sein. In solch obskuren, von einem bösen Schicksal verängstigten Volksmassen können gewisse und örtliche Stammessympathien oder Antipathien existieren, gewisse größere oder geringere Fähigkeiten zu Empfindungen und Bestrebungen allgemeiner und abstrakter Natur. Ein obskurer polnischer Proletarier, der unter den Füßen vaterländischen Boden und im Munde eine nationale Sprache besitzt, kann leichter von einer politischen Idee und den sie begleitenden Gefühlen durchdrungen werden als ein jüdischer Proletarier, der dies nicht besitzt. Immerhin aber ist die ungebildete Masse in der ewigen Anstrengung, den Sisyphusstein des physischen Elends von sich äbzuwälzen, ausgehend — ein hungriger und halbblinder Wanderer, der in den Palast der abstrakten Ideen und allgemeiner Empfindungen kaum manchmal durch einen schmalen Ritz hineinblickt, nicht recht verstehend, was er sieht und nicht sehr sich darum kümmernd. Alle Volksmassen' sind hinsichtlich der politischen Empfindungen und Begriffe.kaum ein Material, das durch diese