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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-03-22 · Heft 12 (22.3.1912) · p. Seite 140

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 12 (22.3.1912)
Date
1912-03-22
Page
Seite 140 (sequence 8)
Language
German
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Doch diese maßlose Arbeitsleistung untergrub seine Gesundheit vollständig. Das veraltete Leiden trat heftiger denn je auf, warf ihn aufs Krankenlager und bereitete seinen vielversprechenden Unternehmungen ein' jähes Ebbe. Er raffte sich' immer gewaltsam auf, um seine Arbeiten fortzusetzen, worauf sich sein Zustand immer mehr verschlimmerte. Seit vielen, vielen Monaten schon machte die ärztliche Wissenschaft vergebliche Heilungsversuche an ihm, und am 13. Oktober vergangenen Jahres wurde abermals ein operativer Eingriff Vvrgenommen. Obgleich die Aerzte selbst an dem Aufkommen Ujväris zweifelten, blieb er dem Leben erhalten und wird hoffentlich vollkommen gesunden. Das wäre nicht allein um seinetwillen, nicht bloß im Hinblick auf seine Familie wünschenswert, sondern auch im Interesse der jüdischen Literatur, welcher ec — so glauben wir zuversichtlich — noch manches Wertvolle schenken wird. Möge ihm ein gütiges Geschick dazu verhelfen, seine interessanten Entwürfe über die mannigfachen Probleme der ungarisch-jüdischen Gesellschaft ungehindert auszugestalten, und möge sein Bestreben, dem Judentum zu dienen, dem er mit schwärmerischer Liebe anhängt, auch außerhalb der Grenzen seines Vaterlandes Würdigung, Anerkennung und Förderung finden. R, T. Wer Milche Mstionslismus. Von Elise Orzeszko. lAus deren literarischem Nachlaß.) III. as die Bräuche, Sitten im Familien- und Gesellschaftskreise anbetrifst, haben die Einwohner der Stadt, in welcher ich schreibe, mit eigenen Augen diese ungewöhnliche Leichtigkeit gesehen, mit welcher sie von der jüdischen Gesellschaft bei der ersten von irgendeiner Sympathie und Hoffnung begleiteten Annäherung an die Kultur einer anderen Gesellschaft abgestreift werden. Ein Konservatismus in dieser Richtung, wie übrigens auch in anderer Beziehung, existiert nur bei der ungebildeten Masse, wer sich aber von dieser Masse wenn auch nur einen Schritt entfernt, wem auch nur ein Schimmer von. Aufklärung in den Kopf hineinblickt, dieser läßt alle Traditionen mitsamt Gebräuchen in die Vorurteil genannte Rumpelkammer fahren, wie es sonst bei anderen konsolidierten Nationen nicht vorkommt. Unter dem Einfluß von Zeit und Wandlungen in der nationalen Psyche, verändern sich überall die Sitten und Gebräuche, aber das geht auf dem Wege allmählicher Evolutionen, auf Kosten von Kämpfen zwischen den Generationen und Parteien vonftatten. Hier, wenn rasche Evolutionen sind, so geht es sehr rasch, wenn Familien- und Parteikämpfe stattfinden, dann sind sie kurz und haben einen religiösen Hintergrund. Der erste Hauch der Aufklärung fegt die Abgeschlossenheit fort, welche anderwärts große Fluten nicht vernichten können. Die gelehrtesten Engländer rührt noch der Anblick von Mistel und Heidekraut, mit welchen seine Vorfahren zu Weihnachten die Wände der Gemächer schmückten, die gebildetsten Deutschen setzen sich noch mit Befriedigung und Verehrung für die Vergangenheit an die Silvestertafel, beim Anblick eines Koutusz — polnischer Nationalrock — wird der aufgeklärteste und fortschrittlichste Pole ernst gestimmt und sein Auge wird vielleicht von einer Träne umflort. Gibt es solche, wenn auch nur.einigermaßen aufgeklärte Juden, die der Anblick von Sabbatlichtern weich stimmen oder der Anblick eines „Gulats" — der lange Oberrock der polnischen Juden — Nachsinnen verursachen sollte? Eine Exklusivität, die so leicht, so spurlos verschwindet, ist nicht jene Abgeschlossenheit, die das Blut und das Mark der Menschen durchdrungen hat und ihre abgesonderte nationale Individualität bestimmt. Von exklusiven, andere überragenden Fähigkeiten und Unfähigkeiten der Juden läßt sich nichts Positives sagen. Sie sind unbestritten mit großen Fähigkeiten ausgestattet, aber in verschiedenen: Richtungen, sie besitzen auf dem Gebiete der Wissenschaft und Kunst eine bedeutende Zahl großer Namen. Die geringste Befähigung zeigen sie für den Ackerbau, die hervorragendste für Handel und Finanzoperationen. Es ist dies ein Produkt der Geschichte.- Nach dem Verlust des väterlichen Bodens, den sie laut historischen Zeugnissen emsig bebaut haben, durch die Gesetzgebung vom Besitze und Bearbeitung fremden Bodens ausgeschlossen, büßten sie dieses Gefühls- und Jnteressenbindeglied ein, das den Menschen mit dem verknüpft, und gingen daran, diesen beweglichen kosmopolitischen Acker, wie das Geld es ist, zu kultivieren, sich im Laufe der Zeit darin eine große Geschicklichkeit erringend. Aber was immer auch dessen Grund gewesen sein mag, heute scheint es sicher zu sein, daß Handel und finanzielle Fähigkeiten die Juden auszeichnen und nebst dem religiösen Bekenntnis begleiten sie sie unter den anderen Nationalen als ein stabiles Gepräge der Exklusivität. Die Abgeschlossenheit der Juden kann man auch in dauernden Differenzen des physischen Typus mit den Typen der Nachkommen der arischen Rasse bemerken. Die Reinheit der jüdischen Rasse, die während langer Jahrhunderte sich nur selten und ausnahmsweise durch Ehen mit einer anderen Rasse kreuzte, offenbart sich durch gewisse winzige Unterschiede im Körperbau und durch bedeutendere in den Gesichtslinien. Diese Gemeinsamkeit kann man nicht geringschätzen, denn sie ist einer der Magnete, die Menschengruppen in abgesonderte Nationen zusammenfügen. Similia similibus, ähnliche streben zu ähnlichen, und diese Anziehung ist eine Kraft, die im potenzierten Zustand Liebe enthält. Eine der Ursachen, derentwegen der Mensch seine Nation liebt, steckt in seiner Ähnlichkeit zur Nation und umgekehrt. Nur daß die große Differenzierung und Verfeinerung des Wesens der Menschen durch die Kultur, die physische Ähnlichkeit nach einer immer mehr untergeordneten Stelle drängt, und nebstdem ist sie nicht bei den Juden eine allgemeine. Das Wohnen unter verschiedenen Graden der geographischen Breite, in einem verschiedenartigen klimatischen und Ernährungsmilieu hat ebenso wie ihre Sprache auch ihren physischen Typus differenziert. ' Anatol Leroy Beaulieu sagt in seinem bekannten Werke 'über die Juden, daß er nach dem Untersuchen der Schädel, Haare und Züge der Juden im Norden und Süden, im Osten und Westen zur Ueberzeugung gelangte, daß man den russischen und algerischen oder einen englischen und türkischen Juden zu einer ethnischen Gruppe nicht zählen könne. Nicht nur zu einer Nation, sondern selbst zu einer ethnischen Gruppe wagt der französische Gelehrte alle über dem Erdenrund zerstreuten Juden nicht zu zählen, denn solch einer tiefen Differenzierung unterlag ihr physischer Typus. Wir haben es hier also mit einem bei einer gewissen Kulturstufe untergeordneten Merkmal zu tun, welches, obwohl es in gewissen Ländern durch eine große Dauerhaftigkeit sich auszeichnet, in anderen dem Verschwinden unterliegt, und heute ist es schon der ganzen Bevölkerung der Welt nicht gemeinsam. Zum Schluß noch eine Bemerkung. Das, was vielleicht mit auffallendsten die Juden mit einem Scheine der nationalen Abgeschlossenheit einhüllt, was am tiefsten eine Grenzlinie zwischen ihnen und den anderen Völkern gräbt, ist diese Feindseligkeit von einer Seite, die durch lange Jahrhunderte die Nationen ihnen bewiesen, und diese ungeheure Ausdauer, die die Juden in der Verteidigung gegen diese Feindseligkeit dessen, was für sie ein gemeinschaftliches und heiliges Ideal war, offenbarten. Kein Unparteiifcher kann den Juden hochtragische und heldenmütige Blätter in der Geschichte dieser

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