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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-03-22 · Heft 12 (22.3.1912) · p. Seite 139

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 12 (22.3.1912)
Date
1912-03-22
Page
Seite 139 (sequence 7)
Language
German
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Ortrr Äjvän. ieser hochbegabte Schriftsteller ist der eigentliche Be- - gründen der ungarisch-jüdischen Belletristik. Vor ihm wurde dieses. G.ebiet wenig kultiviert, und was hervorgebracht wurde, enthielt entweder eine Verfälschung des jüdischen Geistes oder gar eine absichtliche Entstellung des jüdischen Typus. Erst ÜjvLris Meisterschaft blieb es Vorbehalten, da Werte zu schassen, welche ihn an die Seite der besten aller Länder stellen, die jemals in diesem Sinne sür das Judentum wirkten. Vor.42. Jahren als Sohn des orthodoxen Rabbiners in Ersekujvar geboren, wurde er schon als fünfjähriger Knabe in das Studium der Mischna und Gemara eingesührt. Von der Mutter — die ihren Kindern aus lebhafte, phantasievolle Art Geschichten aus dem Leben der jüdischen Vorfahren zu erzählen verstand und diese Gabe noch heute als 74 jährige Matrone besitzt — hat Ujvari wohl die Lust zum Fabulieren geerbt. Der Knabe versammelte dann seine Gefährten um sich und reproduzierte ihnen das Gehörte mit neuartigen Wendungen und selbstersundener Lösung. Als er zwölf Jahre alt war, starb sein Vater und lieh die Familie in sehr dürftigen Verhältnissen zurück. Das Gnadengehalt der Witwe reichte nicht sür sie und ihre vier unmündigen Kinder. Sie brachte den Sohn nach Nagy-Surany in die Jeschiwa des berühmten Rabbiners Philipp Plauth, wo er bald ein hervorragender Schüler wurde und als kaum Dreizehnjähriger seinen ersten literarischen Versuch — ein Purimspiel — schrieb. In dieser engen Welt lernte er seine Juden kennen und lieben, jene Juden, die sich mit Seelenstärke und moralischer Kraft über Not und Elend des Alltags hinwegsetzen, die ihr armseliges Los ohne Zähneknirschen tragen und von echtem Idealismus erfüllt, den Glauben an.eine sernliegeNde bessere Zukunft nicht verlieren. Dort lernte auch Ujvari, wie man die Miseren des Lebens von der humoristischen Seite betrachten kann. Von Wissendurst gequält, betrieb er im geheimen weltliche Studien und verließ als Jüngling von 18 Jahren die Jeschiwa mit dem Vorsätze, sich weiterzubilden. Tagsüber fungierte er als Erzieher und die Nachtstunden verbrachte er mit Lernen. Mit 22 Jahren wählte er die journalistische Laufbahn, und in Szeged, der zweitgrößten Stadt Ungarns wurde er alsbald Mitarbeiter, dann Hilfs- und schließlich verantwortlicher Redakteur bei den hervorragendsten politischen Tagesblättern. Später eroberte er sich in dortigen literarischen Kreisen eine führende Rolle und gründete dann einen eigenen Hausstand. In Szeged erschien 1905 sein erstes Buch „Legenden und Chroniken", das von der Kritik beifällig ausgenommen wurde, und dort wurde im Jahre 1906 Ujvaris erstes Drama mit Erfolg ausgeführt. Indes rächte sich diese ununterbrochene angestrengte Tätigkeit an seinem schwachen Körper, und schon im Jahre 1901 mußte er sich einer schweren Magenoperation unterziehen. Da er für seine Familie sorgen mußte, konnte er sich auch nachher keinerlei Erholungen gönnen, und als er vor fünf Jahren nach Budapest kam, war er ein physisch gebrochener Mann. Nur die Spannkraft seines Geistes war nicht erlahmt. In Budapest setzte er seine vielseitige journalistische Tätigkeit bei verschiedenen politischen Tagesblättern fort, nachts aber schrieb er Romane und Novellen für Wochenschriften, darunter für das konfessionelle Blatt „Egyenlös4g", und in dieser Epoche vollzog sich in Ujvaris schriftstellerischer Entwicklung, eine bedeutsame Wendung. Dem hochgeschätzten Redakteur dieses Blattes, Herrn Max Szabocsi gebührt das Verdienst,, die eminente Begabung Ujvaris nach der jüdischen Richtung hin als erster erkannt und gefördert zu Habens ereiferte ihn an, er bahnte ihm den Weg zum Entfaltung seines: Talents und er freute sich.seiner Erfolge,.- als wären es die., eigenen gewesen.. Im Jahre 1907 erschien in diesem Blatte aus: Ujvaris Feder der erste in ungarischer Sprache geschriebene' jüdische Tendenzroman „Der neue Christ" und erregte SensNation. Dieser Roman behandelt'den Uebertritt mit allen .-seinen: Konsequenzen: den inneren Zwiespalt derjenigen, die ihrem Glauben abtrünnig geworden und den daraus resultierenden tragischen Konflikt. Packend und lebenswahr ist die Gestaltung — dabei von den Lichtern des Humors umspielt. Dieses-Werk hat Ujväri dramatisiert und beim - Budapester Lustspieltheater eingereicht, wo es einer anerkennenden Kritik teilhaftig wurde. Von dessen Ausführung mußte aber seitens der Direktion nnt Rücksichtnahme aus die Empfindlichkeit gewisser Kreise der haute finance abgesehen, werden. (Im Deutschen Reiche hätte man diese Bedenken nichts Ujvari schritt nun aus dem eingeschlagenen Pfade fort, und was er da schuf, schrieb er aus innerstem Herzensbedürfnis. Es erschienen in rascher Folge „Menschen des Altertums", wo er uns die Kulturhelden der Vorzeit in geschichtlichem Rahmen vorführt; dann „Neue Legenden" und „Festtagstegenden". Diese sind in phantastisch-orientalischem Stil gehalten. In dem Roman „Beim Lämpchen" erzählt er teilweise Erlebtes und Erlittenes. Diese köstlichen Gestalten, ihr kleinstädtisches Leben und Treiben, ihr echt jüdischer Humor wirken mit lebendiger Naturwahrheit. Dieselbe Kunst der Kleinmalerei zeigt uns Ujvari auch in anderen Werken, wo ihm die Welt der Kastanjuden mit ihrem Ghettogeist als Milieu dient, wie beispielsweise „Juden im Nordost". „Die nach dem Monde auslugen". Solche Juden leben tatsächlich auf ungarischem Boden, in Dem nordöstlichen Grenzkomitaten, und Ujvari zeigt sie uns ohne jedwede Schönfärberei, in der scharfen Beleuchtung des' Tages mit ihren Fehlern und Tugenden und mit ihrer — Poesie. In diesem Milieu spielt auch sein Roman „Der tausendjährige Traum",- worin er eine rührend schöne psychologische Begründung des wundersamen Messiasglaubens sucht, welcher Glaube in den niedrigen Schichten der jüdischen Bevölkerung seit Jahrtausenden in ungetrübter Frische sortlebt.. Der jüdische Humor offenbart sich hier ebenso wie in anderen Schriften Ujväris. Bei dieser staunenswerten Produktivität ruhte aber auch' Ujvaris journalistische'Erwerbstätigkeit nicht; auch schrieb er mehrere Romane nichtjüdischer Tendenz, was an dieser Stelle jedoch nicht in Betracht kommt. Erwähnenswert sind aber' die Vorlesungen, welche Ujvari aus Einladung der „UngarisÄ-, israelitischen literarischen Gesellschaft", des „Israelitischen.-. Landeskulturvereins" und der literarischen Gesellschaft- „Koltur" in Budapest und anderen. Großstädten des Landes über lediglich jüdische Themata gehalten hat. Vor zwei Jahren gründete er die belletristische Wochenschrift „Szembat", um mit dem Milt der Ueberzeugung und Wahrheit für alle kulturellen Interessen des Judentums einzutreten. Um der arg vernachlässigten jüdischen Jugendliteratur auszuhelfen,- gab .er ein Kinderblatt mit dem Jugettdroman „Wolssblüt" als Beilage. rtjväii.

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