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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-03-22 · Heft 12 (22.3.1912) · p. Seite 134

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 12 (22.3.1912)
Date
1912-03-22
Page
Seite 134 (sequence 2)
Language
German
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sondern er kann eine solche Stellung nur erhalten, wenn.eine, Stelle frei ist, oder, wenn das Fach, das er Pflegt, und das bisher nur durch einen Extra-Ordinarius vertreten war, zu einer, öffentlichen Lehrstelle aüsgestaltet wird. Und hier bemerkt man nun die geradezu schmähliche Zurücksetzung der Juden. Gewiß glückt es manchen; wir haben in Preußen einen Ordinarius für Kunstgeschichte, einige für Mathematik und Astronomie, davon zwei in jungen Jahren, gar manche in der medizinischen Fakultät, vor allem auf dem Gebiet der Physiologie, je einen Professor für Geographie, für Philosophie und für Geschichte; für deutsche Sprache und Literatur, für die klassischen und orientalischen Sprachen dagegen gibt es keine jüdischen Professoren. Soviel germanistische Professuren in Deutschland, nicht bloß in Preußen, in den letzten 2—3 Jahrzehnten auch frei geworden sind, die Fakultäten haben in den seltensten Fällen daran gedacht, Juden, die zum Teil einen weltbekannten Namen und unbestrittene und treffliche Leistungen auszuweisen haben, vorzuschlagen, und der Negierung ist es niemals eingefallen, von dem Rechte der Berufung Gebrauch zu machen, das sie sonst gern selbständig ausübt. Damit soll nicht gerade gesagt werden, daß immer Mediokritäten vorgezogen sind, weil sie Christen waren. Aber jedenfalls haben die Angehörigen des christlichen Glaubens bei gleichen, nicht selten minderwertigen Leistungen es weiter gebracht oder sind schneller zu einer Stellung vorgeschritten, als die, an denen nichts anderes auszusetzen war, als daß sie Juden geblieben sind. Dieses Bewußtsein, hintangesetzt, bestraft zu werden nur wegen der Pietät und der Treue, dem idealsten Berufe sein Leben geweiht, alle seine Kräfte gewidmet zu haben und nicht wegen mangelnder Tüchtigkeit, sondern wegen der Angehörigkeit zum Judentum unberücksichtigt geblieben zu sein, zehrt am innersten Marke vieler. Diese allgemeinen Betrachtungen mögen zur' Kenntnis der Sachlage vorangestellt werden. Breslauer hat sich nun das Verdienst erworben, für drei Semester 1874/75 (vor der Mrkung des Antisemitismus) 1889/90 (Höchstbestand des Antisemitismus) und 1909/10 (gegenwärtiger Zustand) Erhebungen anzustellen. Aus seiner Zusammenstellung ergibt sich, daß Ordinarien waren: Christen: Juden: Getaufte: 1874/75 58 Prozent 141/2 Prozent 47 Prozent 1889/90 49 „ ' 161/2 „ ' 40 „ ' 1909/10 391/2 „ 12 „ „25 „ Das gleiche Resultat ergibt sich daraus, daß im Jahre 1909/1910 Juden waren 1. von allen Privatdozenten . 12 Prozent 2. von allen Extraordinarien . 9 3. von allen Ordinarien . . . 21/2 „ Was die einzelnen Universitäten nun anbetrisst, so kommt er zu dem Resultat, daß Münster, Würzburg, Tübingen, Rostock niemals jüdische Ordinarien hatten, daß die Verhältnisse in Erlangen, Kiel, Marburg und Gießen stehen geblieben sind, daß neue jüdische Ordinarien dort nicht hinzugekommen sind, daß sich in Straßburg, Königsberg und Güttingen die Verhältnisse leidlich entwickelt, die in Bonn, Halle und Jena verbessert haben, verschlechtert dagegen haben sie sich in Berlin, wo sich 1909/10 kein einziger jüdischer Ordinarius befand, und in Freiburg, wo 1874/75 kein getaufter Professor tätig war, während im September 1889/90 bereits drei, im Semester 1909/10 schon 12 getaufte Professoren waren. Am schlechtesten ist das Verhältnis in Breslau und Heidelberg, wo die Zahl der jüdischen Ordinarien zurückgegangen, die der getauften dagegen gewaltig gestiegen ist. Noch schlechter wird das Bild, je tiefer man in die Ziffern eindringt. Ich begnüge mich kurz hinzuweisen, immer nach den Breslauerischen Darlegungen, auf die medizinischen. Fa-' kultäten. Unter den Universitätslehrern sind: - Ordinarien dagegen Extraordinariem 1874/75 Christen 49 % Juden 14 % Christen 18 % Juden 30,%: 1889/90 - 38% ' . 13% , 25%%;28% 1909/10 „ 27% . 5% , 25 % / 22%% Nach vielen eingehenden Zusammenstellungen, die MH das Alter der Angestellten berücksichtigen, Zusammenstellungen, die hier des beschränkten Raumes wegen nicht wiederholt werden können, kommt der Verfasser zu folgenden Schlüssen: „Ueberall, wohin man blickt, von welcher Seite aus und nach welcher Richtung man die Ziffern betrachtet, immer und überall dasselbe Bild, die Juden zurückgedrängt, die getauften ihnen gegenüber bevorzugt. Was die Juden in Deutschland für die Wissenschaft geleistet haben und leisten, wird überall, nicht selten sogar von den Gegnern anerkannt. Daß sie auf den Universitäten zurückgedrängt worden sind, wird eine spätere vorurteilsfreiere Zeit nicht verstehen. Daß aber so mancher Jude, um aus den Universitäten vorzurücken, den Glauben seiner Väter verlassen hat, das ist.ein besonders trauriges Resultat. Diese Fahnenflucht mag heute zum gewünschten Ziele geführt haben; wie sie aber heute schon als ein Zeichen besonderer Charakterschwäche verurteilt wird, so wird eine spätere Ge-, neration, die den freien Blick für die Bedeutung der Wissenschaft nicht, verloren hat, sie wohl noch schärfer verurteilen, als das jetzt geschehen kann. Der Verband der deutschen Juden aber darf nicht ruhen, bis an den Universitäten Deutschlands den jüdischen Gelehrten diejenigen Rechte in Wirklichkeit zuteil werden, die ihnen nach Recht und Billigkeit und auch nach dem von religiösen Gesichtspunkten nicht beeinflußten Staatsinteresse zustehen." ms Die Woche. Berlin, 19. März. ir erhalten aus Paris folgende Zuschrift des Zentralkomitees der Alliance Israelite Universelle mij: der Bitte um Veröffentlichung: . „An die deutschen Komitees der A. I. U. Nach Prüfung des Statuts des projektierten Deutschen Landeskomitees sieht sich das Zentralkomitee der Alliance Israelite Universelle veranlaßt, nachstehende Erklärung abzugeben, die an die Herren Präsidenten der Bezirks- und Lokalkomitees' mit der gefälligen Bitte gerichtet wird, deren Inhalt den Mitgliedern ihres respektiven Komitees zur Kenntnis bringen zu wollen: 1. In den Statuten der Alliance ist vom Landeskomitee nirgends die Rede; dagegen heißt es in Artikel 16, daß „Bezirkskomitees in jedem Landesteil gebildet werden können, wo mehrere Lokalkomitees bestehen." Das Bestehen eines Landeskomitees verstößt also bereits an und für sich gegen die Statuten der Alliance. 2. Artikel 19 der Statuten der A. I. U. lautet: „Die Bezirks- und Lokalkomitees erstatten dem Zentralkomitee Bericht und empfangen von ihm Mitteilungen über jeden Gegenstand, der die Interessen der Gesellschaft berührt." Bezirks- und Lokalkomitees können also nebeneinander bestehen, ohne daß irgendeinem LokalRmitee die Verpflichtung auserlegt werden darf, sich einem Bezirkskomitee, geschweige denn einem Landeskomitee, anzuschließen. Es verstößt gegen die Statuten der Alliance, wenn man den Lokalkomitees das Recht absprechen will, mit der Zentralleitung in Paris zu verkehren und sie verpflichten will, daß sie dem Landeskomitee den alleinigen Verkehr mit dem Zentralkomitee übertragen, wie dies Artikel 8 des Statuts des Landeskomitees vorsieht. Es steht in Gemäßheit der Statuten der.,A. I. 11., jedem einzelnen Mitglieds sowie jedem Lokalkomitee frei, in direkter

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