Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1912)
- Date
- 1912-03-15
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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76. Jahrgang Nr. 11 Berlin, 15. März 1912 Beilage zur „Allgemeinen Leitung deß Judentums". Sorrrlpondm?m und Nachrichten. Deutschland. y. Berlin, 12. März. Die Gedenkfeier des hundertst e n' J a h r e § t a g e s d e r E rn a n ziPation der Jude n i n P r e rr ß e n beging die hiesige jüdische Gemeinde durch einen feierlichen Gottesdienst'in der Neuen Synagoge am vergangenen Sonntag. Das Gotteshaus war bis auf den letzten Platz gefüllt- und Hunderte, die es verabsäumt hatten, sich rechtzeitig Eintrittskarten zu beschaffen, mußten unverrichteter Sacheheimkehren. Der Vorplatzzum Allerheiligsten prangte im reichen Blumen- und Pflanzenschmuck, das Gotteshaus selbst, von dessen goldener Kuppel ebenso wie an den anderen Gebäuden der Gemeinde die schwarzweißrote Flagge flatterte, war festlich im Innern beleuchtet. Von Ehrengästen waren die folgenden Herren erschienen:'Polizeipräsident v. Jagow, Regierungsrat v. La t t o r f s, Bürgermeister Dr. ReickeStadtrat D it r ing, Geheimer Justizrat Abgeordneter Cassels der. Rektor der Handelshochschule Professor Dr. Binz, verschiedene Professoren der hiesigen Universität; von Charlottenburg die Herren- Stadtverordneten Gredh, Otto und Ruß; von Schöneberg die Herren Oberbürgermeister Do minie ns, die Stadträte Machowicz, Dr. Licht, Bart.elt und Fincke,. die Stadtverordneten Mich a l s k i, B e ck, Dr. Friedmann, Dr. Iacoby, Go tschalck; aus Neukölln die Herren Polizeipräsident Becher er, Oberbürgermeister Kaiser und fünf Mitglieder der Stadtverordnetenversammlung: ferner aus Weißensee Herr Bürgermeister Dr. Woelck und endlich aus Friedenau außer dem Herrn Gemeindeschösfen Sadee noch zwei Herren der Verwaltung. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde, das Rabbinat wie die Repräsentanten waren fast vollzählig erschienen. Eingeleitet wurde die Feier durch ein stimmungsvolles Orgelpräludium -und den Gesang der deutschen- Keduscha. Dann folgtedie Festpredigt des Herrn Rabbiner Dr. W eiße, der-etwa ausführte: „Es sei ein eigentümlicher Zug unserer Zeit, daß sich in ihr trotz aller Hast des Vorwärtsschreitens der Sinn für die Vergangenheit verfeinert und das Bedürfnis nach Pietätvoller Rückschau in ungeahnter Weise vertieft hat. - Die Geschichte ist uns aus einer Wissenschaft beinahe zu einer Kunst geworden,-zur Kunst, vergangene Zeitabschnitte nicht nur äußerlich zu überblicken, sondern auch gefühlsmäßig zu durchdringen: Diese innige Versenkung in die Vergangenheit,, die uns die Gedenktage großer geschichtlicher Ereignisse und hervorragender Persönlichkeiten festlich begehen läßt, hat iri-e tiefere Bedeutung, daß sie uns vergangene. Kulturepochen persönlich naherückt , und dadurch auch die Gegenwart im Lichte entwickelungsgeschichtlicher Betrachtung besser verstehen lehrt. Ein bedeutsamer Gedenktag ist es, den das preußische und mithin dasdeutsche Judentum Heute begeht. Ein Jahrhundert ist. verflossen, seitdem Friedrich Wilhelm III. den hochherzigen Akt der Emanzipation der Juden, den Männer wie Wilhelm v. Humboldt, Stein und Hardenberg durch ihre Wirksamkeit, vorbereitet hatten, in Preußen vollzogen hat. Unsere Gemeinde fühlt mit allen Bekennern des Judentums unseres Vaterlandes die Pflicht, diese Jahrhundertfeier in inniger Dankbarkeit zu begehen. -Mit hellem Jubel und jauchzender Begeisterungwurde die frohe Botschaft von unseren Vorfahren ausgenommen. Sie sahen die Schranken fallen, die lange Jahrhunderte hindurch ausgerichtet -waren. Voll Ergriffenheit lauschten sie dem Klang einer neuen Zeit, die eine neue Zukunft verhieß. Allerdings ging es 'mit diesen wie mit den meisten menschlichen Hoffnungen: die, trennenden Schranken wären nicht ganz gefallen, ja sie. wurden wieder aüsgerichtet, und dem Freiheitsjubel sind manche bittere Enttäuschungen und erneute Kämpfe um die Gleichberechtigung gefolgt, die bis auf die Gegenwart hinein' noch sortdauern. Das soll jedoch die Freude an dem Morgenrot der Freiheit, das vor einem Jahrhundert strahlend emporgeleuchtet hat, nicht trüben. Der Glaube an das Gute, die Hoffnung auf eine fortschreitende Entwickelung - lebten als eine tiefe religiöse Ueberzeugung im Judentum. So wollen wir in derfestlichen Stünde,- dawir in inniger Dankbarkeit des hochbedeutsamen königlichen Aktes gedenken, der den preußischen Juden. nach trüben Jahrhunderten zum erstenmal das. lange vorenthaltene Recht bürgerlicher Freiheit gebracht hat, nicht dos Schweren gedenken, sondern nur einen kurzen Rückblick auf das vergangene Jahrhundert richten und sehen, ob die Bekenner des Judentums sich wert des Vertrauens, würdig des hohen Gutes bürgerlicher Gleichstellung gezeigt haben." Die Festrede ging dann auf die historischen Daten und Belege ein, die den Nachweis erbrachten, daß die. Juden sich jenes hohen Gutes allezeit würdig gezeigt haben. Die Emanzipation fiel in die Zeit der Erniedrigung Preußens, da man alle Kräfte zur Reorganisation des Vaterlandes in dessen Dienst ziehen wollte. Am Geburtstage der edlen Königin Luise, in wehmütiger Erinnerung an die Verklärte, Unterzeichnete König Friedrich Wilelm III. das ihm von Hardenberg, vorgelegte Edikt, und noch am gleichen Tage teilte Hardenberg den Nettesten der jüdischen Gemeinde den Erlaß des Ediktes und seinen wesentlichen Inhalt mit. Ein Jahr später, als der flammende Aufruf des. Königs „An mein Volk" erging, da' wetteiferten die Juden zugleich ohne, jedes Besinnen in patriotischer Begeisterung mit ihren Mitbürgern. Etwa fünf Prozent der damaligen wehrfähigen Juden traten als Freiwillige unter die Waffen, 72 kehrten mit dem eisernen Ehrenzeichen für Tapferkeit geschmückt nach der Heimat zurück, eine ansehnliche Zahl wurde zu Offizieren — also vor hundert Jahren — befördert. Männer und Frauen, alt und jung wetteiferten in den jüdischen Gemeinden Preußens, patriotische Opfer begeisterten Herzens zu bringen. Die Ressource der jüdischen Kaufmannschaft in Berlin durfte die überhaupt erste Spende aus dem Altar des Vaterlandes niederlegen, ihr folgte bald die noch bestehende, von Moses Mendelssohn mitbegründete „Gesellschaft der Freunde". Hardenberg findet warum Worte der Anerkennung für das Verhalten der jüdischen Soldaten, deren warmen Heldenmut und rühmlichste Verachtung der Kriegsgefahren er hervorhebt. Aus den Schlachtfeldern im dänischen Kriege 1864 bluteten -auch Hunderte von'jüdischen Soldaten, 1866 zählte man -über tausend jüdische Soldaten in der preußischen Armee. Von ihnen sagt Theodor Fontane: Es'war, als ob sie sich das Wort gegeben hätten, der alten Vorstellung von ihrer Kriegs- Unlust und'Untüchtigkeit ein Ende zu machen. 1870/71 standen 5000 jüdische Krieger im Kampfe. Heber 400 wurden mit dem hohen eisernen Ehrenzeichen für Tapferkeit in der Schlacht -ausgezeichnet, eine ganze Anzahl hatte diese Ehrung vom König und Kronprinzen eigenhändig erhalten. In allen diesen Kriegen ist auch nicht eine Klage - über Haltung und Tapferkeit der Juden laut geworden, ihre Treue und Tapferkeit sehr oft bestätigt worden. Wenn den Juden seit -Beendigung der Kriege fast alle .höheren Ehrenstellen im Staate- und in der Armee bis jetzt versagt sind, so darf und wird dies dennoch, wie es unsere Religion vorschreibt, unsere Treue gegen das. Vaterland nicht beeinträchtigen, das uns die Ehren, die es uns in den blutigen Schlachten zuerkaunt hat, auch in- Zeiten des Friedens dauernd, nicht versagen wird. Doch dem Herrn sei Dank, die Zeiten des Krieges sind vorübergehend. Echter Patriotismus zeigt sich vor allem auch in den ruhigeren -Zeiten des Friedens. Da ist es des Bürgers hohe Aufgabe, in stiller, ernster Arbeit seine Kräfte zu entfalten und zu betätigen. Wir Bekenner des Judentums wissen, was wir unserem König und unserem Vaterland für die Zuerkennung der bürgerlichen Rechte, was wir deutscher Wissenschaft und deutscher Kultur zu danken haben. Auf allen diesen Gebieten durften auch wir Juden unserem Vaterlande im verflossenen Jahrhundert dienern" Mit dem Gelöbnis unwandelbarer Treue - gegen König und Vaterland wie auch gegen den ererbten Glauben unserer Väter schloß die eindrucksvolle Festrede. Nach dem. Gesänge der Engel ans' „Elias" von Mendelssohn ergriff das Wort Herr Justizrat Breslauer vom Vorstand der Gemeinde: Ein Freudenfest sei es, das heute die preußische Judenheit feiere, ein Tag der Erinnerung an das edle Gesetz, das der Staat den Juden, und das Preußen sich selbst geschenkt hat. Zur Römerzeit werden uns auch Juden als. elarissimi viri genannt. Die unleidliche Unterdrückung der Juden im Mittelalter sei bekannt., In Preußen ließ das Gesetz von 1671 die Juden in Berlin zu. Die Entwicklung der Judengesetzgebung führte, dann zu dem Gesetz von 1714 und zu dem Generalprivileg Friedrich Wilhelms im Jahre 1730, das unter dem