Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1912)
- Date
- 1912-03-15
- Page
- Seite 132 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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pro Exemplar). Der Mangel eines solchen Nachschlagewerkes -hat sich schon lange fühlbar gemacht und haben sich bedeutende Männer . durch Veröffentlichung ähnlicher Sammelwerke sehr verdient gemacht. Leider fehlt diesen Werken die Popularität.' Sie konnten den Zweck nicht erfüllen, durch richtige Auswahl. der .Biographien bedeutendster Juden sowie durch billigen Anschaffungspreis in die breiten Massen der jüdischen Bevölkerung zu dringen/ Es sind meist Werke, die entweder zu umfangreich, zu luxuriös ausgestattet, daher zu teuer sind, oder nur eine gewisse Gruppe (Aerzte, Philosophen/ Rabbinern Militärs usw.) enthalten. Durch diese meine Sammlung soll dieser Ein- , seitigkeit abgeholfen werden. ' Da ich aber gegenwärtig weitab von jedem Kulturzentrum wohne und mir kein so reiches Quellmaterial zur Verfügung steht, als zur Bearbeitung einer solchen Sammlung nötig ist, trete ich mit der höflichen Bitte an alle Kulturfreunde heran, mir durch leihweise Ueberlassung von Geschichtswerken (mit Ausnahme von Ewald, Jost, Grätz), alten und neuen Zeitschriften, Familiendokumenten usw., welche dem Unternehmen nützlich sein könnten, die endliche Redaktion der Sammlung möglich zu machen. . Ebenso wäre ich für etwaige Winke im Interesse dieser doch , recht guten Sache sehr dankbar. Die sehr geehrte Redaktion sowie all die geehrten Einsender werden in der Einleitung meines Sammelwerkes dankende Erwähnung finden. Indem ich mich der angenehmen Hoffnung hingebe, daß meine Bitte; allgemeine Berücksichtigung finden wird, um so mehr, als ich durch diese Arbeit absolut keine materiellen Vorteile zu beanspruchen gedenke und mir die Notwendigkeit eines solchen Werkes seitens berühmter Autoren bestätigt wurde, zeichne ich mit herzlichem Danke ganz ergebenst S. Mining er, Sereth (Bukowina). * D e t m o l d , 23. Februar'1912. Sehr geehrte Redaktion! Ihrem in Nr. .8, Seite 86 und 87, Ihrer Zeitung enthaltenen Jf Artikel über Mischehen usw. scheinen einige Unrichtigkeiten unterlaufen zu sein: 1. Die Abnahme der rein jüdischen Ehen ist (nach der abgedruckten Statistik) nicht 1,34 oder 17 Prozent, sondern 134 Stück (im Jahre 1909 gegen 1902) o d e r 1,7 P r o z e n t. 2. der Prozentsatz der Mischehen gegen die rein jüdischen Ehen (wiederum nach jener Statistik) ist irrtümlich auf 200 — nicht, wie Sie schireiben, aus 100. — angegeben. Im Jahrei 1909 gab es also nicht 25,4 Prozent Mischehen, sondern nnr 12,7 Prozent, immerhin eine erhebliche Ziffer. Indessen ist erfreulicherweise doch noch nicht jede vierte, sondern erst etwa.jede achte Ehe (bei Berücksichtigung der G e s a m t z i f f e r 8728 sogar nur etwa 11%.Prozent) eine Mischehe) wobei eine besondere Statistik über die Großstädte, insbesondere Berlin, erwünscht sein würde. Eine kleine Berichtigung in Ihrer nächsten Nummer dürfte wohl am Platze sein, schon als. „Beruhigung für ängstliche Gemüter". . . Ganz ergebenst . * Ein Les er. «-Wuf Seite 97 des Buches: „Die Sprachen der Juden", von Dr. Heinrich Loewe findet sich folgende Bemerkung: „. . . . jener o f t z i t i e r t e A u s s p r u ch e in e s d o g m a t i s ch - l i b e r a l e n Fanatikers in Berlin: „d as Hebräische als Gebetssprache ist Gott eslästetung" . . . . — Es liegt mir außerordentlich viel daran, den Ursprung dieser Aeußerung festzustcllen. Wann und w o ist sie gefallen? Wer ist ihr Urheber? Wo findet sich darüber etwas gedruckt? Für eine. aufklärende Mitteilung würde ich sehr dankbar sein. Dr. Felix Goldmann, Rabbiner, Oppeln. * die Anfrage des Herrn G. Schönebeck, welche Aussprache des Hebräischen, die der Portugiesischen, deutschen oder polnischen Jude» die historisch berechtigte sei, ist folgendes zu erwidern: Keine der drei genannten Gruppen hat die alte Aussprache des Hebräischen in allen Punkten treu bewahrt. Sie konnten es alle aus dem-Grunde nicht, weil sie das Hebräische so aussprechen, wie es der Sprechweise ihrer jeweiligen Muttersprache'(spanisch, französisch, verschiedene Dialekte des Deutschen usw:) .eben möglich war. Das Hebräische war zwar die heilige Sprache'aber schon für die Juden des frühen Mittelalters eine tote Sprache und teilte, was die Aussprache betraf, das Schicksal deh , Lateinischen, das sich in der Aussprache ebenfalls,injedem Lande der Volkssprache angepaßt hat. Herr' Schönebeck unterscheidet in seiner. Anfrage selbst bereits zwischen'Konsonanten und Vokalen. In der Tat müssen die beiden gesondert betrachtet werden. ' Die richtige Aussprüche derjenigen Konsonanten, die-den semitischen Sprachen eigentümlich find, wie des p, P oder der Reibelaute Spiranten) 2, *7, J ist bei keiner der drei genannten Gruppen erhalten; diejenige der übrigen Konsonanten bietet nur geringe Verschiedenheiten und stimmt im großen ganzen zu . der für das Althebräische vorauszusetzenden Aussprache. Auffälliger sind für unser Ohr die Verschiedenheiten der portugiesischen, deutschen und polnischen Juden in der Aussprache. einiger Vokale. Es betrifft dies die Vokale ~ ~ „nd •—,"p Zweifellos bewahren die portugiesisch?» Jude» mit der Aussprache ä, e, <7 den älteren Zustand; aber auch die deutschen und polnischen Juden haben diese Aussprache -einstmals besessen. Das ergibt sich aus der ganz, gleichartigen Entwicklung, die die Aussprache dieser hebräischen Laute und der entsprechenden des Mittelhochdeutschen im Laufe der Zeit genommen haben. .; Die deutschen Juden wohnten bekanntlich, ehe sie durch die Verfolgungen zur Zeit der Kreuzzüge und später gezwungen wurden, ihre Heimat zu verlassen und nach Ostdeutschland und Polen auszuwandern, größtenteils am Rhein, vornehmlich am Mittelrhein. Dorthin ivaren auch die aus Frankreich vertriebenen Juden schon vorher gekommen. Der deutschen Mundart also, die diese vertriebenen Juden nach Polen Mitnahmen, liegt der mittelrheinische Sprachgebrauch zugrunde. Diesem hatte sich auch die Aussprache des Hebräischen, speziell die der Vokale, angeglichen und die weitere Entwicklung der . hebräischen Vokale, im Munde der deutschen und polnischen. Juden geht parallel mit der Veränderung der entsprechenden Laute in den mittelrheinischen Dialekten. Das mittelhochdeutsche ä ist dort zu ö geworden; für „schlafen" spricht man daselbst und sprach man schon im Mittelalter „schlofen", für „raten" „roten" usw. Zum Teil ist diese Aussprache ja auch ins Hochdeutsche übergegangen, wenn wir „ohne" für mittelhochdeutsch „ane" sagen und „Odem" neben „Atem" haben. Bekanntlich ist diese Aussprache auch im jüdisch-deutschen Dialekt vertreten, und das lubräische ä hat die gleiche Entwicklung durchgemacht; also für hebräisch *p, das richtig jäd gesprochen Wurde, spricht der polnische und deutsche Jude seiner Muttersprache gemäß „joä". Ebenso ist in den mittelrhen,ische» Mundarten ö zu öu und e zu ei geworden, allerdings nur mit leisem Nochklang des u bezw. i. Daher sprechen die deutschen Juden für ^p kol „köul“ unb für schem „scheim“. In der jüdisch-deutschen Aussprache Polens, die ja in vieler Beziehung eine eigenartige Entwicklung genommen hat, sind die mittelhochdeutschen ö..'und e über öu und ei zu au und 'ei geworden, und dementsprechend spricht der polnische Jude die genannten hebräischen Worte ^p, q# „kaul“ und „schaim“ anS. Eme weitere . eigenartige Entwicklung des polnischen Dialekts des Jüdlsch-Deutschen ift es, wenn der Laut öu ans mittelhochdeutsch ö zu oi geworden ist; so erklärt es sich, wenn hier für Wsesie (Moses), das die polnischen Inden ^Uausede" sprechen, „Nöisobe" gesagt wird, genau so, wie dieser jüdisch-deutsche Dialekt für deutsches „groß" (über gröuss „gröiss“ oder für „Haufen" „Hoifen“ sagt. ... Aus dieser Entwicklung, von der.hier nur einige Haüptzüge ausgeführt werden konnten, geht deutlich hervor, daß die deütschi-Polnische Aussprache des Hebräischen nicht die. ursprüngliche ist, sondern daß die Portugiesische Aussprache die althebräischen 'Vokale reiner bewahrt hat. Wollten wir die Konsequenz.aus den vorstehenden Ausführungen ziehen, so wäre es. an der Zeit, die eigentümliche und nicht mehr zeitgemäße dialektisch-jüdische Aussprache der hebräischen Vokale aus unseren Schulen und Synagogen zu verbannen und durch -die richtigere portugiesische zu ersetzen, ebenso wie wir . ja den jüdischen Jargon in Westeuropa, auch nicht zu erhalten streben. . Dr. Siegmund Feist.