Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1912)
- Date
- 1912-03-15
- Page
- Seite 129 (sequence 9)
- Language
- German
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129 T hinter der Kirchhofsmauer harrenden Pferde und stoben auseinander." „Was erzählten unsere Emissäre aus den Provinzen?" „Zum Erzählen war keine Zeit; es galt alles in Sicherheit zu bringen. Das Reden verzögert die Arbeit. In kurzen Worten sagten sie, daß alles gut gehe, daß der gelegte Brand - überall glimme und bald lodern werde. Wir haben genug Leute, Waffen, Munition und Geld; es fehlt nur das Signal, das Sturmgeläute; dann kracht es im Gebälke und die Russen fliegen wie die Dohlen davon." „Es stimmt," sagte die Gräfin, freudig erregt.. -„Es stimmt mit den Aussagen des Grafen Kronowski und des Barons Marinski, die beide einzeln heute hier waren'ütnd bei bester Stimmung." '; „Und was sagten die beiden Antipoden?" „Sie waren fast einig in ihren Aussagen auf Grund gesammelter Berichte und gemachter persönlicher.Wahrnehmungen. Alles geht nach Wunsch; fast über Wunsch, namentlich auf dem Lande, beim Adel sowohl als beim Volke, das der Befreiung und der Fre i h e i t entgegenjubelt. Die Wälder beleben sich immer mehr; meist ist es die tapfere Jugend, die hinausströmt, von Amazonen begleitet, die ihren Mut anfachen und ihren Patriotismus beleben. In dunkler Waldeseinsamkeit wachsen die Lagerzelte . aus dem Boden. In Höhlen, Felsengrotten und Gestrüppen sind Wasfendepots angelegt. In jedem Edelhof sind Poststationen für Briefe und Boten errichtet. Für jede Stadt, jedes Städtchen sind Militärkommandanten . und Zivilverwalter ernannt. Lieferanten häufen Vorräte an bestimmten Plätzen, und Pferde bester Rasse harren der Reiter, die sich, ihrerseits in. den Dörfern im Schießen und Lanzenstecheneinüben, Ein weites Retz mit dichten Maschen überspannt das Land, schloß die Gräfin triumphierend, mit reizendem Lächeln, und wir hier halten die Schnüre." „Und dies alles will Graf Kronowski aus eigener " Anschauung beurteilt haben?" fragte der junge Mann mit Spott in.Stimme und. Gebärde. „Ich glaube nicht," lachte die schöne Frau, „der alte Geck ist nur noch Prahler, aber faul und feig; er zehrt von.seiner ehemaligen, nun verblichenen Bedeutung und dünkt sich, ein Svbieski. Die Herren in Paris glaubten, an die Spitze, des Exekutivkomitees keinen tapfereren und leistungsfähigeren Mann stellen zu können als diesen altersschwachen Veteranen. Zum Glück sind andere Leute dabei, zum Beispiel wir zwei!" Frau v. Pittborn streckte dem Besuch ihre beiden Hände entgegen, die dieser küßte. Zwischen diesen beiden jungen Personen schien auch ein anderes Band zu bestehen, das nicht bloß die Revolution gewoben, ein gemeinsames starkes Band der Sympathie oder Liebe. „Was ich an dir bewundere, liebe Hedwig, und was selten bei einer Frau zutage tritt, ist außer der unbegrenzten patriotischen Opserwilligkeit die stete Heiterkeit, das unerschütterliche Vertrauen in das Gelingen unseres gewiß sehr gewagten Unternehmens, dem ich mich erst anschloß und um den Beitritt der Meinen warb, als du meine Einführung in das geheime Konzil übernahmst und eine führende Stellung dem Fremden verschafftest, dem zuerst viel Mißtrauen entgegengebracht wurde, besondersvon unserem Präsidenten Kronowski. Sage mir aufrichtig, ob dies dein gewagtes Vertrauen in unsere Sache nicht auch ein wenig Schein, der Ausfluß persönlicher Tapferkeit ist — ob nicht zuweilen in die geheimen Falten deines Herzens doch ein Zweifel am Gelingen, die Angst vor einem Debacle hinabsteigen — ob nicht vor deinem Horizonte in stillen'nüchternen Stunden das Gebilde eines verheerenden Sturnies auftaucht, der unser Gebäude in Trümmer wirft?" . „Niemals!".rief die Gräfin.mit dem.Ton der Ueberzeugung. . „Solche Besorgnisse wären Schwäche und würden unsere . Tatkraft nur lähmen. Wir dürfen an die Möglichkeit einer Niederlage gar nicht denken. Unsere Zuversicht darf nicht den kleinsten Leck erfahren und nicht vom geringsten Zweifel angerostet werden. Wir müssen reüssieren und werden reüssieren, weil wir müssen. Schau, lieber Karl, hinter uns sind die Brücken abgebrochen, vor uns gibt es keine Umkehr, mehr; es gilt nur vorwärts, .und sollten wir dies Land in ein Leichenfeld und diese Städte in Trümmerhaufen verwandeln müssen. .Vorwärts, bis wir die - Russen Hinaustreiben aus unserem Besitze und in Polen Polen herrschen!" . . Man sah ihr die ehrliche Ueberzeugung und einen gewissen Grad von Fanatismus an. „Dieser Glaube, diese Zuversicht," versetzte Karl, „sind bewundernswert. Diese Energie macht die Frau zum Manne wie den Mann zum Helden. Ich gestehe, mir fehlt diese Zuversicht, wiewohl ich niemals wanken und weichen, niemals auch nur um Haaresbreite von meiner Pflicht zurückbleiben werde. Eingedenk der Treue, die ich dir und dem Vaterlan-de ...schwur, werde ich immer in der Bresche stehen und die mir anvertraute Fahne Hochhalten, aber was ich lebhaft bedauere, rückgängig machen wollte, ohne es zu können, ist, daß 'ich meinen alten Vater, ohne daß er die geringste Ahnung davon hätte, in die Sache hineingezogen und ihn so gewissermaßen meuchlings, im Schlaf, einer großen Gefahr exponiert habe." „Wieso denn?" „Nun, indem wir in seinem Hause, in seiner gottgeweihten Betstube ohne seine Zustimmung eine geheime Presse etablierten und arbeiten lassen." Die Gräfin klatschte schadenfroh in die Hände und lachte. „Im Hause eines Russophilen, einer Leuchte des konservativen, orthodoxen Judentums, der für Alexander II. betet und vor dem Grafen Berg in Ehrfurcht erstarrt, legt der entartete, aus Abwege geratene, in den Netzen einer jungen Frau gefangene Sohn eine hochverräterische Presse an!" „Und dieser Gedanke, liebe Hedwig," -sprach Karl weiter, und sein Gesicht hatte einen trüben Ausdruck; „ich gesteht dir, läßt mir keine Ruhe, belastet mein Gewissen wie ein-Mord. Stünde ich allein, ich könnte für unsere gemeinsamen Ziele alle Opfer bringen und alle Tollkühnheiten begehen. . Was läge dann an mir, wo es eine große Sache gälte? Aber meinen greisen Vater, den ich so sehr liebe und verehre, einen Mann, der auf ein rühm- und ehrenreiches Leben zurückblickt, möglicherweise in die Zitadelle bringenden Pest-feines friedlichen Daseins der Marter russischer Henker preisgeben — diese nicht unbegründete Furcht übermannt mich zuweilen wie Todesangst und ist stärker als aller Patriotismus." „Und als die Liebe zu mir," sagte die Gräfin kokett. Karl schwieg. Sein Schweigen schien eine Bestätigung. „Sei kein Kind, Mann," fuhr sie dann-fort, „lasse solche Hirngespinste nicht aufkommen, sie lähmen deine Kraft und verringern deine sonstige Energie. Wird es' je der Polizei einfallen, in jenen krummen, dunklen Gassen, wo die jüdische Loyalität haust und das alte Patrizierhaus deines' Vatevs steht, in jenen dem Gottesdienste geweihten Räume, in denen der fromme Rabbi täglich mit seiner gutgesinnten Gemeinde für die Wohlfahrt des weisen Zaren zum Himmel betet, nach einer unserer revolutionären Maschinen zu suchen, durch die der Absolutismus und das uns so feindliche Russentum in die .Lust, gesprengt werden sollen?" Die'Polizei hat tausend Augen," erwiderte Karl traurig und wie ahnungsschwer, „und unter uns gibt es doch auch seile Verräter. Meinen Vater hätte ich nicht irgendeiner Gefahr, einet Zufälligkeit, dem Vetrate eines. Spions oder -efixes übereifrigen Antisemiten aussetzen; faß. ■ Der Mnsatz; war zu groß und unkindlich." '