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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-03-15 · Heft 11 (15.3.1912) · p. Seite 128

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 11 (15.3.1912)
Date
1912-03-15
Page
Seite 128 (sequence 8)
Language
German
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,128 man nur. diese Schlußfolgerung ziehen, daß mau diese Millionen auf solch eine höhere Sprosse der Bildung heben müsse, auf daß sie das Bedürfnis empfinden, sich ein besseres Instrument zur Aeußerung ihrer Gedanken und Gefühle, als ein korrumpiertes Deutsch anzueignen, man kann aber nicht. . daraus folgern, er sei die nationale Sprache dieser Millionen. Der Jargon kam nicht zusammen mit dem historischen Auftreten der jüdischen Nation zur Welt, entwickelte sich. nicht und bereicherte sich nicht zusammen mit deren kulturellen Entwicklung und Bereicherung, er ist nicht die Frucht des jüdischen Geistes und seiner vielhundertjährigen Arbeit, er stellt nicht eine Schatzkammer dar,, in welcher durch Jahrhunderte Generationen von Schöpfern die Ausdrücke ihrer Gefühle und Gedanken niederlegten. Es wird doch wohl niemand in Abrede stellen, daß er all dies nicht sei, und somit ist er eine nationale Sprache ebenfalls nicht. Er ist auch deshalb keine nationale Sprache, weil er nicht ein organischer, solch lebendiger Bestandteil des Physischest und geistigen Wesens der Nation wurde, daß dessen Entreißen durch eine Uebermacht die Nation mit Schmerz und Zorn bis zum Knochenmark durchdringe. Jemand kann antworten, dies sei eine noch unerprobte Sache, denn man hat ja noch nie gegen den Jargon ein Attentat verübt.. Aber setzen wir einen Gewaltstreich voraus. Sind solche Juden vorhanden, die in der Verteidigung dieser Mundart sich Gefängnisstrafen und einer Verbannung aussetzen würden, die aus Liebe zu ihr sich selbst Gefahren Preisgeben würden, die bereit wären, ihrethalber öffentliche oder geheime Kämpfe aus Tod und Leben auszufechten? Ich vermute, daß niemand ohne ein Lächeln diese Frage lesen wird, denn so weit steht sie im Widerspruch mit. der Sachlage. Im Gegenteil, die Juden geben mit ungewöhnlicher Leichtigkeit bei der ersten Möglichkeit den Jargon für eine andere Sprache auf, und während für andere ethnische Gruppen ein Zwang zu solch einer Ablösung einer der empfindlichsten Schmerzen ist, betrachten sie diese als ein Zeugnis des Emporsteigens zu einem höheren gesellschaftlichen Niveau, als eine Quelle der Ehre und dieser oder jener Vorteile. Kann man solch eine Sprache als eine nationale anerkennen, die man aus Mund und Herz wie einen Handschuh ziehen kann, die man für ein Linsengericht oder aus Eigenliebe veräußern kann! Und der Jargon ist auch deshalb keine nationale Sprache, weil nicht alle Juden auf dem Erdrund sich seiner bedienen. Jene, welche außerhalb der Grenzen Rußlands und des ehemaligen Polen das Tageslicht erblickt haben, kennen ihn ganz und gar nicht. Ein französischer, englischer, algerischer, türkischer usw. Jude versteht ebensowenig den Jargon, wie ein polnischer oder russischer, der keine fremden Sprachen, beherrscht, die Sprachen der Genannten versteht. Also wie? Werden denn jene, den Jargon erlernen und ihre schönen^ reichen Sprachen, deren sie sich jetzt bedienen, gegen jene Mundart eintauschen? Das ist absurd! Niemand in der Welt möchte einen solchen Tausch eingehen, und selbst wenn er wollte, könnte er es nicht; niemand will und vermag auf. eine Sprache der Zivilisation, auf eine Sprache aus Erz, auf eine Sprache, des Gesanges wegen einer Mundart des Obskurantismus zu verzichten. Eine Nation, die so viel Sprachen redet, I wieviel Nationen es auf. der . Welt gibt? Contradicto in adjecto. Wir denken und behaupten immer, daß ein beispielsweise in Frankreich wohnender Pole, der unter welchen Einflüssen immer vergessen hat, Polnisch zu reden und diese Sprache im Kopse, dem Herzen und in dem Munde durch die französische ersetzt hat, sich von der polnischen Nation losgerissen, ausgehört hat, ein Pole zu sein. Und so ist es auch; selbst wenn dort im Innern des Wesens noch irgendwelche Ueberreste der Abstammung beständen, haben ihn. der Verlust der Liebe für die Heimat, die er verlassen, und der Verlust der Muttersprache, die er gegen eine andere eingetauscht,' aus' der polnischen Nation ausgeschieden. Haben denn in den Augen der Juden, die sich des Jargons bedienen, die anders sprechenden Juden oder vielleicht in den Augen dieser letzteren die jargonsprechenden aufgehört, Jude zu sein? Das ist absurd! . Ich weiß, daß im nationalistischen jüdischen Lager manche an der Reinigung, Bereicherung, Hebräisierüng des Jargons arbeiten, sich einbildend, ihn auf diese Weise, in eine Natiönalsprache umzumodeln. Ich glaube gern an die Aufrichtigkeit und den guten Glauben dieser Ueberzeugung, dieser Bestrebungen, aber sie sind ein Kapitalirrtum. Niemand vermag eine Nationalsprache auf Bedarf zu schaffen oder umzuarbeiten. Sie ist ein Produkt der Natur und der Zeit. Sie kommt zusammen mit der Nation zur Welt, zusammen mit dem Wachsen und dem Reifen der Nation wächst undreift sie. Man kann sie mit einem Faden vergleichen, den die Hand der Spinnerin aus der Kunkel herauswickelt. Die Seele der Nation ist hier die Kunkel, die Spinnerin die Geschichte. Eine gewisse Anzahl von Individuen, selbst mit den größten Fähigkeiten und den besten Absichten ausgestattet, ist. keine Nation, gewisse heftige Leidenschaften des Moments sind noch nicht Geschichte. Eine durch Einzelwesen und unter einer momentanen Aufregung gemachte Sprache wird sich nicht zur Würde einer Nationalsprache erheben, ebenso wie das Volapük oder Esperanto, trotz einer gewissen praktischen Nützlichkeit, nicht vermögen werden, die Nationalsprache zu ersetzen. rsas heimatlos. Aus der legten polnischen Revolution. Von Leo Herzberg.Fränkel. II. ichtsdestoweniger sprach der junge Mann mit leiser, kaum hörbarer Stimme; eine Vorsicht, an die er sich in seiner Verschwörerrolle gewöhnt hatte. „Wir trugen den Sarg hinaus, berichtete er, feierlich und zahlreich gefolgt. An Trauerkleidern und schluchzenden > Weibern fehlte es nicht. Die Geistlichen beteten, das Volk sang. Polizei und Militär salutierten dem düstern Kondukt. Der Sarg wurde versenkt, einige Erdschollen fielen polternd auf ihn herab und alles beeilte sich, den Kirchhof zu verlassen, als gerade ein heftiger Regen einsetzte. Ich blieb allein hinter ernem Monumente." „Allein?" „Allein; den Revolver in der Faust. Der Küster hielt vor dem Tore Wache; er gehört zu den Vertrauten und Verläßlichen. Die dichte Wolke verschleierte Mond und Sterne. Es herrschte wirkliche Grabesstille. Die Toten schweigen und das Leben flieht zur Abendzeit diese Stätte ewiger Ruhe. Ich mußte warten, lang und bang — endlich kamen sie — nein, sie kamen nicht, sie entstiegen unhörbar wie die Schatten den Gräbern, . und ich, hörte hart neben mir das verabredete Zeichen, auf das ich antwortete. Drei Männer standen sofort neben mir, Wir sprachen wenige unerläßliche Worte und griffen zu den Späten. Das Plätschern des Regens und das Pfeifen des Windes verdeckten jedes Geräusch. Das frisch geschaufelte Grab war bald aufgewühlt, der Deckel des Sarges gesprengt und die darin, enthaltenen Proklamationen, Befehle; militärische Verfügungen, Steuerkataster und sonstige Drucksorten entnommen, mit denen die mitgebrachten Handtaschen gefüllt wurden. Dann übergaben wir unseren Leuten die eingehobenen Steuergelder samt Rapports, bestiegen die

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