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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-03-15 · Heft 11 (15.3.1912) · p. Seite 127

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 11 (15.3.1912)
Date
1912-03-15
Page
Seite 127 (sequence 7)
Language
German
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festigung und Nichtpreisgebung' der Eigenschaften und.Merkmale, die diese Exklusivität bestimmen? / Hier lenke ich die Aufmerksamkeit aus die Form der An-' frage, die ich dem obigen Satz verleihe. Ich behaupte nichts und entscheide über nichts. Ich frage, erbitte eine Analyse, den Grundstein der Sache stelle ich zur Besichtigung aus. Was für Eigenschaften und Merkmale bestimmen eine nationale Individualität, ihre Exklusivität von allen anderen Individualitäten? .1. Das Nest, das Milieu, in welchem die Nation entstanden und ihr historisches Leben zugebracht hat, oder ihr väterlicher Boden am gesundesten für die Leiber ihrer Kinder, für die Seelen voll Andenken und Zauber, für die Herzen — am geliebtesten. 2. Die Sprache, die gleichzeitig mit der Nation zur Welt kommt, d'ie zusammen mit der Entwicklung der Nation sich entwickelt -und bereichert, diedie Frucht des Geistes der Nation und ihrer jahrhundertelangen Arbeit ist, in welcher sie die durch Jahrhunderte angesammelten Schätze von Gefühlen und Gedanken findet, die sich so mit der Physiologischen und Psychischen Natur der Nation vereint hat, daß sie ihr wie eins der Leibesorgane und wie eine der Seelenmächte vorkommt, von welchen sie sich ohne großen Schaden und Schmerz nicht trennen kann, und welche sie sich ohne Kampf auf Leben und Tod nicht entreißen ließe. 3. Familen-, Gesellfchafts- und andere Gebräuche und Sitten, die unter dem Einfluß verschiedener Faktoren des Physischen und moralischen Milieus entstanden und so mit dem Gemüts- und Geistesleben der Nation verwachsen sind, daß die in ihr stattfindenden kulturellen Evolutionen nur langsam, mit Mühe, mit Kampf sich, entwurzeln und .Verwandlungen sich fügen können. 4. Das Hervoragende gewisser Charaktereigenschaften und geistiger Fähigkeiten, wozu sich eine Hinansetzung anderer Eigenschaften und Fähigkeiten gesellt. .Das Vorhandensein von nationalen Fähigkeiten und Unfähigkeiten, Mängeln und Tugenden ist unzweifelhaft, wasnicht bedeutet, als wären andere Nationen der einen oder der anderen ganz beraubt, sondern aus Differenzen, Zusammensetzung und Gestaltung, die unter den Nationen Vorkommen, hinweist, und deren Quelle liegt in so verständlichen und allgemein bekannten Ursachen, daß man sie vor mehr oder weniger gebildeten Menschen nicht aufzuzählen braucht. Sehen wir jetzt, ob und inwiefern die obigen, die Exklusivität einer Nation bestimmenden Merkmale sich, im Besitz der jüdischen Bevölkerung im allgemeinen, nicht nur der in Polen ansässigen, sondern auch der über die ganze Welt zerstreuten, befinden. / Jenes historische Verbrechen, das man Eroberung nennt, - entriß den Juden vor vielen Jahrhunderten ihren väterlichen Boden. Sie verteidigten ihn mit einer Hartnäckigkeit und einem Heldenmut, die eines der tragischsten Blätter in der Geschichte der besiegten und unterjochten Nationen bildeten. Dem römischen Koloß gegenüber nicht zahlreich und schwach, kämpften sie mit ihm bis zur äußersten Möglichkeit,, und der Uebermacht, welcher die Hälfte der damaligen Welt sich schon ergeben hatte, unterlagen sie als die letzten. Darstals, y damals, zu Bar Kochbas Und der Makkabäer Zeit, zu jener Zeit, deren entsetzliches Bild Josef Flavius in seinem Werk geschildert hat, waren sie eine Nation, eine ihre Wiegenftätte so heldenmütig verteidigende, exklusive Nation, wie sie wahrscheinlich ihr Vaterland leidenschaftlich und grenzenlos liebten. Aber trotz alledem büßten,sie dieses Stammhaus ein. Sie wurden von jener allergrößten Niederlage heimgesucht, , die eine ihrer Schriften mit den Worten bezeichnet: „Wehe dem Menschen, der das Vaterland verloren." Nachdem sie die politische Unabhängigkeit des Vaterlandes eingebüßt hatten, verließen sie es und zerstreuten sich über die weitgestreckten. Gaue'des Reiches, das' sieihnen entrissen.' ‘ .. Warum taten sie dies? Wir stoßen hier auf ein ungeheuer interessantes Problem, das,, wie mir scheint,, bisher nicht genügend aufgeklärt wurde. Die Gallier, Iberer, .Briten,. Griechen, gleichfalls von den Römern besiegt, blieben in, ihren ebenfalls ausgesaugten, geplünderten Heimatländern,, und die Zeit der Niederlage aushaltend, verloren sie nicht das Vaterland. Und auch heute sehen wir mit unseren Augen auf besiegte Nationen, die, alle möglichen Vexationen, Qualen und, Plagen erduldend, -bei ihrer Wiegenstätte ausharren,, durch die äußerste Notwendigkeit daraus entfernt, nach ihr sich sehnen, zu ihr zurückkehren, an sie . mit der Macht der Anhänglichkeit gekettet, die mit der zunehmenden Stärke ihres Unglücks sich noch steigert. Es mag sein, daß das Räumen Palästinas gleich nach der endgültigen Eroberung zum großen Teil der schrecklichen Verwüstung zuzüschreiben ist, die eine lange Reihe bewaffneter Aufstände der Juden auf dieses Land heraufbeschlvoren hatte. Aber dieser Grund erklärt nicht genügend den Ausnahmefall, und wer weiß, ob man in ihm nicht einen schon damals trotz der frischen patriotischen Kämpfe vorhandenen Keim einer Neigung oder kosmopolitischer Instinkte, der schon damals, vielleicht unter dem Einfluß patriotischer Verzweiflung, verschwindenden Anhänglichkeit ans Vaterland erblicken kann. Aber wie immer es am Anfang gewesen sein mag, haben die Juden durch das Verlassen der Heimat im Laufe der Zeit auch dieses sehr wichtige Merkmal der nationalen. Exklusivität, die die Liebe für den väterlichen Boden bildet, einbüßen müssen. Diese Liebe, durch den Besitz des eigenen Landes gehegt und gepflegt, dieses Merkmal nationaler Abgeschlossenheit, haben die Juden nach dem Verlassen Palästinas verloren und nie mehr wiedergewonnen. Ich bin weit davon entfernt, ihnen das als. Schuld und Mangel anzurechnen. Sie wohnten in fremden Ländern, auf eine grausame Weise gemartert und verfolgt, im besten Fall äuf die untersten Sprossen der gesellschaftlichen Leiter gedrängt, und so kannte unter den Steinen der Leiden und des Grolles die zarte und. zugleich üppige Blume der Liebe für die Heimat nur mit Mühe emporsprießen und war der Vernichtung ausgefetzt. Ich will auch nicht behaupten, daß es keine Ausnahmen gab und gibt. Es existieren sicherlich Juden, die den französischen, -deutschen, polnischen Boden mit gleicher Kraft' wie dessen „leibliche" Söhne lieben — aber auch dies scheint sicher zu sein, daß, wie sie nur das Land lieb gewinnen, sie Franzosen, Deutsche, Polen werden, und dann kann man nur schwer bei ihnen eine nationale jüdische Exklusivität herausfinden. Der Jude besitzt also entwedernicht, jenes Merkmal nationaler Exklusivität, das die Liebe für die Heimat ist, oder wenn er es besitzt, ist er nahe daran, etwas anderes als ein national denkender Jude zu sein und geht in der Nation, in deren Mitte er lebt, auf, Und. jetzt die Sprache. Kann jemand denn ernstlich glauben, daß . der Jargon, dessen die jüdische Bevölkerung in den. Grenyen des ehemaligen Polen sich bedient, eine Nationalsprache der Juden war und jetzt eine solche ist? Das läßt sich kaum annehmen, denn es ist doch allgemein'bekannt, daß die Juden ihn stach Polen aus Deutschland und nicht aus-Palästina mitgebracht, und daß er nichts anderes ist als ein mit Bestandteilen aus anderen Sprachen gespicktes Deutsch, somit also die Nationalsprache der Deutschen, aber nicht , der Indem Ihre Nationalsprache, das.Hebräische, haben die Juden zugleich mit der Räumung Palästinas verloren und ebenso, wie die Heimat nie mehr wiedergewonnen. Aus'dem von den jüdischen Nationalisten angeführten Argumente, daß der Jargon die Sprache von Millionen Menschen sei, kann

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